Unruhe in Finanzbranche wächst EZB warnt Banken in Brandbrief vor faulen Krediten

Die Bankenaufseher aus der Europäischen Zentralbank warnen die großen Institute der Euro-Zone vor steigenden Kreditausfallrisiken. Sie mahnen bessere Warnsysteme an – und sorgen sich um die Stabilität der Finanzbranche.
Drohszenario: Die Aufseher der EZB warnen die Institute des Kontinents.

Drohszenario: Die Aufseher der EZB warnen die Institute des Kontinents.

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Arne Dedert/ dpa

Die Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) schlägt Alarm. In einem Brandbrief hat sie nun die großen Geldhäuser der Euro-Zone angesichts der wirtschaftlichen Folgen der Virus-Pandemie vor Nachlässigkeit im Umgang mit Problemkrediten gewarnt. "Bedeutende Institute sollten sich nicht ausschließlich auf Verzugstage als Auslöser für eine signifikante Erhöhung des Ausfallrisikos verlassen", hieß es in einem am Freitag veröffentlichten Brief von EZB-Chefbankenaufseher Andrea Enria (59) an die Institute. Geldhäuser sollten gut strukturierte und solide Verfahren zur Kreditwürdigkeitsprüfung besitzen. So könnten sie zeitnah und effektiv tragfähige von nicht tragfähigen Schuldnern unterscheiden. "Dabei sollte auch das Auslaufen der bestehenden staatlichen Unterstützungsmaßnahmen berücksichtigt werden", schrieb Enria.

Die Geschäfte vieler Unternehmen sind durch die Lockdown-Maßnahmen schwer getroffen worden. Angesichts von zum Teil herben Umsatzeinbußen haben manche Firmen Schwierigkeiten, ihre Kredite fristgerecht zurückzuzahlen.  Nach Einschätzung von Christoph Schalast (60), Professor für Wirtschaftsrecht an der Frankfurt School, werden sich die Bestände ausfallgefährdeter Kredite in ganz Europa nächstes Jahr auf rund 800 Milliarden Euro verdoppeln. Auch deutsche Institute, die im europäischen Vergleich nur wenige Wackeldarlehen in ihren Büchern haben, sind betroffen. Enria selbst hatte vor Kurzem sogar von möglicherweise faulen Krediten von bis zu 1,4 Billionen Euro gesprochen.

Klar ist: In der Finanzbranche steigt so langsam die Unruhe. Bereits Mitte November hatte auch die Bundesbank gewarnt. Auch sie rechnet angesichts der sich wieder verschärfenden Corona-Krise mit zunehmenden Kreditausfällen. Mit der länger dauernden Krise werde es zu Solvenzproblemen bei Unternehmen kommen, die sich dann auf das Finanzsystem auswirkten, sagte Bundesbank-Vorständin Sabine Mauderer (50) damals. "Steigende Insolvenzen im Unternehmenssektor werden zu Kreditausfällen und zu Wertberichtigungen führen."

In ihrem aktuellen Finanzstabilitätsbericht, vorgestellt Ende November, warnt die EZB vor einer Zunahme von Risiken im Falle eines abrupten Endes oder einer deutlichen Verlängerung der staatlichen Unterstützungsmaßnahmen. Die Unternehmen könnten dann verwundbarer sein "als auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise" 2008/2009. Zwar seien die Bilanzen der Banken im Euroraum heute solider als zur Zeit der Finanzkrise und die Kapitalpuffer der Institute sollten nach Einschätzung der EZB komfortabel bleiben, "um Verluste auszugleichen und die Kreditvergabe über einen längeren Zeitraum zu unterstützen". Dennoch könnte eine Welle von Firmenpleiten und Kreditausfällen zur Belastung für die Branche werden.

Manche Banken würden sich nicht ausreichend damit beschäftigen, die für Kreditnehmer spezifischen Anzeichen für Rückzahlprobleme zu identifizieren, schrieb EZB-Bankenaufseherin Elizabeth McCaul in einem Blog-Beitrag, der auf der Webseite der EZB-Bankenaufseher veröffentlicht wurde . Manche Institute hätten dafür nicht die Ressourcen, andere wiederum hätten ihre Kriterien aufgeweicht. Die Aufseher treibt die Sorge um, dass der Kreditfluss an Unternehmen und Haushalte womöglich genau dann ins Stocken gerät, wenn sich die Wirtschaft wieder öffnet.

Die Umklassifizierung von Krediten als Problemdarlehen zu verzögern und Abschreibungen von faulen Krediten hinauszuschieben würde das Vertrauen von Investoren in das europäische Bankensystem untergraben, erklärte McCaul. "Falls die Bilanzen undurchsichtig sind, kann mit einer starken Marktreaktion gerechnet werden", warnte sie.

Seinen Brandbrief will Chefaufseher Enria jedenfalls als Weckruf verstanden wissen. Die Instituten haben Zeit, bis zum 31. Januar 2021 darauf zu antworten. Die EZB plane aber, "eine breite Palette an Aufsichtsinstrumenten einzusetzen", um die Lage zu überwachen.

lhy/Reuters
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