Zehn Jahre Bauzeit Frankfurter Hauptbahnhof wird tiefergelegt
Zentraler Knoten: Oberirdisch führen alle Gleise von Westen zum Kopfbahnhof, im Hintergrund das Bankenviertel
Foto: Boris Roessler / dpaDie Deutsche Bahn (DB) will einen Fernbahntunnel und einen Tiefbahnhof in Frankfurt am Main bauen. Eine 2019 vom Bund beauftragte Studie habe die technische Machbarkeit des Tunnels bestätigt, die Bahn beginne jetzt mit der konkreten Planung, erklärte der Konzern am Montag. Die Bauzeit im Anschluss betrage etwa zehn Jahre. Die Kosten werden auf 3,6 Milliarden Euro geschätzt.
Mit dem Tunnel sollen die meisten Fernzüge dann den Hauptbahnhof 35 Meter unter der Erde anfahren und an der neuen Station Hauptbahnhof tief halten. Als Durchgangsverbindung sorge der Tunnel für eine Entlastung der momentan stark befahrenen überirdischen Gleise, erklärte die Bahn. Die Fahrgäste im Verkehrsknoten Frankfurt seien dadurch verlässlicher und schneller unterwegs. Gleichzeitig könnten deutlich mehr Züge den Hauptbahnhof ansteuern. Vom größeren Angebot profitiere auch der Nahverkehr der Rhein-Main-Region.
Sieben Minuten weniger Fahrzeit für 30-Minuten-Takt im Land
DB-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla (62) nannte den geplanten Tunnel "ein weiteres wichtiges Element für den Deutschlandtakt", der die Metropolen in einem 30-Minuten-Rhythmus verbinden soll. Pro Zug sollen nach dem Neubau sieben Minuten gespart werden können, weil das langsame Umfahren der Innenstadt in engen Schleifen und das Wenden am Hauptbahnhof entfällt. Dank des neuen Tunnels mit zwei unterirdischen Gleisen und vier Bahnsteigen erhöhe die Bahn die Kapazität im Knoten Frankfurt von 1250 auf 1500 Züge pro Tag. "Das ist eine Steigerung um 20 Prozent." Damit stärke die Bahn die Schiene für die dringend notwendige Mobilitäts- und Klimawende in der Messestadt Frankfurt und in Deutschland.
Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (50, Grüne) erklärte, der Tunnel "wäre ein riesiger Fortschritt für den Bahnknoten Frankfurt". Er werde "dringend" gebraucht, "um die Mobilität in der Region Frankfurt-Rhein-Main für Bürgerinnen und Bürger, für Logistik, Messewirtschaft und Tourismus nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern deutlich zu verbessern". Auch die Fahrzeiten verkürzten sich damit. Oberbürgermeister Peter Feldmann (62, SPD) sagte, er rechne nicht mit Widerstand gegen das Vorhaben. "Wir wollen es", sagte er. In einer Resolution sprachen sich 19 Verbände, Kommunen, Organisationen und Unternehmen für das Vorhaben aus, darunter die Verkehrsverbünde RMV und NVV, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) und der Fahrgastverband Pro Bahn. Die erste Informationsveranstaltung für Bürgerinnen und Bürger findet an diesem Montag statt.
Tunnel unter dem Main schont Hochhäuser
Die Deutsche Bahn ermittelt jetzt in der Planung, wo genau der neue Fernbahntunnel am besten verläuft, wie und wo er konkret mit bestehenden Bahnstrecken verbunden wird und an welcher Stelle der künftige Tiefbahnhof seinen besten Platz hat, wie der Konzern mitteilte.
Klarer Vorzug: Die Bahn will jetzt Tunnelstrecken unter dem Main (Südkorridor) prüfen, um die Innenstadt mit den vielen Hochhäusern zu meiden
Foto: DB AGLaut einer Präsentation der Bahn stellt ein Südkorridor mit einem Tunnel unter dem Main "die beste und flexibelste Lösung" dar. Damit würde anders als bei den ebenfalls geprüften nördlichen und mittleren Varianten die Innenstadt weiträumig umfahren. Dort hätte es zahlreiche Probleme mit den bis zu 50 Meter tief reichenden Fundamenten der Hochhäuser gegeben. Außerdem ermögliche die Südvariante im Osten einen Anschluss an zwei verschiedene Bahnstrecken beiderseits des Mains. Allerdings steht noch keine konkrete Strecke fest, sondern nur ein Korridor (in der Grafik grün schraffiert), innerhalb dessen jetzt der optimale Verlauf geplant werden soll.
Dass ein Grünen-Minister so ein großes Bauprojekt befürwortet, steht im Kontrast zum ähnlichen Projekt Stuttgart 21. Der Protest gegen den im Jahr 2010 begonnenen Umbau des Stuttgarter Kopfbahnhofs zu einem Tiefbahnhof hatte den Grünen mit zum Wahlsieg in Baden-Württemberg verholfen. Nach einer verlorenen Volksabstimmung zur Kündigung des bereits begonnenen Baus 2011 fügten sie sich jedoch. Das Großprojekt zieht sich seit vielen Jahren hin, kostet mittlerweile viel mehr als geplant und wird wohl nicht vor 2025 fertiggestellt sein. Allerdings hat Stuttgart 21 mit mehreren langen Tunnelstrecken und einer Aufgabe bisheriger Bahnanlagen eine andere Dimension. Zeitgleich mit Stuttgart 21 gab es in den 90er Jahren bereits Pläne der Bahn für neue Tunnelbahnhöfe in Frankfurt und München, diese wurden jedoch mangels Aussicht auf Finanzierung damals gestoppt. Zumindest in Frankfurt hat sich diese Lage nun geändert. Die jetzige Planung orientiert sich am Vorbild Zürich, wo ebenfalls ein Tunnel unter dem oberirdischen Kopfbahnhof entstanden ist.