Zur Ausgabe
Artikel 16 / 67
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Festungsmentalität

Henkel: Die Familie verteidigt ihre Mehrheit. Das lässt der globalen Expansion wenig Spielraum.
Von Heide Neukirchen
aus manager magazin 2/2001

Albrecht Woeste (65), Vorsitzender des Aufsichtsrats und des Gesellschafterausschusses der Düsseldorfer Henkel KGaA, geht leidenschaftlich gern auf die Jagd.

Mit Ulrich Lehner (54) hat Woeste nun endlich einen Vorsitzenden der Geschäftsführung, den er auf die Pirsch mitnehmen kann. Hans-Dietrich Winkhaus (63), als Lehners Vorgänger bis Mai 2000 im Amt, hatte für das Waidwerk nichts übrig; er bevorzugte Golf als Freizeitvergnügen.

Lehner hingegen sind Woestes Jagdeinladungen hochwillkommen. Sie bieten ihm Gelegenheit, mit dem Wortführer der Inhaberfamilien ungestört Geschäftliches zu bereden.

Das ist für den Henkel-Chef wichtig - besonders weil er und Woeste durchaus nicht immer einer Meinung sind über das richtige Tempo und den besten Weg für die Ausweitung des Geschäfts. Es geht dabei vor allem um die Finanzierung.

Unstrittig ist, dass der Hersteller von Wasch- und Reinigungsmitteln, Kosmetika und Klebstoffen (Umsatz: elf Milliarden Euro) in den Kernsparten Wasch- und Körperpflegemittel kräftig expandieren muss. Lehner braucht dringend Akquisitionen.

Weltweites Marketing ist teuer und setzt Größe voraus. Henkels fünfter Rang bei Wasch- und Reinigungsmitteln reicht gerade aus, um die wichtigsten Märkte zu bearbeiten. Die elfte Position unter den Kosmetikherstellern (1,8 Milliarden Euro Umsatz) gilt hingegen bereits als kritisch. Weltmarktführer L'Oréal verkauft beinahe das Sechsfache.

Auf Lehners Wunschliste stehen die Hamburger Beiersdorf AG und die Darmstädter Wella AG. Eine Kosmetikholding mit Wella, Beiersdorf und der Henkel-Tochter Schwarzkopf würde mit 6,4 Milliarden Euro an L'Oréal etwas näher herankommen. Doch an der Dreierlösung arbeiten die Aktionäre der Unternehmen seit über zehn Jahren. Auf eine Einigung kann Lehner nicht warten.

Schneller zu haben wäre der US-Haarpflegespezialist Clairol (2,3 Milliarden Dollar Umsatz). Eigentümer Bristol-Myers Squibb will sich von der Firma trennen. Henkel bekäme mit Clairol einen Fuß in die nord- und lateinamerikanischen Märkte. Dort gelten die Düsseldorfer mit ihren eigenen Kosmetikmarken bislang als Nobodys. Um aus Henkel wirklich einen Global Player zu machen, müsste Lehner zudem in Japan auf Einkaufstour gehen.

Bislang ist all das pure Theorie; großen Investitionen steht die Eigentümerstruktur des Konzerns im Wege. Drei Familienstämme (Fritz, Hugo, Emmy) halten zusammen die Mehrheit an dem börsennotierten Unternehmen. Und so soll es, wenn es nach Woeste geht, auch bleiben.

Unter dieser Prämisse ist der Spielraum für Akquisitionen begrenzt. Die Familie könnte bei einer Kapitalerhöhung von zwei oder drei Milliarden Mark noch mitziehen. Bei höheren Beträgen wird es eng.

Ausweg: Die Alteigentümer müssten ihre Position reduzieren. Doch Woeste will sich nicht eines Tages nachsagen lassen, er sei es gewesen, der den Einfluss der Familie der Expan- sionspolitik des Hen- kel-Vorstands geopfert habe.

Lehner, vor seiner Berufung an die Spitze fünf Jahre Finanzvorstand, denkt pragmatischer. Er wäre bereit, die Kosmetiksparte separat als börsennotierte Gesellschaft zu führen und auf diese Weise fremde Aktionäre an der Finanzierung von Akquisitionen zu beteiligen.

Auf solche Pläne reagiert Woeste ablehnend, vor allem seit den schlechten Erfahrungen mit der Abspaltung der Henkel-Chemiesparte zur Cognis B. V., Roermund. Cognis gilt als eine der misslungensten Ausgründungen der deutschen Industrie. Die Firma ist allein nicht lebensfähig; Henkel wartet auf einen Käufer.

Dem Stil des Hauses entsprechend, werden Lehner und Woeste ihre unterschiedlichen Vorstellungen in monatelangen Diskussionen abgleichen.

Lehner verfügt dabei über die schwächere Position. Im Jagdrevier ist er nur Gast und im Unternehmen lediglich angestellter Manager. Das Sagen haben die Eigentümer.

Heide Neukirchen

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 16 / 67
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel