Angeschlagener Immobilienkonzern Peking bereitet Behörden auf möglichen Evergrande-Kollaps vor

Erneut versucht Evergrande-Chef Hui Ka Yan Investoren und Kunden zu beruhigen. Doch gleichzeitig treten chinesische Behörden laut einem Zeitungsbericht an die lokalen Regierungen heran, um sie auf einen möglichen Zusammenbruch von Evergrande vorzubereiten. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin sieht derweil keine Gefahr für deutsche Banken.
Angst vor dem Beben: Ein Kollaps des Immobilienriesen Evergrande könnte Schockwellen nicht nur in Chinas Bankenszene senden

Angst vor dem Beben: Ein Kollaps des Immobilienriesen Evergrande könnte Schockwellen nicht nur in Chinas Bankenszene senden

Foto: ROMAN PILIPEY / EPA

Ein Bericht des "Wall Street Journal" über die Lage beim chinesischen Krisenkonzern Evergrande versetzt Anleger in Unruhe. An der Börse Hongkong drehen die Aktienfutures ins Minus. Der Zeitung zufolge treten die chinesischen Behörden an die lokalen Regierungen heran, sich auf einen möglichen Zusammenbruch des Immobilienentwicklers vorzubereiten . Die Gespräche seien laut der Zeitung ein Anzeichen dafür, dass es in Peking Widerstand gebe, Evergrande durch staatliche Hilfen zu retten. Die Gespräche mit den lokalen Behörden hätten den Charakter einer "Warnung vor dem Sturm", hieß es unter Berufung auf nicht genannte Mitglieder der chinesischen Behörden.

Lokale Behörden seien angewiesen worden, sich auf mögliche Unruhen vorzubereiten. Turbulenzen seien auch an den Finanz- und Immobilienmärkten jederzeit möglich für den Fall, dass der von Hui Ka Yan gegründete Immobilienriese Evergrande seine Angelegenheiten nicht mehr geordnet managen könnte, hieß es in dem Bericht.

"Mich beunruhigt weniger die Verschuldung, sondern wer die ganzen Häuser bauen wird", sagte Ewan Markson-Brown, leitender Aktienstratege des Vermögensverwalters Crux. Das Unternehmen ist derzeit an etwa 1300 Immobilienprojekten in 280 Städten beteiligt. Ähnlich argumentierte Oscar Choi, Gründer des Vermögensverwalters Oscar and Partners. Er warnte vor Unruhen bei unbezahlten Bauarbeitern oder Kleinanlegern, die ihre Ersparnisse verloren haben.

Bafin sieht keine Gefahr für deutsche Banken

Die Finanzaufsicht Bafin sieht unterdessen keine Veranlassung für eine vertiefte Prüfung deutscher Banken wegen der Krise des chinesischen Immobiliengiganten Evergrande. "Im vorliegenden Fall schätzt die Bafin das Exposure der deutschen Finanzwirtschaft auf Basis der ihr aus dem aufsichtlichen Meldewesen vorliegenden Informationen aktuell als so gering ein, dass sie diesbezüglich von den unter ihrer Aufsicht stehenden Instituten bislang keinen Stresstest angefordert hat", heißt es in einer am Donnerstag veröffentlichten Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Anfrage des FDP-Bundestagsabgeordneten Reginald Hanke.

Im Kern würde es bei einem solchen Test darum gehen, zu klären, wie groß die Gefahr wäre, dass Banken Kreditausfälle verkraften müssten, sollte sich die Evergrande-Krise weiter zuspitzen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) behalte "die Situation aufgrund der dynamischen Entwicklung um die Evergrande Group in Bezug auf mögliche Auswirkungen auf die deutsche Finanzwirtschaft ganz genau im Blick", teilte das Ministerium mit.

Rund 300 Milliarden Dollar Schulden

Evergrande ist der zweitgrößte Immobilienentwickler Chinas. Der schwer angeschlagene Immobilienkonzern hat Schulden von umgerechnet mehr als 300 Milliarden Dollar. Anleger befürchten einen Zahlungsausfall. Der Konzern muss Geld auftreiben, um Banken, Zulieferer und Anleihegläubiger fristgerecht zu bezahlen. Zudem schuldet Evergrande Kleinanlegern, darunter vielen Mitarbeitern, mehrere Milliarden Dollar. Der Konzern ist so groß, dass einige Experten eine "Ansteckungsgefahr" für die chinesische Wirtschaft und darüber hinaus befürchten.

Für anhaltende Verunsicherung sorgte, dass das Unternehmen noch immer keine Angaben zu einer weiteren in US-Dollar gehandelten Offshore-Anleihe gemacht hat. Nach Berechnungen des Finanzdienstes Bloomberg musste Evergrande hierfür am Donnerstag eine Zinszahlung von 83,5 Millionen US-Dollar (rund 71 Mio. Euro) leisten. Eine weitere Zinszahlung von 47,5 Millionen Dollar ist am 29. September fällig. Für beide Zahlungen gilt laut Bloomberg eine Nachfrist von 30 Tagen, was Evergrande weitere Zeit verschaffen könnte.

Zweitgrößter Aktionär will Beteiligung komplett verkaufen

Unterdessen verlassen weitere Aktionäre das vermeintlich sinkende Schiff. So hat Chinese Estates Holdings angekündigt, seine gesamte Beteiligung an Evergrande zu verkaufen. Der zweitgrößte Aktionär des angeschlagenen Konzerns teilte mit, dass es bereits Anteile im Wert von 32 Millionen Dollar verkauft habe und plane, sich vollständig von der Holding zu trennen. Das Verkaufsmandat gilt für zwölf Monate ab dem Datum einer Aktionärsversammlung am 23. September, die dem Verkauf zustimmen soll, teilte das Unternehmen der Hongkonger Börse mit.

Chinese Estates gab weiter an, zwischen dem 30. August und dem 21. September bereits 108,91 Millionen Aktien oder 0,82 Prozent des ausgegebenen Aktienkapitals von Evergrande für 246,5 Millionen Hongkong Dollar (32 Millionen US-Dollar) verkauft zu haben. Das Unternehmen schätzt, dass es bei dem Verkauf seines gesamten Anteils einen Verlust von etwa 1,22 Milliarden Dollar für das Jahr 2021 erleiden wird. Der Chef von Evergrande hatte Mitarbeitern am Dienstag in einem Brief Mut zugesprochen. Er sei fest davon überzeugt, dass man den "dunkelsten Moment" überwinden könne, schrieb Vorstandschef Hui Ka Yan (62). Man werde sich verantwortungsvoll gegenüber Hauskäufern, Investoren, Partnern und Finanzinstituten zeigen.

mg/dpa-afx, Reuters