IW-Studie Litauen ist Osteuropa-Primus

Welcher der osteuropäischen EU-Neulinge ist am schnellsten fit für den Euro? Das Institut der deutschen Wirtschaft hat einen klaren Favoriten. Polen, Ungarn und Tschechien haben dagegen ein Problem, das Deutschland gut kennt.

Köln - Die osteuropäischen Länder Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Estland, Lettland, Litauen und Slowenien hatten sich bereits mit ihrem Beitritt zur Europäischen Union (EU) vor einem Jahr darauf festgelegt, ihre Landeswährung irgendwann gegen den Euro zu tauschen. Bis es soweit ist, müssen sie die Maastrichter Konvergenz-Kriterien erfüllen.

Außerdem dürfen die Euro-Aspiranten den Wechselkurs ihrer Währung schon jetzt nur noch um maximal 15 Prozent gegenüber dem Euro schwanken lassen. Gelingt dies den EU-Neulingen über einen Zeitraum von zwei Jahren und erfüllen sie zudem die Maastrichter Kriterien, darf ihnen der Euro nicht mehr verwehrt werden: Die EU-Mitglieder werden in einem zweiten Schritt auch Mitglied der Eurozone. Theoretisch wäre das frühestens 2007 der Fall.

Ob und zu welchem Zeitpunkt der Beitritt zur Europäischen Währungsunion (EWU) tatsächlich sinnvoll ist, hängt aber auch davon ab, ob sich die Volkswirtschaften mit denen der bestehenden EWU-Mitglieder wenigstens einigermaßen im Gleichtakt bewegten, schreibt das IW.

Verschuldung: Tschechien, Polen, Ungarn abgeschlagen

Die Maastricht-Kriterien sehen unter anderem vor, dass die Neuverschuldung eines Euro-Landes nicht höher sein darf als 3,0 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). So viel Haushaltsdisziplin bringen derzeit laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) nur die drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen sowie Slowenien auf. Estland hat als Primus im Jahr 2004 sogar einen Haushaltsüberschuss von 0,5 Prozent des BIP erwirtschaftet.

Die größeren Volkswirtschaften der Länder Tschechien, Ungarn und Polen, beliebte Anlageländer zahlreicher Osteuropa-Fonds, nehmen es mit der Haushaltsdisziplin dagegen noch nicht so genau.

Ihre Neuverschuldung liegt mit Werten zwischen 4,8 und 5,6 Prozent weit über der 3-Prozent-Marke. Der Durchschnitt aller Euroländer liegt bei 2,9 Prozent, die Defizit-Sünder Deutschland und Frankreich weisen seit Jahren eine Neuverschuldung über 3 Prozent auf.

Neue Länder, kleine Schulden

Schuldenstand: Für Ungarn wird es eng

Der staatliche Schuldenstand, so ein weiteres Maastricht-Kriterium, darf nicht über 60 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen. Noch liegen alle osteuropäischen Staaten darunter. Die geringste Staatsverschuldung weisen die baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen auf.

Ungarn kratzt mit einer Staatsverschuldung von 59,7 Prozent jedoch an der kritischen Grenze, so das IW. In Polen sind es 47,7, in der Slowakei 44,2 Prozent.

Das sind geradezu bescheidene Werte, wenn man sie an der steigenden Verschuldung der EU-Länder misst: Im Durchschnitt liegt der Schuldenstand der Euroländer bereits bei 71 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung und damit deutlich über dem Maastricht-Zielwert. Hier droht die Schuldenfalle: Die enormen Zinszahlungen, die die verschuldeten EU-Länder bereits für ihre Altschulden aufbringen müssen, engen den finanziellen Spielraum der Länder immer weiter ein.

Preisstabilität: Nur Tschechien und Litauen fit

Bei der Preisstabilität sind nur Tschechien und Litauen fit für den Euro. Die Inflationsrate eines Landes darf nicht mehr als 1,5 Punkte höher ausfallen als der Schnitt der drei preisstabilsten Länder im Euroraum, so das Maastricht-Kriterium.

Dieser Schnitt liegt derzeit bei 1,1 Prozent, erlaubt ist daher eine Inflationsrate von maximal 2,6 Prozent. Die durchschnittliche Inflationsrate der Euroländer liegt derzeit bei 2,0 Prozent.

Bislang schaffen nur Litauen und Tschechien diese Hürde. Litauen weist lediglich eine Teuerungsrate von 1 Prozent auf, während Tschechien bei 2,5 Prozent liegt. Besonders hoch ist die Inflation in Lettland und in Ungarn mit jeweils über sechs Prozent. Die Slowakei erreicht den Spitzenwert mit einer Teuerung von 7,3 Prozent.

Zinshoch in Polen und Ungarn

Zinsen: Ungarn und Polen fallen heraus

Als viertes Kriterium darf der langfristige Kapitalmarktzins höchstens zwei Prozentpunkte über dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Euro-Länder liegen. Dies ergibt einen Maastricht-Zielwert von derzeit 6 Prozent.

Zuletzt hatten lediglich Polen (6,9 Prozent) und Ungarn 8,1 Prozent) höhere Kapitalmarktzinsen, in denen sich das Inflationsrisiko widerspiegelt.

In allen anderen osteuropäischen EU-Ländern liegen die Zinsen zwischen 4,4 und 5 Prozent. Damit sind die neuen EU-Länder in punkto Zinsen nicht weit vom Durchschnitt der Euroländer entfernt: Dort liegen die durchschnittlichen Zinsen bei 4,1 Prozent.

Fazit: Litauen fit für den Euro

Insgesamt am besten schneidet laut IW Litauen ab: Das Land erfüllt alle vier Maastricht-Kriterien. Aber auch Estland, Lettland, Tschechien und Slowenien erfüllen drei Kriterien und sind auf gutem Wege, den Euro als Währung zu bekommen.

Bei der realwirtschaftlichen Passgenauigkeit müssen die neuen EU-Mitglieder dem IW zufolge allerdings zum Teil noch erhebliche Arbeit leisten.

So habe Polen mit 18,4 Prozent einen sehr hohen Anteil an Beschäftigten in der Landwirtschaft - in Deutschland sind es nur 2,4 Prozent. Auch die Abhängigkeit vom Erdöl ist etwa in der Slowakei, Ungarn und Tschechien bis zu fünf Mal höher als ihrer westlichen Nachbarn. Besondere Probleme bekämen Polen und die Slowakei wohl auch wegen ihrer hohen Arbeitslosigkeit mit einer Quote von über 18 Prozent.

Mit Blick auf die Leistungsbilanz (Verhältnis von Importen zu Exporten) weisen die vier großen Beitrittsländer Polen, Ungarn, Tschechien und Slowakei einen recht großen Einfuhrüberschuss aus. Dies ist laut IW ein Indiz dafür, dass die Landeswährung derzeit überbewertet ist, Importe also günstig, Exportgüter im Ausland aber überteuert sind.

Innerhalb einer Währungsunion lasse sich ein solches Missverhältnis nicht mehr im Alleingang mit einer Abwertung korrigieren, schreibt das IW: Daher sollte die Ausweitung der Euro-Zone auf die EU-Länder in Osteuropa nicht überstürzt werden, auch wenn sie formal bereits in zwei Jahren möglich wäre.

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