Ex-Wirecard-Chefkontrolleur „Ich habe mich nicht beeindrucken lassen“

Wie Thomas Eichelmann, der ehemalige Wirecard-Aufsichtsratschef, damit umging, als Markus Braun und andere Akteure ihn durch Drohungen auszubremsen versuchten.
Ex-Wirecard-Chef Markus Braun (links), Ex-Chefkontrolleur Thomas Eichelmann: Nächtliche WhatsApp Brauns an den Aufsichtsratschef

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun (links), Ex-Chefkontrolleur Thomas Eichelmann: Nächtliche WhatsApp Brauns an den Aufsichtsratschef

Foto: imago images

Kein Drumherumreden, sondern die Probleme klar beschreiben. Das waren die Vorgaben des Wirecard-Aufsichtsrates für eine wichtige Adhoc-Mitteilung, die der Vorstand des Konzerns um Markus Braun am 21. April 2020 angehen musste. Zuvor hatten KPMG-Wirtschaftsprüfer dem Konzern vorläufige Ergebnisse einer Sonderprüfung offenbart. Diese sollte endlich mit den Vorwürfen der Bilanzkosmetik Schluss machen, was allerdings gründlich misslang.

Braun wehrte sich gegen die Vorgaben der Kontrolleure und die Prüfungsergebnisse: Der Bericht sei falsch, schrieb er Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann in einer nächtlichen Whatsapp-Nachricht. Und weiter: "Der Aufsichtsrat macht sich persönlich haftbar, wenn er zulässt, dass durch die Herausgabe einer falschen Adhoc oder eines falschen Berichts Werte zerstört werden."

Diese Zusammenstoß brachte Eichelmann am Donnerstagabend im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Sprache. Wie er denn auf diesen Einschüchterungsversuch reagierte habe, wollten die Politiker von Eichelmann wissen. "Ich habe mich nicht beeindrucken lassen", betonte Eichelmann. Allerdings konnte er nicht verhindern, dass die Adhoc-Mitteilung von Wirecard am Ende viel positiver und harmloser daherkam als gefordert. Keine Rede von den Hürden, auf die KPMG bei der Prüfung gestoßen war. Dies brachte Braun nicht nur Ärger mit dem Aufsichtsrat, sondern später auch eine Anzeige der Bankaufsicht Bafin – wegen des Verdachts auf Marktmanipulation.

"Nicht erneut eine unvollendete Aktion"

Eichelmann gab in seinem knapp fünfstündigen Auftritt vor den Abgeordneten einen Einblick in seine Zeit als Aufsichtsrat des inzwischen zusammengebrochenen Konzerns. Er gehörte seit Juni 2019 dem Gremium an, ab Januar 2020 stand er an der Spitze. In seine Amtszeit fällt die Entscheidung, KPMG mit einer Sonderprüfung zu beauftragen. Darauf hatte der Investor Softbank gedrängt.

Die Bedingungen für die Untersuchung legten die Kontrolleure fest: "Mir war wichtig, dass der Aufsichtsrat der Auftraggeber ist und KPMG an den Aufsichtsrat berichtet", betonte Eichelmann, damit der Vorstand die Prüfung nicht einfach zwischendrin beenden könne. Das sei in der Vergangenheit oft genug passiert. "Ich wollte sicherstellen, dass wir nicht erneut eine unvollendete Aktion haben."

Die Versuche, das zu erreichen, hat es gegeben – offenbar aus verschiedenen Richtungen. Braun habe vorgeschlagen, die KPMG-Untersuchung zu unterbrechen und erst nach dem EY-Abschlusstestat weiterzumachen, so Eichelmann. Ähnliche Signale seien auch von einigen EY-Wirtschaftsprüfern gekommen. Es entstand zwischenzeitlich ein verheerender Eindruck: dass EY dem Unternehmen die Bedingungen zur Erteilung des Testats zu diktieren versucht.

Unterbrechung der Sonderprüfung "nicht angemessen"

Brauns Begehren wehrte Eichelmann offenbar schnell ab. "Ich fand das schlicht nicht angemessen", so der einstige Oberkontrolleur. Im Umgang mit EY wählte er eine etwas umständlichere Lösung. Nach Beratungen mit einer Juristin schrieb diese an die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft: Nach ihrem Verständnis habe der verantwortliche Prüfer einen "Abbruch laufender Prüfungshandlungen der KPMG als Voraussetzung für eine Testatserteilung in den Raum" gestellt.

Diese E-Mail zwang EY, Farbe zu bekennen. "Ich wollte eine klare Position erzwingen", erklärte Eichelmann. Er hat sie bekommen. In der Antwort der Prüfer war keine Rede mehr von einem Abbruch der KPMG-Untersuchung. Stattdessen stellte EY klar, man könne die Prüfung nur fristgemäß abschließen, wenn alle geforderten Dokumente und Belege vorgelegt würden – darunter auch Nachweise über Treuhandkonten in Asien.

EY und das Hin und Her mit der KPMG Sonderprüfung

An diesem Freitag müssen sich EY-Wirtschaftsprüfer den Fragen der Abgeordneten im Untersuchungsausschuss stellen und erklären, wie es zu diesem Hin und Her kam.

Auf den Treuhandkonten von Wirecard sollten eigentlich knapp zwei Milliarden Euro liegen – Gelder aus dem Asien-Geschäft, das das Unternehmen über Partnerunternehmen abwickelte. Da KPMG die Existenz der Summen nicht nachweisen konnte, hat Wirecard in der Sonderprüfung nicht den erhofften Freispruch bekommen.

Einige Monate später scheiterte auch das EY-Testat an dem Milliardenloch. Das löste die Insolvenz des Unternehmens aus und Ermittlungen der Münchener Staatsanwaltschaft. Diese wirft dem einstigen Topmanagement Betrug, Untreue und Marktmanipulation vor.

Eine Entwicklung, die Eichelmann nicht für möglich hielt: "Ich habe von der Sonderprüfung Verbesserungsnotwendigkeiten erwartet, aber keinen Betrug." Er räumte später ein, vor allem das Wirecard-Geschäft mit Partnern in Asien nicht durchschaut zu haben. "Sonst hätte ich verstanden, dass es nicht existiert oder in Teilen nicht existiert."

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