Alfred Grosser "Chiracs größte Sünde"

Niemand hat die komplizierte Beziehung zwischen Deutschen und Franzosen so genau analysiert wie er: Alfred Grosser, Germanist, Politikwissenschaftler und emeritierter Professor des Pariser Institut d'Etudes Politiques. manager magazin traf den gebürtigen Deutschen zum Interview in seiner Pariser Wohnung.

mm.de: Herr Professor Grosser, was ist das Besondere an diesem französischen Präsidentschaftswahlkampf?

Grosser: Dass er so furchtbar früh los geht, mehrere Monate eher als in den vergangenen Wahlkämpfen. Das hat den Nebeneffekt, dass in der französischen Politik kein Thema mehr Platz hat, das sich nicht im Wahlkampf verwerten lässt.

mm.de: Welche Themen kommen deshalb zu kurz?

Grosser: Vor allem die Europa-Politik. In Europa läuft wenig, wenn nicht Berlin und Paris gemeinsam die Initiative ergreifen. Nun ist es aber so: Kein französischer Präsidentschaftskandidat traut sich derzeit, allzu positiv über Europa zu sprechen, denn er braucht ja auch die Stimmen der Europa-Gegner. Die Folge: Frankreich ist in Europa so gut wie abwesend.

mm.de: Warum ist die Europäische Union bei vielen französischen Bürgern so unbeliebt?

Grosser: Aus einem ganz ähnlichen Grund wie in Deutschland: Weil Europa von den Politikern als etwas dargestellt wird, das verbietet, das Strafen auferlegt. Aus Brüssel kommt nichts Gutes. Für die nationalen Regierungen ist es bequem, dieses negative Europa-Bild aufrechtzuerhalten. So haben sie für alle unbeliebten, aber unvermeidlichen Maßnahmen einen Sündenbock. Für viele Franzosen ist die EU zudem Schuld an der Globalisierung, und die bringt in ihren Augen vor allem den Abbau von Arbeitsplätzen mit sich.

mm.de: Frankreich macht im Präsidentschaftswahlkampf einen sehr defensiven Eindruck. Ständig geht es um Bedrohungen von außen, die irgendwie abgewehrt werden müssen. Woher kommt diese Haltung?

Grosser: Frankreich geht zurzeit durch eine Periode wirtschaftlicher Niederlagen: Da ist das Desaster um den Airbus A380, da ist ein Großauftrag für Atomkraftwerke in China, den Frankreich an die USA verloren hat. Gleichzeitig sieht sich Frankreich immer noch als Weltmacht, nicht nur durch den ständigen Sitz im Sicherheitsrat. Aus diesem Widerspruch gibt es nur einen gedanklichen Ausweg: Die wirtschaftlichen Niederlagen können nicht unsere Schuld sein. Dann ist eben der hohe Euro dafür verantwortlich, dass der Export lahmt ...

"Hinwendung zu den Extremen"

mm.de: ... und damit die Europäische Zentralbank in Frankfurt, die beide Präsidentschaftskandidaten stärker unter die Kontrolle der nationalen Regierungen stellen wollen, sowohl der Gaullist Nicolas Sarkozy wie auch die Sozialistin Ségolène Royal.

Grosser: Ich stelle dann in Frankreich gern die ketzerische Frage, warum es denn der deutschen Exportwirtschaft so gut geht, die ja mit dem gleichen starken Euro und der gleichen unabhängigen Zentralbank leben muss.

mm.de: Wie schlägt sich der gefühlte Verlust an wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit im Wahlverhalten der Franzosen nieder?

Grosser: Mit einer Hinwendung zu den Extremen. Bei den Präsidentschaftswahlen 2002 war es nicht etwa ein Sozialist, der es als Gegenkandidat zu Jacques Chirac in den zweiten Wahlgang schaffte, sondern der Populist Jean-Marie Le Pen. Und auf die verschiedenen Kandidaten links von den Sozialisten entfielen im ersten Wahlgang zusammengerechnet immerhin 20 Prozent.

mm.de: Drohen Frankreich Weimarer Verhältnisse? Eine Situation, in der gegen die Extremisten von links und rechts keine Mehrheit mehr möglich ist?

Grosser: Nein, davor schützt Frankreich das Mehrheitswahlrecht und der demokratische Wille der Wähler. In der Nationalversammlung sitzt kein Le-Pen-Anhänger. Und als Le Pen 2002 in die Stichwahl ums Präsidentenamt kam, haben alle Linken und Ultralinken für Chirac gestimmt. Dessen größte Sünde: Er hat nicht anerkannt, dass er vom ganzen demokratischen Frankreich gewählt worden war. Er machte weiter, als hätten nur die Rechten für ihn gestimmt. In der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen entscheiden sich viele Protestwähler doch wieder für den gemäßigten Kandidaten. Le Pen als Präsident, das ist selbst für jene Franzosen eine zu abenteuerliche Vorstellung, die ansonsten ständig auf die politische Elite schimpfen. Das Mehrheitswahlrecht hat aber einen fatalen Nebeneffekt.

"Nichts Schöpferisches geschehen"

mm.de: Nämlich?

Grosser: Die Schwierigkeit mit unserem Wahlsystem ist, ähnlich wie in Großbritannien, dass die gemäßigte, europafreundliche Mitte, die bei uns etwa ein François Bayrou verkörpert, gewissermaßen erdrückt wird.

Royal und Sarkozy versuchen beide, zugleich bei den harten Ultralinken oder Le-Pen-Anhängern wie auch in der Mitte Unterstützung zu finden.

Sarkozy ist zugleich der Innenminister, der die behelmte Polizei in die benachteiligten Viertel schickt, und der Redner des Parteitags am 14. Januar, der die linken Werte der Republik verkündet.

Ségolène ihrerseits setzt gewiss nicht nur auf ihren Charme. Sie geht bewusst auf Distanz zum sozialistischen Parteiprogramm, um mit Themen wie Familie, Autorität und Ordnung Wähler der Mitte und der gemäßigten Rechten anzusprechen. Meist sagt sie jedoch nur, dass sie dem Volk zuhören will. Das ist natürlich ein geschickter Weg, um vor der Wahl nicht sagen zu müssen, was man als Präsident tun wird.

mm.de: Herr Grosser, seit Jahrzehnten gelten Sie als Symbolfigur der deutsch-französischen Verständigung. Verglichen mit früheren Zeiten scheint in den letzten Jahren, eine neue Nüchternheit in das deutsch-französische Verhältnis eingekehrt zu sein. Macht Ihnen das Sorgen?

Grosser: Normalität muss nichts Schlechtes sein. Vor zwei Jahren habe ich eine deutsch-französische Jugendgruppe in Straßburg getroffen. Ich erzählte ihnen von meiner Begeisterung, dass ich gerade ohne Kontrolle über die Rheinbrücke zwischen Deutschland und Frankreich gefahren bin. Da sagen die französischen Jugendlichen "eh bien" und die deutschen "na und". Das ist für die alles selbstverständlich, und das ist gut so.

Es sollte aber nicht übersehen werden, dass zwischen Deutschland und Frankreich in der Ära Chirac und Schröder nichts Schöpferisches geschehen ist. Man denke zum Vergleich nur an die Zusammenarbeit zwischen Mitterand, Kohl und dem damaligen Kommissionspräsidenten Delors.

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