Demografischer Wandel Deutsche Unternehmen leiden unter Fachkräftemangel

Laut einer Umfrage des Ifo-Institutes und der KfW wirkt sich der Fachkräftemangel negativ auf die Geschäftstätigkeit von vielen Unternehmen in Deutschland aus. Wirtschaftsverbände fordern leichtere Zuwanderungsregeln.
Der Fachkräftemangel ist unter anderem im Dienstleistungssektor und im Handwerk besonders stark ausgeprägt

Der Fachkräftemangel ist unter anderem im Dienstleistungssektor und im Handwerk besonders stark ausgeprägt

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Der Mangel an Fachkräften frisst sich immer mehr als Hemmnis in die deutsche Wirtschaft. Bei fast der Hälfte aller deutschen Unternehmen war im vierten Quartal die Geschäftstätigkeit beeinträchtigt, weil nicht genügend Personal zur Verfügung stand. Das ergab das Fachkräftebarometer des Münchner Ifo-Institutes und der staatlichen Bankengruppe KfW. "Deutschland steht vor einem demografischen Strukturwandel von historischer Dimension", sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib (44).

Offene Stellen seien inzwischen im Durchschnitt fünf Monate lang unbesetzt. Gleichzeitig sei die Produktivität pro Beschäftigtem nicht gestiegen. Die Folgerung: Es könnte wegen fehlenden Personals zur Dauer-Rezession kommen. "Hält dies an und nimmt die Erwerbstätigenzahl demografisch bedingt ab, könnte in drei bis vier Jahren eine Phase dauerhaft schrumpfenden Bruttoinlandsprodukts eintreten", heißt es in der Untersuchung von Ifo und KfW.

Besonders stark sei der Fachkräftemangel im Dienstleistungssektor ausgeprägt. Dort hätten Anfang Oktober mehr als 48 Prozent der Unternehmen beklagt, nicht ausreichend Personal zu finden. Bei Steuer- und Wirtschaftsberatern seien sogar mehr als zwei Drittel der Kanzleien betroffen. Insgesamt litten größere Unternehmen stärker als kleine und mittlere. Chemische Industrie sowie Papier- und Pappehersteller hätten noch die geringsten Probleme.

Hauptursache sei die demografische Entwicklung

Als Ursache sehen die Experten vor allem die demografische Entwicklung. Bei einem Zuwanderungssaldo von Null würde die Zahl der Einwohner Deutschlands im Erwerbsalter bis 2040 um 9,3 Millionen sinken, die der Einwohner im Rentenalter aber um 4,7 Millionen steigen, errechneten die Forscher. Allein in den kommenden drei Jahren dürfte die Zahl der inländischen Erwerbspersonen um 1,5 Millionen sinken. "Die Fachkräfteknappheit wird dadurch ohne zügiges und ausreichendes Gegensteuern weiter zunehmen."

Als Gegenmaßnahmen müssten Frauen, Ältere und derzeit Arbeitslose stärker in den Arbeitsprozess eingebunden werden. Hinzu müsse eine verstärkte Zuwanderung ausländischer Arbeitnehmer kommen. "Der demografische Wandel reicht derart weit, dass an mehreren Hebeln gleichzeitig angesetzt werden muss, um den Wohlstand zu sichern und zugleich die großen Herausforderungen zu bewältigen, allen voran die Transformation zur grünen und digitalen Wirtschaft", sagte die KfW-Chefvolkswirtin.

Das KfW-Ifo-Fachkräftebarometer basiert auf Auswertungen der Ifo-Konjunkturumfragen, aus denen unter anderem auch der Ifo-Geschäftsklimaindex berechnet wird. Für das Fachkräftebarometer werden einmal pro Quartal rund 9000 Unternehmen aus den Wirtschaftsbereichen Verarbeitendes Gewerbe, Bauhauptgewerbe, Handel sowie Dienstleistungen befragt, darunter rund 7500 Mittelständler.

Wirtschaftsverbände fordern leichtere Zuwanderungsregeln

"Wir haben in Deutschland große Schwierigkeiten in Unternehmen zu expandieren, weil uns schlichtweg die Fachkräfte fehlen", sagte DIHK-Präsident Peter Adrian (64) der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Holger Schwannecke (61), sagte der dpa, allein im Handwerk gebe es aktuell rund 250 000 offene Stellen. "Wir brauchen dringend Fachkräfte. Und die müssen wir vor allem über die Ausbildung im Inland und das Heben aller inländischen Potenziale rekrutieren, aber auch über Fachkräftezuwanderung", sagte Schwannecke. "Da passiert zu wenig."

Adrian kritisierte: "Auf dem Weg der Einwanderung von Fachkräften gibt es noch viele Hürden." Nötig sei ein unkompliziertes Handling über die Konsulate, über die Vertretungen im Ausland. "Das scheitert im Moment schlichtweg an den Verwaltungsstrukturen", sagte Adrian. Auch Schwannecke sagte: "Es braucht lange bei den Visa, da sind die Konsulate überlastet." Vieles werde immer noch händisch gemacht. "Und es ist auch nicht förderlich, dass wir keine Willkommenskultur für Arbeits- und Fachkräfte haben."

frm/dpa/dpa-AFX

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