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Siemens Frist für den Finanzer

Investor Cerberus hat beste Chancen im Bieterkampf um die marode Telefonanlagensparte.
aus manager magazin 6/2008

Wie gut, dass Joe Kaeser (50) sich die Gelassenheit seiner Landsleute aus dem Bayerischen Wald bewahrt hat. Denn gute Nerven braucht der Siemens-Finanzchef in den kommenden Wochen.

Bis Ende Juni soll er die defizitäre Sparte Enterprise Networks (SEN) verkaufen, sonst muss er das seit fast zwei Jahren als "nicht fortgeführte Aktivität" bezeichnete Geschäft mit Firmentelefonanlagen zurück in die Konzernbilanz nehmen. Was dem ohnehin glanzlosen Zahlenwerk nicht gut bekäme. Der Bereich erzeugte im Geschäftsjahr 2007 bei 3,1 Milliarden Euro Umsatz einen Verlust von knapp 600 Millionen Euro.

Da erscheint es auf den ersten Blick beruhigend, dass sich gleich zwei Interessenten um die marode SEN streiten. Doch das Gezerre um jedes Detail, das der kanadische Konkurrent Nortel und der US-Investor Cerberus seit Wochen inbrünstig betreiben, zieht die Verhandlungen immer weiter in die Länge.

Nun aber zeichnet sich eine Lösung ab: Cerberus hat klare Vorteile im Rennen um SEN. Wie es aus Konzernkreisen heißt, könnte es noch im Juni zu einem Abschluss kommen - gerade noch rechtzeitig vor Kaesers Deadline.

Der auf Restrukturierungen spezialisierte Investor Cerberus sei der bevorzugte Käufer, da Wettbewerber Nortel schlechtere Perspektiven für SEN biete. Mit dem Konzern aus Toronto gebe es viele unnütze Überschneidungen bei der Technologie, die auch noch - ebenso wie die von Siemens - inkompatibel mit fremden Systemen und zudem veraltet sei. Beide Unternehmen kommen aus der Welt der traditionellen Leitungsvermittlung und tun sich schwer mit der längst dominierenden Internettechnik.

Eine Übernahme durch Nortel würde wohl auch einen stärkeren Personalabbau in Produktion und Entwicklung nach sich ziehen. Das möchte Siemens verhindern, denn die Abgabe von SEN soll auf keinen Fall an die Affäre BenQ erinnern: Die Taiwaner kauften das Handywerk der Münchener und ließen es anschließend pleitegehen. Deshalb hat der Konzern schon einmal mit der Sanierung von SEN begonnen und den Abbau von 6800 Arbeitsplätzen angekündigt.

Noch zwei weitere Bedingungen, die Kaeser an den Verkauf knüpft, kann Cerberus leichter erfüllen als Nortel. Siemens möchte mit einer Minderheit an SEN beteiligt bleiben, um den Kunden Kontinuität garantieren zu können. Und das auf der Messe Cebit präsentierte System "OpenScape", das Telefon, Daten- und Videoübertragung kombiniert, fordert Kaeser, müsse vom neuen Eigentümer weiterentwickelt werden.

Alles spricht für Cerberus. Freilich könnten die Kanadier, die sich dringend verstärken wollen, in letzter Minute eine verbesserte Offerte vorlegen. Dann muss Kaeser weiter feilschen - lautet doch sein oberstes Ziel: gute Zahlen.

Zwar hat der Finanzer schon angekündigt, dass die SEN-Transaktion auf jeden Fall zu einem "erheblichen Verlust" führen wird - Insider munkeln von bis zu einer halben Milliarde Euro. Doch die Chance, dieses erschreckende Minus zu verringern, wird er sich nicht entgehen lassen. Eva Müller

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