Heiner Thorborg

Früher Jahresrückblick Warum uns 2020 Grund für Optimismus gibt

Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Corona, Trump, Brexit, QAnon – gab es eigentlich irgendetwas Positives in diesem schon fast abgehakten Jahr? Oh ja! Und nicht nur das: Es gibt gute Gründe, optimistisch auf 2021 zu schauen. Ein wenig Demut und Dankbarkeit wären auch angemessen.
Foto: Soeren Stache/ dpa

Was für ein Jahr! Die meisten Menschen werden es kaum abwarten können, ein neues zu beginnen, in der Hoffnung, dass 2021 besser wird als dieses annus horribilis, das sich nun dem Ende zuneigt. Das Virus mitsamt seinen sozialen und wirtschaftlichen Kosten hat sich tief in unser aller Bewusstsein eingegraben. Ebenso wie die Tatsache, dass die Zahl der Corona-Leugner ebenso beständig zuzunehmen scheint wie die der Corona-Toten.

In den USA sind zum Jahresende die Aufräumarbeiten in vollem Gange, um der vielen Probleme Herr zu werden, die eine Person von der Farbe, der Intelligenz und dem diplomatischen Geschick einer Orange verursacht hat. In diesem Kontext hat die Debatte um Redefreiheit an Wichtigkeit und Schärfe gewonnen. Darf man – oder muss man gar – die Twitter-Stürme der Ultrarechten und das Phänomen QAnon schlicht verbieten? Und was gilt für die Propaganda der sogenannten Antifa? Wird zu viel zensiert? Oder nicht genug? Was bedeutet es für unsere Demokratien, wenn vielleicht 25 Topmanager an der Spitze von Social-Media-Unternehmen entscheiden, was Fake News ist und was nicht? Wer darf sagen, was freie Bürger posten und lesen dürfen und was nicht?

Zudem verlassen die Briten die EU – in dem ernsthaften Glauben, dass sie es alleine weiter bringen als im Verbund mit einem der größten und eindrucksvollsten Kultur-, Wirtschafts- und Handelsräume der Welt. Ein Alleingang unter der Führung eines verstrubbelten Spalters, der aus einem Vereinigten ein Uneiniges Königreich gemacht hat. Schließlich gibt der Brexit all jenen Schotten, Nordiren und Walisern Auftrieb, die eine Abspaltung von London fordern – um in der EU zu bleiben. Rule Britannia? Das war einmal.

2020 war besser, als wir denken

Kurz und gut: 2021 kann nur besser werden. Auch, wenn das ein bisschen undankbar ist.

Denn wie so oft gilt: Aus Mist erwachsen die schönsten Blumen. 2020 war eben nicht nur das Jahr von Covid-19, sondern auch des Kampfes dagegen, in dem unendlich viele Forscher, Ärzte, Schwestern und Pfleger über sich hinausgewachsen sind. Es war ein Jahr der Nachbarschaftshilfe und Solidarität. Ein Jahr der Besinnung aufs Wesentliche.

In vielen Unternehmen war 2020 zudem nicht nur das Jahr im Homeoffice, sondern auch das Jahr der empathischen Chefs. Für viele hatte die Frage "Wie geht es den Leuten in meinem Team?" erstmals mehr Gewicht als die Frage "Wie steht es mit der Erreichung unserer Geschäftsziele?" Merke: Ohne engagierte und gesunde Mitarbeiter gibt es vielfach auch kein Geschäft. Via Videokonferenz konnten sich die Kollegen erstmals in häuslicher Umgebung erleben. Viele haben begonnen, ihr Gegenüber am Bildschirm nicht nur als Vorgesetzten, Kunden oder Zulieferer wahrzunehmen, sondern als konkrete Personen, die ganz ähnliche Sorgen und Probleme haben wie man selbst. Spielende Kinder und Geschirrgeklapper im Hintergrund inklusive.

Corona bringt die Gleichberechtigung voran

Zugegeben, die Arbeit im Homeoffice ist kein Zuckerschlecken. Aber es gibt auch Vorteile. Wie eine Studie der Zurich Insurance Group ergab, bewerben sich 20 Prozent mehr Frauen für Führungspositionen, wenn diese Stellen mit flexibleren Arbeitszeiten oder Teilzeit- und Jobsharingoptionen angeboten werden. In diesen Fällen steigt die Zahl der tatsächlich eingestellten weiblichen Chefs um ein Drittel. Der von Corona ausgelöste Trend zu flexibleren Strukturen in der Arbeitswelt könnte in vielen Betrieben also auch die Gleichstellung der Geschlechter voranbringen.

Und dann gab es dieses Jahr noch den Erfolg von Biontech. Uğur Şahin und Özlem Türeci kamen als Migrantenkinder nach Deutschland, wo sie ihre von der Bundesregierung geförderte Forschung nach einem Impfstoff gegen Covid-19 zu Hoffnungsträgern machte. Die Geschichte dahinter strotzt nur so vor wichtigen Botschaften: Immigration und Integration können uns alle reicher machen, Männer und Frauen arbeiten erfolgreich und gleichberechtigt zusammen und gelegentlich geben die Herrschaften in Berlin die Steuergelder auch mal für das Richtige aus.

Last, but not least: Bei allem Gequake von "America first" oder "Britain first" hat die Corona-Pandemie doch gezeigt, dass die Menschheit letztlich in einem Boot sitzt, dass Zusammenarbeit und gegenseitige Fürsorge deutlich bessere Ergebnisse in der Krisenbewältigung zeitigen als egomane Alleingänge. Dazu passt, dass das UN-Kinderhilfswerk Unicef beschlossen hat, zwei Milliarden Impfdosen und eine Milliarde Spritzen in insgesamt 92 finanzschwächere Länder zu liefern. Die logistischen Vorbereitungen laufen bereits, auch mithilfe der Internationalen Luftverkehrs-Vereinigung IATA.

Sollten sich Beispiele wie diese ebenso durchsetzen wie die Erkenntnis, dass Solidarität stärker macht als Konflikt – auch unter einer neuen US-Regierung –, besteht durchaus Hoffnung für die Welt im Jahr 2021.

Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.