Zur Ausgabe
Artikel 45 / 54
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Designpreis Fantasia-Land

Die Oscar-Gewinner für Gestaltung sind gekürt. Erstmals dabei: ein Büro aus dem Osten, "Vertijet" von Steffen Kroll und Kirsten Hoppert.
aus manager magazin 11/2008

Warum wir Design machen?", fragt Steffen Kroll, ein Kraftkerl in Kapuzenpulli und Jeans, mit rhetorischem Gestus. Triumphal trifft sein Blick den seiner Partnerin Kirsten Hoppert am Ende des weißen Tisches in dem weiß gekachelten Besprechungszimmer, dann den des Besuchers. "Um die Welt zu verändern. Um sie besser zu machen. Weil das, was da ist, uns nicht gefällt. Weil es uns nervt. Weil es uns unzufrieden macht."

Am Ende soll stehen: eine fantastische Welt. Kroll spricht im Ton der Schwärmer, der hier, am Südosthang des Harzes, seit Luthers Zeiten nachklingt. "Was ist fantastisch?", fragt er. Selbstverständlich kennt er die Antwort: "All das, was nicht berechenbar ist!"

Wie das Polstermöbel "Lava" von Vertijet (so der Name des Designbüros der beiden in Halle), das jetzt die Jury des Rats für Formgebung so sehr bezaubert hat, dass sie ihm den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland zusprach. Eine kleine Sensation: Mit Steffen Kroll und Kirsten Hoppert bekommt erstmals ein unabhängiges Designteam aus der Ex-DDR beim Festakt Mitte Februar in Frankfurt die hochrenommierte Auszeichnung, die alljährlich gerade mal 25 Bewerbern verliehen wird (siehe Kasten rechts).

Der Designpreis, den die Gestalter bekommen, deren Schöpfungen "durch ihren Innovationsgehalt, ihren ganzheitlichen Denkansatz und formale Stimmigkeit auffallen", so Andrej Kupetz, Geschäftsführer des Rates für Formgebung, wird 2009 zum 40. Mal vergeben. Die Auszeichnungen für Formgebungen reichen von der Gemüse-raspel über Flachbildschirm und Kühlkombination bis hin zum Feldhäcksler für die Maisernte.

"Wir haben es in diesem Jahr", benennt Andrej Kupetz den Trend, "mit einer sehr leichten, sehr zurückgenommenen, sehr geraden Designsprache zu tun."

Einzig das wulstige, raumgreifende Sofa von Vertijet mache da eine Ausnahme, indem es mit organischen Formen spiele.

"'Lava' ist so konzipiert", erläutert Gestalter Kroll das Seinsprinzip des 11 000-Euro-Sofas, "dass es den Rahmen üblicher Räumlichkeiten sprengt." Ein Arrangement aus Sitz-, Lümmel- und Liegeelementen im Geist der Dekonstruktion. "Wir möchten mit dieser Art des Sichniederlassens 'ne Wohnstruktur, 'ne Denkweise, auch 'ne Sozialstruktur verändern."

Ob die Möbelhersteller über den Vertijet-Ansatz eher lachen oder eher weinen sollen, sei dahingestellt. Denn "wenn man 'Lava' in einen Wohnraum integriert, fliegt alles andere raus", verspricht Kroll mit Emphase, "das Sideboard fliegt raus, die Leuchte an der Decke, der Couchtisch - man kann eigentlich nichts mehr gebrauchen."

Den Bauhaus-Ansatz, das Leben verändern, den neuen Menschen schaffen, haben Hoppert und Kroll von der legendären Hallenser Designakademie Burg Giebichenstein mitgebracht, auf der sie sich auch kennengelernt haben. Vor acht Jahren gründeten sie das gemeinsame Designbüro. Inzwischen liefern sie Entwürfe für Taschen an Bree, für Küchengerät an Authentics, für Möbel an Elmarflötotto. Oder auch an einen kanadischen Polsterer und an japanische Messerschmieden.

Für Entwürfe, die von Firmen nicht verwirklicht wurden, haben die beiden jetzt ihr eigenes Label gegründet, Vertijetté. Kirsten Hoppert präsentiert Kochlöffel, Salatbestecke, wie sie die Welt kaum je gesehen hat. Auch eine Antwort auf die Frage: Was ist Design?

Eine andere gibt Steffen Kroll: "Ich stelle eine Vermutung an und muss aus tiefstem Innern den Glauben daran haben, dass sie stimmt. Und dann entwickle ich die Welt in diese Richtung."

So funktioniert Formgebung aus dem Geist der Utopie. Klaus Ahrens

Zur Ausgabe
Artikel 45 / 54
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel