Nach Wirecard-Skandal EY-Deutschlandchef zieht sich zurück, Union fordert Sonderermittler

Unter Hubert Barth segneten die Wirtschaftsprüfer von EY jahrelang die Bilanzen des insolventen Zahlungsdienstleisters Wirecard ab – trotz aller Warnsignale. Nun verlässt er die Spitze der deutschen Organisation.
Kampf verloren: Der Chef der deutschen EY-Sektion, Hubert Barth, hatte Wirecard schon lange als Risikokunden eingestuft – aber keine Konsequenzen gezogen.

Kampf verloren: Der Chef der deutschen EY-Sektion, Hubert Barth, hatte Wirecard schon lange als Risikokunden eingestuft – aber keine Konsequenzen gezogen.

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Michael Pröck für EY

Der Wirecard-Skandal fordert offenbar sein nächstes Opfer. Hubert Barth, seit 2016 Deutschlandchef des Prüfungs- und Beratungskonglomerats, zieht sich auf eine andere Position im Konzern zurück. Als Nachfolger von Barth werden Henrik Ahlers (53) und Jean-Yves Jégourel (59) gemeinsam die Führung von EY in Deutschland verantworten, Barth werde "eine neue Rolle auf europäischer Ebene übernehmen", bestätigte das Unternehmen am Donnerstag.

Der Zahlungsdienstleister Wirecard hatte Ende Juni 2020 Insolvenz angemeldet und soll jahrelang die Bilanzen gefälscht haben. In die Kritik geraten war in der Folge auch EY, weil die Wirtschaftsprüfer Wirecard jahrelang eine korrekte Bilanz bescheinigten. "EY ist sich des Vertrauensverlustes bewusst, der durch den Fall Wirecard entstanden ist", erklärte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Es sei "oberste Priorität von EY, zur Aufklärung des Falles Wirecard beizutragen und verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen". EY habe Karen Somes als Mitglied der deutschen Geschäftsführung und kürzlich ernannte Managing Partnerin für den Bereich Wirtschaftsprüfung mit der Verantwortung für ein umfassendes "Trust in Quality"-Programm betraut. Dieses Programm soll eine Expertenkommission mit dem ehemaligen Finanzminister Theo Waigel (CSU) an der Spitze "evaluieren und weiterentwickeln".

EY hatte die Wirecard-Bilanzen seit 2009 geprüft und trotz zahlreicher Warnsignale ohne Einschränkungen testiert. Spätestens seit der "Financial Times"-Reporter Dan McCrum 2015 in einer Artikelserie das "House of Wirecard" unter Feuer genommen hatte und eine Handvoll Hedgefonds auf Kursstürze gewettet hatten, galt Wirecard bei EY als Risikoklient. Das hatte unter anderem zur Folge, dass die Prüfpartner keine Entscheidungen mehr trafen, in die Barth nicht eingebunden gewesen wäre. Dennoch zog Barth nie die Reißleine. Er wollte Ruhe und er wollte Wachstum. In der Zeit zwischen 2015 und 2018, als die Wirecard-Maschine so richtig heiß zu laufen begann, zog EY zahlreiche große Dax-Mandate an Land.

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Foto: Kay Nietfeld / dpa

Union fordert Sonderermittler zur Unterstützung des Ausschusses

"Als Union fordern wir zur Unterstützung der Arbeit des Untersuchungsausschusses die Einsetzung eines Ermittlungsbeauftragten. Der Sonderermittler soll als Wirtschaftsprüfer-Experte die EY-Unterlagen ergänzend aufarbeiten, um die Rolle der Abschlussprüfer im Wirecard-Skandal weiter zu beleuchten", sagte der Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Untersuchungsausschuss, Matthias Hauer. "Der Bundesgerichtshof hat den Weg für eine Aussage der Abschlussprüfer vor dem Ausschuss freigemacht. Damit geht einher, dass EY umfangreiche Unterlagen im Zusammenhang mit der Prüfung der Wirecard-Bilanzen dem Untersuchungsausschuss offenlegen muss", so Hauer. Ein Sonderermittler sei auch deshalb sinnvoll, weil das Verhalten von EY im Hinblick auf die Aufarbeitung des Wirecard-Skandals durch den Untersuchungsausschuss bislang wenig Aufklärungsinteresse erkennen lasse. "Bislang mauert EY", sagt Hauer.

Auch die SPD sieht EY weiter in der Pflicht. "Wir wollen endlich Aufklärung über die Rolle von EY bei Wirecard. Hoffentlich ist mit dem Abgang von Hubertus Barth endlich der Weg frei für den Aufklärungswillen. Die Kunden von EY und die Öffentlichkeit haben das Recht zu erfahren, was schiefgelaufen ist beim Wirecard-Mandat. Die ganze Welt hat sich auf die EY-Testate verlassen", sagte Cansel Kisiltepe, SPD-Finanzexpertin und Mitglied im Wirecard-Untersuchungsausschuss.

pal
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