Autoindustrie Glänzende Bilanzen täuschen über schwierige Lage der Autobauer hinweg

Corona-Krise, Ukrainekrieg und Materialmangel haben die Gewinne der Autobauer bislang kaum beeinträchtigt. Doch der Schein trügt, sagt eine Studie. Vor allem die Geschäfte in China bröckeln.
Trotz gesteigerten Umsatzzahlen hat die Autobranche deutliche Probleme

Trotz gesteigerten Umsatzzahlen hat die Autobranche deutliche Probleme

Foto: Friso Gentsch / Volkswagen/ DPA

Die Lage der Autobranche ist der Beratungsgesellschaft EY zufolge weniger rosig, als Kennzahlen von Herstellern vermuten lassen. So gerate der Verkauf von Neuwagen in China wegen den dortigen Corona-Lockdowns unter Druck. Das berichtete EY (Ernst & Young) in einer Studie zu den Geschäftszahlen der 16 weltweit größten Autokonzerne. Unter ihnen sind Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW.

China ist für die drei deutschen Konzerne der größte Einzelmarkt. "Ein Ende der rigorosen Corona-Politik der chinesischen Behörden ist noch nicht absehbar, daher drohen hier weitere Absatzrückgänge in den kommenden Monaten", warnte EY-Branchenberater Peter Fuß. Der Verkauf von Autos an Verbraucher war laut chinesischen Branchenangaben im April im Vergleich zum Vorjahresmonat um 35,7 Prozent eingebrochen.

Betroffen ist vor allem Volkswagen. In China, dem größten Markt der Wolfsburger, fielen die Auslieferungen wegen der Produktionseinschränkungen bei der Pandemie-Bekämpfung um die Hälfte. Aber auch in anderen Regionen verkaufte der Autobauer deutlich weniger als im Vorjahresquartal. Weltweit brachte der Konzern im April 516.500 Fahrzeuge zu den Kunden, das sind 37,8 Prozent weniger als vor Jahresfrist, wie Volkswagen Mitte Mai mitteilte. Bereits im ersten Quartal hatte Volkswagen nur 1,9 Millionen Fahrzeuge ausgeliefert, das waren knapp 22 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Mehr Umsatz trotz sinkender Verkaufszahlen

Große Hersteller verkauften weltweit von Januar bis Ende März im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im Schnitt zwar weniger Autos. Doch die Unternehmen verdienten meist besser, wie die Studie von EY ebenfalls zeigt. Bei der Umsatzrendite, bei der Umsatz und operativer Gewinn in Beziehung gesetzt werden, lag der US-Elektroautobauer Tesla mit 19,2 Prozent klar vorne. In der Rangliste der Branchengrößen folgen Mercedes-Benz mit 15 Prozent, Volkswagen mit 13,3 Prozent und BMW mit 10,9 Prozent.

Der Autobauer BMW hat 2021 sogar von der höheren Nachfrage und den gestiegenen Preisen profitiert und so viel Gewinn erwirtschaftet wie nie zuvor. Unter dem Strich blieben damit knapp 12,5 Milliarden Euro in der Kasse, mehr als dreimal so viel wie vor Jahresfrist. Die Tendenz setzte sich im ersten Quartal des laufenden Jahres vor. Auch der Wettbewerber Mercedes konnte bei Umsatz und und Gewinn im ersten Quartal glänzen.

"Die nackten Zahlen zum ersten Quartal sind hervorragend, die tatsächliche Lage in der Autoindustrie ist hingegen extrem angespannt", resümierte der Leiter der Mobilitätssparte Westeuropa bei EY, Constantin Gall. Vor allem Hersteller von Oberklassefahrzeugen profitieren demnach von einer Ausnahmelage: Angesichts des Chipmangels werden Halbleiter vor allem in große und teure Wagen eingebaut. Gleichzeitig gibt es kaum noch Preisnachlässe, da die Nachfrage hoch ist. An einigen Unternehmen gehe der Gewinnboom allerdings vorbei, sagte Gall.

rei/dpa-afx