Von Biontech bis Lilium Diese Forscher haben in Deutschland erfolgreich Firmen gegründet

Die Stärke der deutschen Wissenschaft wird kaum in wirtschaftlichen Erfolg umgemünzt. Eine neue Studie sucht nach Wegen, junge Forscher zum Gründen zu motivieren. Hier sind Beispiele für Unternehmer, die es geschafft haben - dazu zählt nicht nur Biontech.
Prototyp eines elektrischen Flugtaxis von Lilium: Im Sommer 2020 konnte die TU München ihr zweites "Einhorn" (nach Celonis) feiern, weil Liliums Bewertung über eine Milliarde Dollar stieg

Prototyp eines elektrischen Flugtaxis von Lilium: Im Sommer 2020 konnte die TU München ihr zweites "Einhorn" (nach Celonis) feiern, weil Liliums Bewertung über eine Milliarde Dollar stieg

Foto: Daniel Karmann / dpa

Nach zwei Jahren Forschung ist der Befund immer noch derselbe: "Deutschland ist weltweit einer der Topstandorte für Forschung und Innovation. Doch wissenschaftliche Erkenntnisse werden kommerziell zu wenig genutzt", erklärt Henneke Lütgerath, Chef der Joachim Herz Stiftung. Am Entrepreneurship Research Institute der Technischen Universität München, wo auch BMW-Großaktionärin Susanne Klatten ein Zentrum für Unternehmertum finanziert, ließ die Stiftung nach Gründen suchen.

Ergebnis des Projekts "Forschen und gründen" : Es sind vor allem psychologische Hürden, warum Gründerteams nicht harmonieren oder an falschen Erwartungen scheitern. Viele Akademiker fühlen sich zudem einfach im akademischen Betrieb am wohlsten. "Sie hadern damit, die wissenschaftliche Gemeinschaft und Kultur hinter sich zu lassen, in den USA genauso wie in Deutschland", sagt Studienleiterin Nicola Breugst. Nur sei in den USA und anderen Ländern die "Macherkultur" eben stärker verankert.

Doch es gibt sie, die Beispiele für erfolgreiche Unternehmen mit Wurzeln in der deutschen Forschung – inzwischen auch ziemlich prominente.

Biontech

Staatlich-private Initiative: Die damalige rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Eveline Lemke eröffnet 2014 mit Özlem Türeci und Uğur Şahin das Forschungszentrum von Biontech und Ganymed in Mainz

Staatlich-private Initiative: Die damalige rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Eveline Lemke eröffnet 2014 mit Özlem Türeci und Uğur Şahin das Forschungszentrum von Biontech und Ganymed in Mainz

Foto: Georg Banek

Biontech ist nicht nur der weltweit gefeierte Lieferant des hoffentlich rettenden Corona-Impfstoffs, es ist auch ein gelungenes Experiment der Arbeitsgruppe Prof. Dr. Uğur Şahin/Prof. Dr. Özlem Türeci für experimentelle und translationale Onkologie an der Universitätsmedizin Mainz. Şahin und Türeci leisten an der Universität weiterhin Grundlagenforschung für neue Wege gegen den Krebs. "Wenn wir etwas erreichen wollen für die Patienten, genügt es nicht, dass wir Mediziner sind", sagte Türeci  einmal dem Hochschulmagazin. "Wir sind Wanderer zwischen den Welten: Wir müssen auch Unternehmer sein, Ingenieure, IT-Fachleute und vieles mehr."

Daher haben die beiden die Firma Ganymed gegründet, die mit einem neuen Magenkrebsmittel in der Pipeline an den japanischen Pharmakonzern Astellas verkauft wurde. Biontech war der nächste Schritt, um individuelle Krebstherapien mit der mRNA-Technik zu entwickeln. Dass dieselbe Technik auch zur Massenimpfung gegen Covid-19 taugt – Forschergeist. Dass das Vorhaben gelingt – Unternehmergeist. Zum kommerziellen Durchbruch verhalf die Kooperation mit dem US-Unternehmen Pfizer. Wenn dessen Prognose eintrifft, dürfte der Impfstoff Comirnaty in diesem Jahr das umsatzstärkste Medikament der Welt werden. Biontech, an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq mit einem Wert von 24 Milliarden Euro gehandelt, könnte sich mit dem Geldzufluss nach dem Willen der Investoren  als eigenständiger Pharmakonzern etablieren – und am Ende auch die neuartige Krebstherapie auf den Markt bringen.

Celonis

Studentenprojekt: Die Celonis-Gründer Alexander Rinke, Martin Klenk und Bastian Nominacher bei der Ehrung zum Deutschen Zukunftspreis 2019

Studentenprojekt: Die Celonis-Gründer Alexander Rinke, Martin Klenk und Bastian Nominacher bei der Ehrung zum Deutschen Zukunftspreis 2019

Foto: Peter Kneffel / picture alliance/dpa

"Wir hatten ursprünglich nicht vor, ein Unternehmen zu gründen", zitiert die Gründerstudie Bastian Nominacher, neben Martin Klenk und Alexander Nominacher einer der Gründer von Celonis. Das Unternehmen entstand 2011 aus der studentischen Unternehmensberatung an der TU München. Die Theorie, komplexe IT-Prozesse mit Datenspuren schnell zu erfassen und zu optimieren, bewährte sich beim Bayerischen Rundfunk. Nach Aufträgen von Siemens und anderen ist daraus ein Milliardengeschäft geworden. Celonis gewann den Game Changer Award 2019 , kurz darauf den Deutschen Zukunftspreis und steht nun vor einem Börsengang.

Qiagen

Testen, testen, testen: Metin Colpan war Mitgründer von Qiagen, langjähriger CEO und ist noch heute im Aufsichtsrat

Testen, testen, testen: Metin Colpan war Mitgründer von Qiagen, langjähriger CEO und ist noch heute im Aufsichtsrat

Foto: Michael Dannenmann / picture alliance / VisualEyze

Schon etwas älter ist eine Ausgründung der Universität Düsseldorf, Qiagen datiert nämlich von 1984. Biophysikprofessor Detlev Riesner und seine Doktoranden Jürgen Schumacher, Metin Colpan und Karsten Henco hatten ein Reinigungsverfahren entwickelt, um DNA von Pflanzenschädlingen zu isolieren. Daraus wurde ein führender Lieferant der Labortechnik für Gentests – und eine weitere Erfolgsstory der Corona-Krise: Laut den an diesem Mittwoch veröffentlichen Geschäftszahlen wuchs der Umsatz von Qiagen 2020 um 23 Prozent, weil der Boom der Covid-Tests den Einbruch vieler weiterer medizinischer Aufträge wettmachte. Der Börsenwert ist auf mehr als zehn Milliarden Euro gestiegen, ein Übernahmeversuch des US-Wettbewerbers Thermo Fisher gescheitert – und nun winkt der Aufstieg zum Dax-Konzern.

Evotec

Start-up vom Nobelpreisträger: Chemiker Manfred Eigen (im Bild von 2007, 2019 verstorben) zählt zu den Urhebern von Evotec

Start-up vom Nobelpreisträger: Chemiker Manfred Eigen (im Bild von 2007, 2019 verstorben) zählt zu den Urhebern von Evotec

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Qiagen-Mitgründer Karsten Henco wiederholte den Erfolg sogar noch einmal, gemeinsam mit Chemienobelpreisträger Manfred Eigen und weiteren Forschern des Göttinger Max-Planck-Instituts. Die 1993 erfolgte Ausgründung Evotec in Hamburg galt lange als das Aushängeschild der deutschen Biotechbbranche schlechthin. Das Unternehmen hat sich darauf verlegt, neue Wirkstoffe nur noch zu entwickeln und die Vermarktung großen Pharmafirmen zu überlassen. Die Börse bewertet den TecDax-Konzern aktuell mit rund 5,5 Milliarden Euro. Zuletzt kam noch eine Investition der Stiftung von Bill und Melinda Gates, um ein Corona-Medikament zu entwickeln.

Morphosys

Neuer Markt, auch ohne Finanzblase: Simon Moroney als Morphosys-Chef im März 2001

Neuer Markt, auch ohne Finanzblase: Simon Moroney als Morphosys-Chef im März 2001

Foto: imago images/Plusphoto

Zur selben Biotech-Generation zählt Morphosys aus Martinsried bei München. 1992 taten sich Simon Moroney von der Universität Cambridge und Andreas Plückthun, damals an der Universität München, zusammen, um die weltgrößte Bibliothek menschlicher Antikörper aufzubauen. Inzwischen haben die mehr als zehn Milliarden erfassten Antikörper bei der Entwicklung von mehr als 100 Arzneimittelkandidaten geholfen. Der Neuseeländer Moroney amtierte geschlagene 27 Jahre als CEO, bis er 2020 in den Aufsichtsrat des Schweizer Pharmariesen Novartis einzog.

Lilium

Prototyp: Flugtaxi von Lilium auf dem Digitalgipfel in Nürnberg 2018

Prototyp: Flugtaxi von Lilium auf dem Digitalgipfel in Nürnberg 2018

Foto: Daniel Karmann / dpa

Ein jüngeres Beispiel gefällig? Das Münchener Unternehmen Lilium datiert erst von 2015, wiederum als Ausgründung der TU München. Die Firma von CEO Daniel Wiegand und seinen Kommilitonen Sebastian Born, Patrick Nathen und Matthias Meisner hat sich im Wortsinn einen Senkrechtstart vorgenommen: mit elektrisch betriebenen Lufttaxis. Die Dinger fliegen. Vor dem Markterfolg stehen noch einige Hindernisse und Zweifler, doch im Sommer 2020 konnte die Alma Mater ihr zweites "Einhorn" (nach Celonis) feiern, weil Liliums Bewertung auf mehr als eine Milliarde Dollar stieg. Dass die Luftfahrtindustrie die Neulinge ernst nimmt, demonstrierte im Januar der Einstieg des langjährigen Airbus-Chefs Tom Enders in den Aufsichtsrat.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde auch Lilium-Wettbewerber Volocopter als Beispiel genannt, die Idee sei am Karlsruher Institut für Technologie entstanden. Tatsächlich hatte Mitgründer Alexander Zosel dort studiert, es gibt nach eigenen Angaben jedoch keinen Zusammenhang zur Firmengründung.

ak
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