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Management Folie für Erfolg

Alles eine Frage der Organisation: Wie der Unternehmer Frank Ferchau aus dem väterlichen Personalverleiher eine Vorzeigefirma gemacht hat.
aus manager magazin 11/2008

Gummersbach, unzählige Hügel ostwärts von Köln, in einem weit- läufigen Altbau mitten in der Fußgängerzone. Frank Ferchau eilt mit wehendem Trenchcoat durch Flure und Treppenhäuser. Es ist die Hauptverwaltung des Fachkräfteverleihers Ferchau Engineering GmbH.

Vorbei geht es an gerahmten Konstruktionszeichnungen des Schnellzugs ICE, an Exponaten eines Belegschafts-Malwettbewerbs, an freundlich vorgestellten Mitarbeitern. Dann mündet der Korridor unversehens in das Büro von Frank Ferchau. Ein Vorzimmer, durch das sich Gäste begeben müssten, gibt es nicht.

Mancher könnte meinen, er hätte sich in eine deutsche Amtsstube verirrt. Auf einem Besprechungstisch stapeln sich Ablagefächer wie Akten. Seine Engsten würden ihn einen Folienfetischisten nennen, sagt der 43-jährige Hausherr mit entwaffnender Offenheit.

So schlicht kann erfolgreiches Unternehmertum aussehen.

Denn Frank Ferchau hat geschafft, was nur wenigen Geschäftsleuten gelingt. Er hat kluge Ideen umgesetzt, einige Blockaden überwunden.

Er hat aus einem bescheidenen Dienstleistungsunternehmen ein großes geformt, das mit den ersten Adressen der deutschen Wirtschaft Geschäfte macht. Der Umsatz hat sich in den drei Jahren, die er allein an der Spitze der Firma Ferchau steht, auf mehr als 280 Millionen Euro verdoppelt; die Gewinnkurve ist nicht weniger beachtlich.

Und er hat - was vielleicht die herausragendste seiner Leistungen ist - den Unternehmensgründer, der zugleich sein Vater ist, von seiner Brillanz als Firmenchef überzeugen können.

Für eine hochkarätige Jury der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma Ernst & Young ist Frank Ferchau deshalb zusammen mit vier weiteren Siegern einer jener Pioniere, die das Prädikat "Entrepreneur des Jahres" verdienen (siehe Kasten rechts). Mit diesem Preis werden alljährlich herausragende Unternehmerleistungen ausgezeichnet, die zur Nachahmung verführen sollen.

Nun soll nicht verschwiegen werden, dass im Fall von Frank Ferchau die Umstände durchaus hilfreich waren. Denn seine Firma hat, woran es Industrieunternehmen mangelt: Ingenieure.

Viele der Konzerne finden einfach keine geeigneten Techniker. Andere wollen ihre technischen Belegschaften möglichst klein halten und greifen nur im Bedarfsfall zu. Wenn Daimler oder Bosch, Siemens oder Beiersdorf einzelne Experten oder ganze Teams brauchen, haben Dienstleister wie Ferchau sie in der Regel parat. Allein beim Großkunden Airbus sind rund 500 der mehr als 4200 Ferchau-Leute unterwegs.

Die passenden Ingenieure für solche Feuerwehreinsätze vorzuhalten ist allerdings keine Kleinigkeit. Für sein rasantes Wachstum muss Ferchau jährlich rund 800 neue Mitarbeiter anwerben. Viele sind Hochschulabsolventen oder Facharbeiter. Um die Kundenanforderungen erfüllen zu können, müssen sie häufig aufwendig geschult werden.

Außerdem gilt es, die vielgliedrige Firma mit ihren 50 Niederlassungen und 60 Büros, die über Deutschland verteilt sind, zusammenzuhalten. Es ist den Umbauarbeiten von Frank Ferchau zu verdanken, dass das heute möglich ist.

Sein Schlüsselerlebnis dazu hatte er 1994. Kurz zuvor hatte sein Vater ihn während eines Ausflugs der Familie nach Wien gefragt, ob er nicht in die Firma einsteigen wolle. Die hatte damals gerade 450 Beschäftigte und befand sich in einem Tief. Der Vater spielte mit dem Gedanken an einen Verkauf.

Als stellvertretender Leiter der Niederlassung München musste Ferchau junior gleich am ersten Arbeitstag dort die Führung übernehmen. Der Büroleiter hatte sich in den Urlaub verabschiedet. "Es gab keine EDV, keine Dokumentation, überhaupt wenige Standards", erinnert sich Ferchau. Er habe deshalb Fehler über Fehler gemacht. "Solche Situationen müssen unbedingt vermieden werden."

Während seiner weiteren Stationen in der Firma hat Ferchau deshalb die Arbeitsprozesse zum Teil gegen anfängliche Vorbehalte seines Vaters Heinz und altgedienter Führungskräfte nach und nach vereinheitlicht. "Nur Transparenz schafft Qualität", lautet das Credo des Chefs.

Es scheint, als sei Ferchau der Branche und anderen Familienbetrieben stets ein kleines Stück voraus. So verfügt die Firma als einziges Personaldienstleistungsunternehmen über einen Haustarifvertrag mit der IG Metall. Und auch der Generationswechsel vom Vater auf Frank Ferchau war wohl von solcher Organisation und Schläue, dass man nicht umhin kommt, diesen als vorbildlich zu bezeichnen. Die beiden Ingenieure ließen sich bei der Stabübergabe von einem Experten coachen, von Peter May, Gründer und Chef der Intes Akademie für Familienunternehmen.

So wundert es nicht, dass der Erfolg der Ferchaus durchaus Interesse bei der Konkurrenz weckt. "Seit ein paar Jahren erhalten wir Übernahmeangebote", berichtet Ferchau. Allerdings will er von solchen Offerten nichts wissen. Er möchte lieber selbst zugreifen - am besten über die Nachbargrenzen hinweg. "Wir müssen jetzt einen europäischen Dienstleister schaffen", sagt Ferchau.

Geld für so ein Projekt ist bei Ferchau offenbar vorhanden. Der Engpass liegt wohl eher darin, dass der Mittelständler eine größere Übernahme bislang nur schwerlich managen und integrieren könnte. "Die Frage ist: Haben wir den Führerschein dafür?", sagt Ferchau.

Kein Zweifel: Frank Ferchau wird sich daranmachen, die Lizenz für das Führen einer noch stattlicheren Firma zu erlangen. Thomas Werres

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