Heiner Thorborg

Homeoffice-Debatte Wo Friedrich Merz falsch liegt

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Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
"Wir müssen zurück an die Arbeit", erklärte Friedrich Merz unlängst missbilligend zur Arbeitsmoral in Zeiten der Corona-Pandemie. Dabei belegen die Studien eher das Gegenteil: eine erhöhte Produktivität im Homeoffice.
Friedrich Merz: "Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können"

Friedrich Merz: "Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können"

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Christoph Reichwein (crei) / imago images/Reichwein

Friedrich Merz (64) hat unlängst in einem Hotel übernachtet, "in dem praktisch gar kein Personal mehr war" und daraufhin in einem "Bild"-Interview  die Meinung geäußert, in der Coronakrise würden "zu viele Menschen zu Hause bleiben" und sich daran gewöhnen, "ein Leben ohne Arbeit zu führen". Die Devise laute also: Raus aus dem Homeoffice und zurück ins Büro!

Der für den CDU-Vorsitz - und damit wohl auch für die Kanzlerkandidatur – bereitstehende Merz kritisiert im selben Atemzug auch die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes bis Ende 2021. Er befürchtet, man bekomme Mitarbeiter nicht dort, wo sie dringend gebraucht würden, weil sie fest an jene Firmen gebunden seien, für die sie Kurzarbeitergeld bekommen.

Das sind denkwürdige Aussagen für einen Mann, der aufgrund seiner Wirtschaftskompetenz an die Macht will und auf seine Wahlplakate nach eigener Aussage das Wort "Zukunft" drucken lassen möchte.

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Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".
Alle weiteren Artikel von Heiner Thorborg finden Sie unter Thorborgs Kolumne.

Dass Homeoffice faul macht, ist ein Märchen

Wir stecken mitten in der digitalen Transformation der Arbeitswelt. Die Zukunft liegt im Homeoffice. Und dass dort weniger hart gearbeitet würde, ist schlicht Unsinn. Weltfirmen wie Fujitsu und Twitter haben bereits verkündet, dass sie die Heimarbeit zu einer permanenten Option für die Mitarbeiter machen wollen, auch wenn die Pandemie vorbei ist. Dies ist für die Unternehmen billiger, spart es doch jede Menge Büroraum . Kosteneffizienz ist jedoch nur ein Grund, der andere ist: Heimarbeit bedeutet meist auch steigende Produktivität. Das lässt sich nachweisen.

Nicholas Bloom (47), Professor an der Stanford University in Kalifornien, hat sich 2013 mit dem chinesischen Onlinereisebüro Ctrip zusammengetan und die Hälfte der Mitarbeiter neun Monate lang vier Tage die Woche von zu Hause arbeiten lassen. Die andere Hälfte blieb im Büro als Kontrollgruppe. Ergebnis: Die Herrschaften daheim waren um 13 Prozent produktiver als die Kollegen im Büro. Von dem gemessenen Produktivitätsschub gingen 4 Prozent darauf zurück, dass die Mitarbeiter in den eigenen vier Wänden weniger abgelenkt waren. Auch arbeiteten sie pro Schicht einige Minuten mehr und meldeten weniger Krankentage: So entstanden die anderen neun Prozent an zusätzlichem Output. Wer nicht pendeln muss, investiert seine Energie offenbar vermehrt am Schreibtisch.

Ohne Pendeln ist das Leben leichter

Prodscore, ein Unternehmen, das Machine Learning, Künstliche Intelligenz und Sprachanalysesoftware nutzt, um Mitarbeiterproduktivität zu messen, behauptet sogar, dass die Leute im Homeoffice um 47 Prozent produktiver sind. Das Unternehmen hat ein Eigeninteresse am Ergebnis der Messungen, weil die digitale Transformation der Arbeitswelt Teil seines Geschäftsmodells ist. Daher ist die Prozentzahl mit Vorsicht zu genießen. Dennoch stimmt die Beobachtung, dass der typische Büroarbeitstag vielen Menschen Probleme mit der Work-Life-Balance bereitet. Entfällt das Pendeln, wird das Leben für manche einfacher zu organisieren.

Prodscore hat Daten von 30.000 Menschen im Homeoffice studiert und kommt zu dem Schluss: Im Schnitt arbeiten die Leute zu Hause länger, telefonieren, e-mailen und chatten mehr – und damit verbessere sich zum Beispiel der Einsatz im Customer Relationship Management um 176 Prozent. Am höchsten sei die Produktivität am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, in der Reihenfolge.

Eine Beobachtung, die auch JP-Morgan-Chef Jamie Dimon gemacht hat, der klagt, dass die Produktivität seiner Bank gerade montags und freitags deutlich leide. Dabei haben ausgerechnet die von zu Hause arbeitenden Händler im vergangenen Quartal so hohe Umsätze eingefahren wie nie zuvor. Vermutlich gibt ihm das nun zu denken.

Kurzarbeit bleibt ein sinnvolles Instrument

Es scheint gerade den älteren, weißen Männern unter den Chefs schwerzufallen, die Idee vom Unternehmen als zentralem Bienenstock der Aktivität aufzugeben, in dem sie jederzeit "management by walking around" betreiben und sich an den über die Tische gebeugten Köpfen erfreuen können. Eine ernsthafte Produktivitätsmessung erlaubt das jedoch nicht.

Lieber Herr Merz, wir müssen nicht "zurück an die Arbeit", wir sind nach wie vor bei der Arbeit. Leute, die im Job nicht das leisten, wofür sie bezahlt werden, gab es immer schon. Und die sind immer schon schneller entlassen worden als andere. Daran wird auch die neue Technologie nicht viel ändern.

Das Thema Kurzarbeitergeld steht dagegen für die Vergangenheit. Im besten Sinn ist es eine Methode, mit der deutsche Betriebe in Krisenzeiten immer schon dafür gesorgt haben, ihre wertvollen und teuer ausgebildeten Facharbeiter und Experten nicht zu verlieren. Dies macht für viele deutsche Betriebe, vor allem im produzierenden Mittelstand, auch weiterhin Sinn.

Dass eben jenes Kurzarbeitergeld die Leute auf dem Sofa und damit in den falschen Jobs halten würde, ist vermutlich ebenso eine Mär wie die, dass Heimarbeit faul mache. Ein Mann, der Kanzler einer der größten Wirtschaftsnationen der Welt werden will, sollte es besser wissen. Er sollte zudem Technologie verstehen, nach vorne denken und vor allem die Nation ernst nehmen, die er politisch führen will. Interviews in der "Bild" sind dafür nicht das geeignete Mittel.

Schon mal was von Vertrauen gehört? Von Selbstverantwortung? Von Engagement und Schaffensfreude? Das sind übrigens die Werte, für die die CDU früher einmal stand. Deutsche Arbeitnehmer sind kein Stimmvieh, das ins Büro getrieben und dort zum Arbeiten angehalten werden muss. Das gilt übrigens für die digitale Welt ebenso wie für die analoge.

Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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