Zur Ausgabe
Artikel 12 / 67
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Francionis Traum

Consors: Die großspurig verkündete Leitbörse für Privatanleger fällt ein paar Nummern kleiner aus.
aus manager magazin 2/2001

So viel verfrühten Applaus wie Reto Francioni (45) bekam bislang kein anderer Manager auf dem Neuen Markt. Als der Schweizer von der Deutschen Börse in den Vorstand des Discountbrokers Consors wechselte, lobten Analysten und Presse den Consors-Gründer Karl Matthäus Schmidt (31) ebenso einhellig wie überschwänglich für seine Wahl.

Und Francioni, der als Börsenvorstand den Neuen Markt gegründet hatte, schien die Erwartungen zu erfüllen. Er bereitete den Kauf der Berliner Effekten, des größten Maklers der Berliner Börse, vor und kündigte den Umbau des Berliner Aktienmarktes zur Leitbörse für Privatanleger an.

Francioni träumte davon, dass sich unter der Federführung von Consors die großen deutschen Direktbanken zusammenschließen und einen mächtigen Gegenpol zum Frankfurter Aktien-Parkett aufbauen würden.

Nach knapp acht Monaten hat er allerdings erst einmal ausgeträumt. Consors zahlte für den Kauf der Berliner Effekten einen deutlich überhöhten Preis, wie Analysten monieren. Darüber hinaus erteilten Comdirect und Direkt Anlage Bank Francionis Börsenplänen eine Absage.

Nun tritt Consors zum Alleingang an. Das ist zwar weniger lukrativ und deutlich riskanter, hat aber durchaus Sinn.

Mit dem Kauf des Maklers und der Börsenbeteiligung sichert sich die Fir- ma die vollständige Kontrolle über die Transaktionen ihrer Kunden. Statt wie bisher die Courtagen und Provisionen mit Kursmaklern und Börse zu teilen, verbucht der Discount- broker künftig sämtliche Gebühren einer Wertpapierorder als Einnahme.

Das alles hätte Consors allerdings günstiger haben können. Bevor sich Francioni für rund 500 Millionen Mark bei der Berliner Effekten einkaufte, verhandelten die Nürnberger mit zwei Frankfurter Maklerhäusern. Da war ein ähnlicher Deal für 300 Millionen Mark weniger drin.

Natürlich dachte sich Francioni etwas dabei, als er dennoch bei der Berliner Effekten einstieg. Im Verbund mit dem umsatzstärksten Makler glaubte er die Berliner Börse leichter in eine auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Wertpapierhandelsplattform umbauen zu können.

Der Schönheitsfehler: Das Handels- volumen der Consors-Kunden reicht bei weitem nicht, um aus dem Berliner Parkett eine Leitbörse für die Mas- se der Privatanleger zu formen. Erst die Orders von Comdirect und Direkt Anlage Bank hätten für die nötigen Umsätze gesorgt und die Börse zur Geldmaschine für Consors gemacht.

Dass er sich von der Konkurrenz eine Absage holte, hat Francioni mitzuverantworten. Manch einer fühlte sich von Francionis Verhandlungsstil düpiert; allzu deutlich war sein Führungsanspruch. "Der hat mehr mit der Presse geredet als mit uns", mault etwa Matthias Kröner, Chef der Direkt Anlage Bank.

Das trübt das Siegerimage von Con- sors deutlich. Seit Monaten entwickelt sich die Aktie schlechter als die der übrigen Finanzdienstleister des Neuen Marktes. Francioni hat sich den vorschnellen Beifall noch nicht verdient. Dietmar Palan

Zur Ausgabe
Artikel 12 / 67
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel