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Fusions-Kocher

Utz-Hellmuth Felcht: Der Chemiker hat vier Unternehmen zu einem Konzern, der neuen Degussa, zusammengeschüttelt - ohne Dampf, Reaktionshitze und Geräusch. Jetzt kämpft er für die Haltbarkeit des künstlichen Gemischs.
Von Sibylle Zehle
aus manager magazin 9/2001

VON SIBYLLE ZEHLE

Labor, weißer Kittel. So fängt er an. Der Chemiker kann sich gar nicht vorstellen, "dass man morgens zu arbeiten beginnt und keinen Kittel überzieht". Eines wollte der Chemiker freilich nie: nur so "vor sich hin kochen". Ihn hat sofort interessiert, "was mit dem Zeug passiert, das wir im Labor herstellen und vor allem: wie so ein Unternehmen funktioniert".

Das lernt der Chemiker, aus dem ein Manager wird, schnell. Utz-Hellmuth Felcht macht bei Hoechst Karriere - und muss am Ende, als Vorstand, mit ansehen, wie das Herz des Hauses, wie das Chemiegeschäft, abgestoßen und er überflüssig wird.

Im Labor hat er Mittel entwickelt, die man Kunststoffen zusetzt, um sie schwerer entflammbar zu machen; so genannte Flammschutzmittel. Als Manager gilt der Chemiker heute als robuste, bei Hoechst gehärtete Führungsfigur, der man zutraut, selbst schwierige Fusionen zusammenzuschütteln - ohne viel Dampf, Reaktionshitze und Geräusch.

Felcht führt die neue Degussa. Das Dax-Unternehmen ist der drittgrößte deutsche Chemiekonzern nach BASF und Bayer. Und inzwischen das größte Spezialchemieunternehmen der Welt. Das schreibt sich schön dahin. Im wirklichen Leben ist die neue Degussa das Neben-/ Abfallprodukt der Großfusion Veba/Viag zum Energieriesen Eon, nämlich eine von oben verordnete Verschmelzung der Chemietöchter Degussa-Hüls (Veba) und SKW Trostberg (Viag).

Felcht empfängt uns passenderweise mit Blick auf eine Großbaustelle. Es ist sein Ausweichbüro auf dem Münchener Flughafen. In Düsseldorf wartet die Degussa noch darauf, dass sie ins alte Eon-Haus einziehen darf - Eon baut neu. Draußen drehen sich riesige Kräne.

Ist diese neue Degussa mehr als ein Höllenjob auf Zeit? Felcht: "Erstens: Wenn ich mich nicht selbst einbringen kann, bin ich höchstens halb so gut, wie ich sein kann. Zweitens: So eine Aufgabe können Sie ohne Bauchgefühl gar nicht machen."

Die neue Degussa, das sind genau genommen vier Firmen, vier Historien, vier Kulturen. Der größte Brocken - die Frankfurter Degussa: Gold und Silber, ein Traditionsunternehmen, ehrwürdig, kopflastig, schwerfällig und ein bisschen arrogant. Die Frankfurter würgten gerade noch Hüls herunter, ohne Appetit. Die Hausaufgabe Fusion Hüls/Degussa hatte der liebenswürdige Chef, Uwe-Ernst Bufe, nicht bewältigt.

Weitab davon, im anmutigen Chiemgau, forschte und produzierte SKW Trostberg. Seit 1998 leckte sich dort Felcht als Vorstandsvorsitzender die Wunden, die ihm Jürgen Dormann im Vorstand der Hoechst AG geschlagen hatte. Und verschaffte sich Balsam - wie mit der schnellen und reibungslosen Einverleibung der Essener Goldschmidt AG.

Die von den Großstrategen verordnete Fusion Degussa-Hüls/SKW Trostberg war ein Kulturschock - für alle Seiten. Felcht seufzte in kleinem Kreis. Er sah keinerlei Synergien.

Die neue Degussa war ein Unternehmen auf dem Papier. "Wann hat man schon die Möglichkeit, einen großen Spezialchemiekonzern zusammenzubauen?", sagte Felcht den Medien später artig.

Fusionsszenarien wurden entwickelt - im Chiemgau wie am Main. Es war ein Machtkampf. Bei der bedächtigen Degussa herrschte das Gefühl vor: Wir haben Hüls geschluckt, da werden wir Trostberg auch noch schaffen. Derweil stieß ein SKWler beim Surfen auf eine Schildkröte im Internet. "We will be faster" stand drunter. Und so zog Felchts Dream-Team ins Gefecht: als "Turtle-Group".

Sein Konzept - so dezentral wie möglich, so zentral wie nötig -, meint Felcht heute, sei dann wohl offensichtlich das Bessere gewesen. Tatsächlich waren die Strategien aus Frankfurt und Trostberg am Ende austauschbar. Beide, Felcht und Bufe, wussten, was die Eon-Spitze wollte. Und beide wollten den Job.

In den Medien wogte es. Proporzgründe. Intervention der bayerischen Staatsregierung. Aber das war, wie aus verlässlicher Quelle zu erfahren, "alles Quatsch". Das Los ist einfach auf den handfesteren, bodenständigeren, belastbareren Mann gefallen. Auf den, der mehr im Alltag glänzte - als am Abend auf dem Parkett.

Wenn Felchts Lesebrille zur Nasenspitze rutscht, sieht er aus wie ein Chemielehrer. Allein die nicht ganz unauffällig gewachsenen Ohren verleihen ihm etwas Schlaulauerndes, Listigabschätzendes, ein Gewiefter ist das, so einer ertappt einen beim Mogeln. Er wirkt zupackend, spontan, kommt schnell auf den Punkt.

24 Jahre Berufsleben. Von 1977 bis heute, zählt er auf, waren es zwölf verschiedene Jobs. Und immer dazugelernt.

Jeder Merger laufe unterschiedlich, meint Felcht. An ein paar Grundsätzen aber hält er fest - hohes Tempo und intensive Kommunikation. "Jeder Mitarbeiter muss wissen, wo dran er ist." Mit der Fusionszeitung "X-plus" hat er sie auf dem Laufenden gehalten. Jeder durfte sich, auch anonym, in einem Chatroom ausweinen. Einmal wurden Felcht die Vorwürfe zu bunt, und er hat sich eingemischt: "Du bist nicht angemeldet", kam als Antwort zurück.

Felcht schnoddert gern, aber die menschenverachtende Sprache mancher Manager benutzt er nicht. Mitarbeiter, das spürt man, sind für ihn nicht bloße Stückzahlen, er trifft den Ton bei Betriebsräten, ringt um sozialverträgliche Lösungen. "Der ist kein Kalter", sagt einer, der ihn als Arbeitsdirektor bei Hoechst erlebte.

Felcht pflegt die väterliche Attitüde. "Sie wollen hier in Frankfurt anfangen?" fragte er eine Bewerberin. "Und Ihr Mann ist in Regensburg?" - "Was interessiert Sie das?" pampte die zurück. Felcht: "Weil ich nur Mitarbeiter gebrauchen kann, deren Privatleben in Ordnung ist."

Der Manager, der seit 28 Jahren mit einer Apothekerin eine Musterehe führt ("Wir unternehmen alles gemeinsam"), bindet gern auch die Ehefrauen der Angestellten mit ein. In Trostberg, erzählt er, gab es Frauen, die kannten die Chefs ihrer Männer nicht - obwohl die schon über zehn Jahre zusammenarbeiteten. Kinder, das geht doch nicht, hat er gerufen und ein Fest organisiert. So was freut ihn: "Das ist well spent money."

Was ist die neue Degussa? Wie kriegt sie Kontur? Wie macht man sie bekannt? Manchmal zerreißt es ihn fast: Degussa ist in allem, aber keiner weiß es. Er fragt: Was darf Eiskrem nicht? Sie darf im Kindersitz auf dem Rücksitz eines Autos zehn Minuten lang nicht tropfen. Also gibt es eine Variation von Texturierungsmitteln, die das verhindern. Er springt aus dem Stuhl. "Aus Algen! Schon wenn Sie von Banane auf Erdbeere wechseln, bedeutet das eine Veränderung der Textur." Und sagt, ganz flüssig: "Den Zehn-Minuten-Tropftest muss jedes Eis bestehen."

Wer mit Felcht ein paar Stunden verbringt, weiß am Ende, warum ein Wackelpudding wackelt ("Ein ähnliches Additiv wie bei der Erdölbohrung"), Shampoos schäumen, Majonäse Zersetzungsversuchen standhält. Es sind die "magic ingredients" der Degussa.

Tief in seiner Chemiker-Seele scheint ihn zu grämen, dass die Spezialchemie ihren Kunden nur im Verborgenen dient. Wer will schon einen Degussa-Hinweis auf dem Joghurtbecher? "Aber die Biokulturen", grinst er, "stammen trotzdem von uns."

Er singt das Lied der neuen Degussa in allen Tönen. "Seid stolz auf die Vergangenheit - lasst uns jetzt die Zukunft gewinnen", predigt er den 63 000 Mitarbeitern. Er hat Spaß an griffigen Slogans und am neuen Signet: Name von Degussa, Farbe von Hüls, Punkt von SKW; die alte Degussa, die hatte Gold, die hatte Silber, das haben wir alles nicht mehr, wir sind neu, sind multikulti.

Felcht lebt die neue Degussa. Das ist offensichtlich. Die Eon-Spitze habe ihm freilich einen Vorstand an die Seite gestellt, berichten Insider, der allein dem Proporz genüge. Klein, aber mein. Arbeitsdirektor Thomas Schoeneberg (ehemals PreussenElektra), Stratege Alfred Oberholz (von Hüls), Finanzmann Heinz-Joachim Wagner (von Degussa), drei Vorstände, drei Richtungen. Felcht erhalte vom Finanzressort nicht mal alle Zahlen. "Mit diesem Vorstand ist Felchts Aufgabe eine Mission Impossible."

Auch die Finanzmärkte haben die neue Degussa noch nicht entdeckt. Der Börsenkurs dümpelt. Die Gewinnwarnungen der Wettbewerber ziehen auch die Degussa-Aktie in Mitleidenschaft. "Das ist Knochenarbeit", sagt Felcht einmal, "da ist kein Glamour."

Er ist bescheiden aufgewachsen. Als ältestes von vier Kindern. Der Vater, Berliner und einst Sauerbruch-Schüler, überlebt Stalingrad, schwer verwundet. Fängt bei null an nach dem Krieg. Zwei Kinder sind schon da. Da ist er in den öffentlichen Dienst gegangen, wird Kreisarzt im Gesundheitsamt. Wenn du ein Fahrrad willst, sagt der Vater, geh' in den Ferien arbeiten, die eine Hälfte verdienst du, die andere kriegst du dazu. Da ist Utz ("Der Name - für einen Jungen ein Albtraum!") dann in die Fabrik oder auf den Bau.

"Ich war nicht der kleine Junge, der die Waschküche in die Luft gesprengt hat", sagt er. In der Familie hatte es nie einen Chemiker gegeben. Aber Felcht hatte einen Lehrer, Spätheimkehrer aus Russland, den hat er bewundert, dessen bescheidene, menschlich überzeugende Art, der hat ihm beigebracht, wie interessant Chemie sein kann.

Mindestens so geprägt hat ihn als 16-Jähriger ein Austauschjahr in Virginia, USA. Zum ersten Mal erlebt er eine andere Kultur. Das kommt ihm noch heute zugute: Erst mal gucken, hinhören, warum machen die das anders, was machen die anders - bevor du Urteile abgibst.

1968 verlässt er als Oberleutnant der Reserve die Bundeswehr. Hat sich so Geld fürs Studium verdient. An der Front der 68er kämpft er dann nicht. Aber er versteht deren Aufbegehren. Die "Scheinliberalität" in der Gesellschaft, die Ausblendung des Dritten Reichs in Schule und Elternhaus, all das sieht er auch.

Der ehemalige Hoechst-Vorstand Karl-Gerhard Seifert erinnert sich an ein Telefonat, das er, damals Leiter der Zentralen Direktionsabteilung, mit einem Forscher aus dem Hauptlabor hatte. "Mir war ein Projekt zu teuer, da hat mir der junge Mann mit einer Bestimmtheit widersprochen, so was hatte ich noch nicht erlebt." Es war Seiferts erstes Gespräch mit Felcht.

Später haben die beiden Freundschaft geschlossen. Seifert, inzwischen Unternehmer, ist dann als erster von Hoechst gegangen. In Jürgen Dormanns Life-Science-Strategie hatte Chemie keinen Platz. Chemiker Felcht bleibt noch ein Jahr. Vielleicht ein Jahr zu lang. "Was Felcht da erlebte, würde man heute Mobbing nennen", erinnert sich ein Weggefährte.

Ich lasse mich nicht verbiegen. Ich bin nicht verbiegbar. Du hast dich nicht verbogen. Felcht sagt derartige Sätze so oft, gefragt und ungefragt, dass man kein großer Psychologe sein muss, um zu ahnen, dass er es heute auch im Eon-Reich nicht leicht hat. Die Desinvestitionen sind bisher gut gelaufen, schneller als der Plan. Die ehrgeizige Restrukturierung aber, sagen seine Kritiker, lasse auf sich warten. Das Kostensenkungsprogramm habe bis heute nicht gegriffen. Das Ergebnis sei - ungeschönt - nicht besser als bei der Konkurrenz. Und auch der Erwerb des britischen Feinchemieunternehmens Laporte freut nicht alle so wie Felcht ("Das war unser erstes gemeinsames Baby, das hat uns zusammengeschweißt").

Laporte, hört man von gewichtiger Seite, sei viel zu teuer gewesen. Ganz so im freien Raum - wie Felcht gern glauben macht - handelt er bei einer Tochter im Eon-Imperium natürlich nicht, wie denn auch. Der Großkonzern, der sich von der Degussa über kurz oder lang trennen muss, macht mitunter ordentlich Druck. Bis zum Verkauf (verlangt der amerikanische Public Utility Holding Company Act bis spätestens 2007) möchte die Mutter die Tochter noch sehr viel hübscher haben.

All dies habe den eigentlich harmoniebedürftigen, fast kumpeligen Felcht dünnhäutig werden lassen. Seine Dynamik sei häufig nichts als Obergschaftlhuberei. Auf der einen Seite spiele er den Supermanager. Auf der anderen nehme seine Unberechenbarkeit und Mimosenhaftigkeit zu. Tatsächlich gibt sich der Degussa-Chef übervorsichtig. Überempfindlich. Bloß nicht auffallen will er, aber dreht und wendet sich trotzdem ein bisschen humorlos um sich selbst.

Letztendlich ist er nicht wirklich souverän. Anders lässt sich auch seine langjährige Verbindung zu dem schillernden Medien-Hasardeur Moritz Hunzinger nicht deuten, der sich um Felchts Image müht ("Er ist ein Kämpfer") und für ihn unterwegs ist in Sachen politische Kommunikation.

Wieso bin ich eigentlich hemdsärmelig? fragt er bei einem Essen im Steigenberger Parkhotel in Düsseldorf. Das hänge ihm irgendwie an. "Richtig ist: Ich bin absolut nicht modisch", betont er, "das müssen Sie mir glauben" -, was wir, angesichts der Auswahl seiner Krawatten, mühelos tun. Und bestellt sich ein Steak mit Kräuterbutter ("Sauce béarnaise wäre mir jetzt am Abend zu schwer"), auch eine eher rückwärts gewandte Entscheidung, merken wir an. "Oh, bloß kein Sushi", stöhnt er, lieber Hausmannskost, er sei wirklich ganz konventionell.

Egal, bei welchem Thema, Felcht bleibt am Boden, mal charmant, mal schrullig. Zu München fällt ihm sofort das tolle U-Bahn Netz ein. Festspiele? N' bisschen Salzburg.

Seine Hobbys werden derzeit am liebevollsten von der PR-Chefin gepflegt. Sie hat das alles hübsch zusammengestellt: die Modelleisenbahn (der Carbid-Flaschenwagen der Werkseisenbahn der SKW Trostberg wurde auf Felchts Initiative hin von Märklin nachgebaut), die Freude an Tennis, an Golf, an Belletristik. Viel Zeit für all das dürfte er nicht haben.

Ist Felcht nur Durchführer? Ein Erfüllungsgehilfe? Oder ist er der Mann der Stunde? Alles ist möglich. "Der Mensch irrt, solang' er strebt", heißt das Lebensmotto seines Ex-Chefs Jürgen Dormann.

Beim Abschied sagt er, fast fürsorglich: "Sie haben sich am Kragen bekleckert - ist es das Schokoladeneis?" Er rät zu Mineralwasser. "Ja, glauben Sie mir", sagt Felcht, "Mineralwasser funktioniert sogar bei Bordeaux." Da ist der Manager plötzlich wieder ganz Chemiker. u

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Unternehmen

Produkte: Die neue Degussa ist Deutschlands drittgrößte Chemiefirma (33 Milliarden Mark Umsatz, 63 000 Mitarbeiter). Sie fertigt Spezialchemieerzeugnisse wie Wirkstoffe für Medikamente, Füllungen für Windeln oder Plexiglas.

Baustelle: Der Konzern, Folge der Veba-Viag-Fusion, vereint vier Firmenkulturen: Degussa, Hüls, Goldschmidt, SKW Trostberg. Jetzt wird alles neu gemischt: Ein Viertel des Umsatzes wurde bereits verkauft, zig Milliarden sollen demnächst hinzugekauft werden.

Börse: Gut 35 Prozent sind breit gestreut; Mutter Eon will sich bis spätestens 2007 von ihrem Mehrheitsanteil trennen.

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