Zur Ausgabe
Artikel 11 / 39
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Fluchtpunkt Kiel

Klaus Lederer: Nach dem Abgang bei Babcock ist der HDW-Chef umstritten wie kein zweiter Manager.
aus manager magazin 8/2002

Für die Zunft der Schiffbauer war es ein Großereignis. Die Hamburger Traditionswerft Blohm + Voss feierte Ende Juni mit viel Aufwand und 740 Gästen das 125-jährige Bestehen.

Einer indes blieb den Feierlichkeiten fern. Es war kein Geringerer als der Chef des Kieler Branchenführers HDW, Klaus Lederer (53). Der Mann, der sonst nicht viel Feingefühl kennt, bewies in diesem Fall Takt. Ein Auftritt des Schwaben hätte die Gästeschar gewiss äußerst peinlich berührt.

Lederer hatte eine Woche zuvor den Chefposten der Babcock Borsig AG in Oberhausen fluchtartig Richtung Kiel verlassen, während die Firma geradewegs in die Insolvenz steuerte. Mittlerweile darf der Mann sich rühmen, Deutschlands umstrittenster Manager zu sein.

Fünf Jahre hat Lederer am Babcock-Konzern erfolglos herumsaniert. Immer wieder versprach er Genesung, in Wirklichkeit aber strapazierte er nur Bilanzspielräume bis aufs Äußerste. Wie weit kann ein Manager gehen? Ist Lederer nach seinem unschönen Abgang bei Babcock für HDW, für irgendein Unternehmen in diesem Land noch tragbar?

Das sind Fragen, die sich nach der Babcock-Pleite viele stellen - selbst enge Vertraute. So erwägt etwa Maria-Elisabeth Schaeffler (60), Besitzerin des Wälzlagerherstellers FAG, dessen Aufsichtsrat Lederer vorsitzt, den Rausschmiss des Kontrolleurs.

Einer aber zweifelt offenkundig überhaupt nicht an Lederer: er selbst. Nur etwas ruhiger sei Lederer geworden, berichtet einer, der ihn in diesen Tagen bei der Arbeit in Kiel erlebte. Kein Vergleich zu seiner hohen Zeit bei Babcock. Dort führte er ein hartes Regiment, feuerte Dutzende von Managern (siehe Kasten Seite 18).

Mitunter wechselte Lederer komplette Führungen von Tochterfirmen aus. So erging es im November 2001 dem dreiköpfigen Leitungsteam des Gebäude-Dienstleisters Krantz-TKT: Mit der Begründung, dass der Konzernchef mit ihnen die Strategie besprechen wolle, wurden die Geschäftsführer nach Oberhausen zitiert.

Doch dort hielt Lederer für jeden der drei nur die Kündigung parat. Der Grund: Die Krantz-TKT-Führung hatte sich beim geplanten Verkauf der Firma gegen eine Mitwirkung zweier Lederer- Freunde gewandt.

Ein Jahr zuvor hatte Lederer drei HDW- Vorstände hinausgeworfen, weil sie nicht anstandslos Gelder aus Anzahlungen für U-Boot-Aufträge nach Oberhausen überweisen wollten.

Kritik lässt ein Rambo wie Lederer nicht zu. So einer ist zutiefst davon überzeugt, selbst alles am besten zu können. Nur in Ausnahmefällen vertraut er anderen. Zu denen zählt Fritz Kall jr. (50), der gern das angehängte "junior" betont. Mit Hilfe des Finanzexperten gelang es Lederer, Banken, Mitarbeiter und Aktionäre - darunter der US-Investor Guy Wyser-Pratte - über die wirkliche Lage von Babcock im Unklaren zu lassen.

Selbst Vorstandskollegen sind mitunter ahnungslos. Von Lederers Nebenerwerb als Gesellschafter der Beteiligungsberatung Boulders erfuhr der Restvorstand aus der Presse. Dabei hätte Lederer durchaus Anlass gehabt, seine Kollegen zu unterrichten. Immerhin bestand Gefahr einer Interessenkollision. Boulders-Mitgesellschafter Aldo Fozzati hatte bereits bei einzelnen Verkäufen von Babcock-Firmen mitgewirkt. Um die Bedenken zu entkräften, stieg Lederer bei Boulders wieder aus. Dass die Sache überhaupt herauskam, hat er womöglich Fozzati zu verdanken. Der habe, so wird spekuliert, die Boulders-Geschichte lanciert, weil er bei einer Provision übergangen wurde.

Lederer muss nun alles tun, dass er nach Fozzati nicht auch noch seinen Freund Richard Cashin, den Mitinhaber von HDW, verliert. Der wäre in der Lage, den Deutschen seines Postens zu entheben. Thomas Werres

-------------------------------------------------------------------

Klaus Lederer

Lehrjahre: Nach einem ersten Job beim Fraunhofer Institut in Stuttgart wechselt der Maschinen- bauer zur AEG, später zieht es ihn zu BMW.

Herrenjahre: Bei Heideldruck arbeitet Lederer erstmals als Vorstand - für kurze Zeit. Dann geht es zu ITT. 1997 heuert der damalige WestLB-Chef Neuber Lederer als Babcock-Vormann an.

-------------------------------------------------------------------

Viel Feind - wenig Ehr

Lederers Unterstützer:

Richard Cashin (Chef des US-Finanzinvestors OEP),

Fritz Kall (Berater und Ex-Vorstand Babcock),

Hans-Joachim Schmidt (Finanzvorstand HDW),

Darya Nassehi Tabrizi (Vorstandsassistent)

Lederers Gegner:

Aldo Fozzati (Berater, Ex-Freund von Lederer),

Guy Wyser-Pratte (Babcock-Borsig-Investor)

Lederers Opfer:

Ulrich Bez (Ex-Vorstandschef Flender),

Peter Boden

(Ex-Vorstandschef Babcock-BSH),

Harald Breme (Ex-Vorstand Schumag),

Marten Brunk (Ex-GF Krantz-TKT),

Ulrich Döpke (Ex-GF Krantz-TKT),

Richard Grogan (Ex-CEO BDT Engineering Corporation),

Hans Fechner

(Ex-Vorstand Babcock Borsig),

Jürgen Kennemann (Ex-HDW-Vorstand),

Dirk Rathjens (Ex-HDW-Vorstandschef),

Gisbert Rühl

(Ex-Vorstand Babcock Borsig),

Rainer Schumacher

(Ex-GF Babcock Kraftwerkstechnik),

Roger Sprimont (Ex-HDW-Vorstand),

Walter Wetzels (Ex-Vorstand Schumag),

Hans Artur Wilker (Ex-HDW-Vorstand),

Thomas Zinnöcker (Ex-GF Krantz-TKT)

Zur Ausgabe
Artikel 11 / 39
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel