Heiner Thorborg

Frauenquote im Vorstand Der Mittelstand ist weiter als viele Dax-Konzerne

Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Eine Frauenquote für Familienunternehmen ist überflüssig. Dort hat man das große Potenzial der Mütter und Töchter längst erkannt. Und nicht nur das.
Frauen in der ersten Reihe: Wo sich Dax-Konzerne noch schwertun, hat der Mittelstand verstanden und das Potenzial von Frauen in Toppositionen längst erkannt

Frauen in der ersten Reihe: Wo sich Dax-Konzerne noch schwertun, hat der Mittelstand verstanden und das Potenzial von Frauen in Toppositionen längst erkannt

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

In den Vorstandsgremien börsennotierter und paritätisch mitbestimmter Unternehmen mit mehr als drei Mitgliedern muss in Zukunft mindestens eine Frau sitzen. So hat es das Bundeskabinett beschlossen, ein entsprechendes Gesetz soll noch in dieser Legislaturperiode kommen. Es ist die Quittung für die hartnäckige Verweigerungshaltung in vielen Konzernen: Bislang sind nur etwa zwölf Prozent der etwa 730 Vorstandspositionen in börsennotierten deutschen Unternehmen mit Frauen besetzt. Bei 60 Prozent der Dax-, MDax-, SDax- und TecDax-Unternehmen findet sich bislang gar keine Frau im Vorstand. Das ist das Ergebnis des "Faktencheck Vorstandsstrukturen 2021" der Managementberatung Horváth & Partners vom Januar 2021. Zum gleichen Ergebnis kam eine Untersuchung der Berater von EY.

Dennoch: Richtig viel bewegen wird die Quote nicht, denn betroffen sind laut Horváth-Faktencheck nur die Top-Etagen von rund 100 Unternehmen. Breitenwirkung würde das neue Gesetz nur entwickeln, nähme es auch die großen Familienunternehmen ins Visier. Schließlich hatten von Familien bestimmte Firmen 2017 einen Anteil von 47 Prozent am Gesamtumsatz aller privaten Unternehmen in Deutschland. Im "Powerhouse Germany" findet die Dynamik in vielen Branchen also im Mittelstand statt, nicht in den Konzernen. Die Jobs, die ökonomische Leistung und die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft sind zu einem großen Teil in Familienbetrieben zu Hause. 

Der Mittelstand hat das Potenzial erkannt

Doch von einer Frauenquote für Familienunternehmen ist in Berlin nicht die Rede. Ganz einfach deswegen, weil sie nicht gebraucht wird. An der unternehmerischen Basis ist man nämlich weiter als in vielen börsennotierten Gesellschaften. Der Mittelstand hat erkannt, dass es nicht gerade hilfreich ist, das Führungspotenzial von 50 Prozent der Menschheit zu ignorieren. Auch spielt sicherlich eine Rolle, dass selbst eingefleischte Patriarchen nicht zuletzt Väter sind – und sehr wohl erkennen und anerkennen, wenn eine gut ausgebildete, ehrgeizige und fleißige Tochter das Zeug dazu hat, die Zügel in die Hand zu nehmen.

Dem versierten Zeitungsleser fallen ohne großes Nachdenken viele eindrucksvolle weibliche Persönlichkeiten im Mittelstand ein, darunter Frauen wie Yvonne Bauer, CEO der Bauer Media Group, Anna-Maria Braun, Chefin des Medizintechnikherstellers B. Braun, Antje von Dewitz, Geschäftsführerin des Outdoorspezialisten Vaude, Nina Hugendubel, Co-CEO der Buchhandelskette Hugendubel, Julia Jäkel, CEO in Liz Mohns Bertelsmanns-Reich bei Gruner + Jahr, Nicola Leibinger-Kammüller, CEO des Maschinenbauers Trumpf, Natalie Mekelburger, CEO von Coroplast, Özlem Türeci, Co-CEO von Biontech und Entwicklerin des Corona-Impfstoffs, oder Kim-Eva Wempe, Chefin der Juwelierkette Gerhard D. Wempe.

Einziger Dax-Konzern mit einer Frau an der Spitze ist ein Familienunternehmen

Der einzige Dax-Konzern, der künftig eine weibliche Vorstandsvorsitzende haben wird, ist im Übrigen auch ein Familienunternehmen: Beim Pharma- und Technologiekonzern Merck löst Belén Garijo im Mai den amtierenden CEO Stefan Oschmann ab . Die Spanierin wird dann zur wichtigsten Frau der deutschen Wirtschaft. 30 Prozent der Merck-Anteile werden seit 1995 an der Börse gehandelt, im Kern aber ist der Konzern ein von der Familie geprägtes Traditionsunternehmen geblieben – mit einem Jahresumsatz von zuletzt 16 Milliarden Euro.

Extreme Experimentierfreude und risikoreiches Verhalten wird man dem Unternehmen kaum vorhalten können – und doch hält man es in der hessischen Provinz für "ganz normal", eine Frau auf den Chefsessel zu berufen. Schließlich unterscheidet sich Garijos gelassenes und unaufdringliches Selbstbewusstsein wohltuend vom Auftritt vieler männlicher Spitzenkräfte, was von Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten bei Merck sehr geschätzt wird.

Garijo, die derzeit als stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsleitung arbeitet, ist hoch empathisch. Sie pflegt kein großes Ego, behält das große Ganze im Blick und ist dem Wohl des gesamten Konzerns verpflichtet. So ist sie bei Merck zum Rollenvorbild für viele geworden. Zumal sie das Thema Diversity lebt, das für sie eine Herzensangelegenheit darstellt. Typisch Frau im Management? Nicht notwendigerweise. Die Frauenquote für Vorstände beispielsweise sieht Garijo kritisch: "Ich bin gegen jede Form der Diskriminierung, und das schließt positive Diskriminierung mit ein."  Mit anderen Worten: Wo konsequent auf Qualität gesetzt wird, kommen Frauen von allein nach oben – ganz ohne Zwang durch eine Quote.

Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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