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Tui Fly, Tuifly

Wenn der Reiseriese seine Billig-Airline an Air Berlin abgibt, droht dem Konzernchef eine Revolte.
aus manager magazin 12/2008

Eines kann Joachim Hunold (59) niemand nachsagen: dass er über keine Langmut verfüge. Schon mehrfach verhandelte der Chef von Air Berlin mit dem Reisekonzern Tui, ob nicht beide ihr Fluggeschäft vereinigen könnten. Zweimal stand er kurz vor einem Abschluss, jedes Mal ließ Tui-Boss Michael Frenzel (61) den Deal kurz vor dem letzten Handschlag platzen.

Jetzt verhandelt Hunold unverdrossen erneut. Droht ihm die dritte Abfuhr?

Die Initiative zu den Gesprächen ging diesmal von Tui aus. Die Verantwortlichen stören sich an den hohen Verlusten ihres deutschen Flugablegers Tuifly. Kenner taxieren den jährlichen Fehlbetrag auf 30 bis 40 Millionen Euro. Besonders Henrik Homann (46), Finanzchef von Tui Deutschland, drängt auf eine Lösung. Lieber heute als morgen möchte er den Ballast loswerden.

Ein aussichtsreicher Versuch - eine Fusion von Tuifly mit dem Lufthansa-Billigflieger Germanwings - scheiterte im Spätsommer, vor allem an Tui. Konzernchef Frenzel und Touristikvorstand Volker Böttcher (49) hatten weitgehende Garantien für die Marke Tuifly, den Standort Hannover und eigene Wartungsbetriebe gefordert und die Lufthansa damit überfordert.

Als neuer Partner blieb so nur Air Berlin übrig. Immerhin: Hunolds Fluglinie besitzt Erfahrung sowohl auf klassischen touristischen Strecken als auch bei Städtetouren, die ebenfalls zum Programm von Tuifly gehören und als besonders heikel gelten. Für die Berliner böte die Übernahme die Chance, bereits bestellte und demnächst gelieferte Jets sinnvoll einsetzen zu können. Tuifly hat die Flotte nur geleast, zahlreiche Mietverträge laufen in nächster Zeit aus.

Der Nachteil eines solchen Pakts wiegt allerdings schwer: Air Berlin könnte für Tuifly praktisch nichts bezahlen. Die Nummer zwei des deutschen Marktes steht im eigenen Geschäft stark unter Druck, weitere finanzielle Belastungen kann der gebeutelte Hunold sich keinesfalls leisten.

Noch gravierender wirkt, was bei einem Deal mit Air Berlin auf Tui-Chef Frenzel zukommen könnte: eine offene Revolte der Arbeitnehmer bei Tuifly und im Aufsichtsrat des Konzerns.

Die Belegschaft und ihre Vertreter schreckt, wie drastisch Air Berlin bei den zugekauften Fluggesellschaften DBA und LTU vorgeht: DBA wird jetzt sogar ganz geschlossen. Von der Tui-Fluglinie, immerhin 36 Jahre alt und unter dem vormaligen Namen Hapag-Lloyd Flug nicht unerfolgreich, würde unter Hunolds Herrschaft womöglich nichts übrig bleiben.

Vor allem aber herrschen im Tui-Reich Zweifel an der Solidität des möglichen Partners. Wie sicher, fragen sie, ist die Zukunft eines Investors Air Berlin in Zeiten der Finanz- und Airlinekrise?

Konzernchef Frenzel zieht heute schon erheblichen Zorn auf sich. Bei Tuifly hält man ihm vor, die Flug- linie massiv geschwächt zu haben - mit ständigen Strategieschwenks. Erst wollte er groß im Billigflugmarkt mitmischen, gründete die Hapag-Lloyd Express (HLX) und bewarb sie mit hohem Aufwand. Dann fusionierte er HLX und ihre Schwestergesellschaft Hapag-Lloyd Flug (Hapagfly) und löschte gleich beide Namen aus. Fragwürdig auch die Transaktion, die eigenen Flugzeuge zu verkaufen und sie zurückzuleasen. Was dem Konzern kurzfristig Geld einbrachte, belastet nun die Airline. "Die AG", klagt ein Tuifly-Insider, "hat uns ausgepresst wie eine Zitrone." Kann Frenzel sich jetzt auch noch einen umstrittenen Verkauf leisten?

Der Vorstandschef steuert inzwischen sacht um. Er forderte beim Tuifly-Management einen Alternativplan ein, wie die Sanierung auch eigenständig zu schaffen wäre. Der Entwurf liegt bereits vor. Er sieht eine Reduktion der 44 Maschinen zählenden Flotte um rund ein Viertel vor und zahlreiche weitere Sparmaßnahmen. Die Belegschaft würde wohl mitziehen - eine harte Kur mit eigenen Mitteln zöge sie dem Ausverkauf an Air Berlin allemal vor.

Joachim Hunold, so scheint es, wird Stoiker bleiben und eine weitere Absage ertragen müssen.

Michael Machatschke

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