Standortvergleich "Österreich attraktiver als Deutschland"

Ist Österreich das bessere Deutschland? Eine exklusive Studie für manager magazin zeigt: Die Bedingungen in dem Alpenland sind so gut, dass keine deutsche Region Hightech-Unternehmen Vergleichbares bietet.
Von Henrik Müller und Christian Buchholz

Hamburg - Österreich ist verglichen mit Deutschland der deutlich attraktivere Wirtschaftsstandort. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die das manager magazin in seiner am Freitag (18. Februar) erscheinenden Ausgabe veröffentlicht. "Österreich bietet gerade anspruchsvollen Produktionsunternehmen ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis", begründet Henner Lüttich, Geschäftsführer der Standortberatungsfirma Contor  und Autor der Studie, das überraschende Ergebnis.

Für die Studie wurden 1207 Regionen in allen 25 EU-Mitgliedsstaaten analysiert. Sämtliche österreichischen Regionen liegen vor den besten deutschen. Vier österreichische Gebiete schafften es sogar unter die Top Ten der Europäischen Union (EU) insgesamt. Die besten deutschen Regionen dagegen finden sich abgeschlagen ab Rang 443.

Insgesamt liegen die zehn besten österreichischen Regionen in ihrem Ergebnis eng beieinander. Vor allem drei Gründe sind für Österreichs gutes Abschneiden verantwortlich: die längeren Jahresarbeitszeiten (Österreich: 1750 Stunden, Deutschland: 1586 Stunden), die niedrigeren Ertragsteuern (Österreich: 25 Prozent, Deutschland: 38,7 Prozent) sowie die deutlich günstigere Relation von Lohnkosten und Produktivität - in den österreichischen Top Ten liegt dieses Verhältnis zwischen 0,5 und 0,6, in den zehn besten Gebieten Deutschlands zwischen 0,7 und 0,8.

"Wir sind das bessere Deutschland"

Auch was die makroökonomische Entwicklung angeht, stimmt das in Deutschland populäre Klischee vom etwas rückständigen Nachbarland längst nicht mehr. In vielerlei Hinsicht hat die österreichische Volkswirtschaft die Bundesrepublik überholt. In den vergangenen zehn Jahren wies Österreich mehr Wirtschaftswachstum und mehr Investitionsdynamik sowie eine höhere Beschäftigung aus. Schon seit 1999 liegt die Wirtschaftsleistung pro Kopf höher - derzeit sind die Österreicher 12 Prozent reicher als die Deutschen.

Zum Ärger der deutschen Nachbarn trumpfen die österreichischen Standortvermarkter angesichts der günstigeren Zahlen auf. "Wir sind das bessere Deutschland", sagte René Siegl, Chef der Austrian Business Agency (ABA), gegenüber manager magazin. Die ABA versucht, frustrierte deutsche Mittelständler anzulocken. Siegls Botschaft: "Der Unternehmer bekommt bei uns alles, was er in Deutschland auch hat - allerdings ohne die deutschen Nachteile."

Insbesondere der bayerischen Landesregierung sind solche Avancen ein Dorn im Auge. Gegenüber manager magazin wies Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (CSU) darauf hin, dass Österreich sich als "Billigstandort" keineswegs "mit Ungarn oder Tschechien vergleichen" könne. Auch als Hochtechnologieland könne es sich mit dem angrenzenden Freistaat kaum messen: "Bayern ist einer der führenden Hightech-Standorte der Welt."

Die Topstandorte in Österreich

Österreich trumpft auf

Ausgangspunkt der manager-magazin-Studie waren zwölf typische Standortfaktoren für technologisch anspruchsvolle Industriebetriebe, darunter die örtliche Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften, Produktivität, Lohnkosten, Ertragsteuern, Infrastruktur und die Verbreitung von Kriminalität und Korruption.

Auch die langfristigen Wachstumschancen flossen in die Untersuchung ein. Insbesondere wurden die Geburtenraten einbezogen, um die künftige Entwicklung der Bevölkerung berücksichtigen zu können.

Spannend ist der Vergleich von Deutschland und Österreich auch deshalb, weil beide Länder sehr viele Gemeinsamkeiten in Sprache, Kultur und Geschichte haben. Die Unterschiede wirtschaftlicher Art, die eine Ansiedlung eines Unternehmens in dem einen oder dem anderen Land beeinflussen, stellten sich aber als immens heraus.

Österreich hat bei niedrigeren Arbeitnehmerentgelten eine durchschnittlich höhere Produktivität. Bei gleich guter Verkehrsinfrastruktur, gleicher Nähe zu Forschungs- und Entwicklungsstätten und ähnlichem Arbeitsmarkt hat das Alpenland zudem Vorteile hinsichtlich der Sicherheit, gemessen an der Kriminalität und der Korruption.

Hochtechnologie: Die 10 besten Regionen Österreichs


Rang Region* Arbeit-nehmer-entgelte1 Produk-tivität2 Arbeits-stunden3 Unter-nehmens-steuern4 Beschäf-tigten-anteil5 Entfer-nung Flug-hafen6
1 Rheintal-
Bodensee-
gebiet
2747 54.558 1750 25 0,1299 43
2 Steyr-
Kirchdorf
2856 62.155 1750 25 0,1180 43
3 Linz-
Wels
2856 62.155 1750 25 0,1180 0
4 Sankt Pölten 2726 63.676 1750 25 0,0785 44
5 Salzburg und Umgebung 2724 60.833 1750 25 0,0789 0
6 Graz 2758 58.598 1750 25 0,0928 0
7 Oststeier-
mark
2758 58.598 1750 25 0,0928 35
8 Tiroler Unterland 2688 58.099 1750 25 0,0773 58
9 Weinviertel 2728 63.676 1750 25 0,0785 52
10 Innsbruck 2688 58.099 1750 25 0,0773 0
* gemäß EU-Kategorie "Nuts 3". Durchschnittswerte jeweils für Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe: 1) in Euro pro Monat; 2) Bruttowertschöpfung in Euro pro Jahr; 3) pro Jahr; 4) in Prozent; 5) Bevölkerungsanteil der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe; 6) in Kilometer. Die angegebenen Kriterien sind nur eine Auswahl des gesamten Katalogs. Quelle: Contor GmbH.

Einzig bei den Standortfaktoren Wettbewerb und Wachstumschancen, Letztere abgeleitet aus den Erwartungen des World Economic Forum (WEF), schneidet Deutschland besser ab als Österreich.

Weitere Kernergebnisse des Standortvergleichs im Überblick: Die Arbeitnehmerentgelte liegen in den zehn besten Regionen Österreichs in einer geringen Bandbreite von brutto 2688 Euro monatlich (in Innsbruck und im Tiroler Unterland) bis zu 2856 Euro monatlich (in Steyr-Kirchdorf und in Linz-Wels). Der Abstand vom Minimalwert zum Maximalwert beträgt lediglich 6 Prozent.

Die Unterschiede in Deutschland sind bedeutend größer. Die niedrigsten Brutto-Arbeitnehmerentgelte der zehn besten Regionen in Deutschland betragen 3160 Euro in Saarbrücken, die höchsten 4179 Euro in Hamburg. Innerhalb der besten Gebiete Deutschlands liegen die Schwankungen bei 30 Prozent.

Die Topstandorte in Deutschland

Deutschland muss aufholen

Während die Brutto-Arbeitnehmerentgelte in den besten Regionen Österreichs durchschnittlich 2754 Euro betragen, liegen diese in den besten Gebieten Deutschlands bei durchschnittlich 3450 Euro monatlich. Die Arbeitnehmerentgelte in diesen Regionen Österreichs liegen damit, gemessen an den Mittelwerten, circa 20 Prozent unter den Arbeitnehmerentgelten im verarbeitenden Gewerbe in den besten Regionen Deutschlands.

Auch beim Standortfaktor Produktivität offenbaren sich große Unterschiede. In den besten zehn Regionen Österreichs liegt die Produktivität im verarbeitenden Gewerbe zwischen 55.000 Euro im grenznahen Rheintal-Bodenseegebiet und in der Spitze rund 64.000 Euro in Sankt Pölten sowie im Weinviertel. Der durchschnittliche Wert für das Alpenland beträgt 60.000 Euro.

In den besten zehn Regionen Deutschlands liegt die Produktivität im verarbeitenden Gewerbe zwischen 45.000 Euro in Saarbrücken und 69.000 Euro in Hamburg. Gemessen wurde die Produktivität an der Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe je Beschäftigten und Jahr in Euro, gewichtet mit den Kaufkraftparitäten der Länder.

Niedrigere Arbeitnehmerentgelte in Österreich führen also zusammen mit höherer Produktivität zu einem deutlich besseren Verhältnis von Arbeitnehmerentgelten zu Produktivität. Die besten Gebiete Österreichs bieten damit einen deutlichen Vorteil gegenüber den attraktivsten deutschen Regionen.

Hochtechnologie: Die 10 besten Regionen Deutschlands

Rang Region* Arbeit-nehmer-entgelte1 Produk-tivität2 Arbeits-stunden3 Unter-nehmens-steuern4 Beschäf-tigten-anteil5 Entfer-nung Flug-hafen6
36 Bremen Stadt 3725 62.349 1586 38,7 0,1062 0
37 Saarbrücken Stadt 3160 45.207 1586 38,7 0,1061 0
38 Osnabrück Landkreis 3229 50.077 1586 38,7 k.A. 54
39 Hamburg 4179 69.059 1586 38,7 0,0737 0
40 Oldenburg Stadt 3229 50.077 1586 38,7 k.A. 34
41 Ostalbkreis 3468 52.364 1586 38,7 k.A. 57
42 Ravensburg 3468 52.364 1586 38,7 k.A. 75
43 Diepholz 3229 50.077 1586 38,7 k.A. 41
44 Esslingen 3468 52.364 1586 38,7 k.A. 0
45 Paderborn 3335 48.436 1586 38,7 k.A. 56
* gemäß EU-Kategorie "Nuts 3". Durchschnittswerte jeweils für Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe: 1) in Euro pro Monat; 2) Bruttowertschöpfung in Euro pro Jahr; 3) pro Jahr; 4) in Prozent; 5) Bevölkerungsanteil der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe; 6) in Kilometer. Die angegebenen Kriterien sind nur eine Auswahl des gesamten Katalogs. Quelle: Contor GmbH.

Ein weiterer Trumpf: Österreich leistet im verarbeitenden Gewerbe durchschnittlich 1750 Arbeitsstunden pro Jahr und Arbeitnehmer, in Deutschland sind es lediglich 1586 Stunden - ein Plus von 10 Prozent für das Nachbarland. Die Alpenrepublik zeichnet also für Investoren das schönere Panorama.

Dies ist umso deprimierender für Deutschland, weil eine Standortentscheidung im Durchschnitt über einen Zeitraum von 20 Jahren Bestand hat. Neben den direkten Investitionskosten - also Grundstückskauf und Baumaßnahmen - wird auch über langfristige Kostengrößen entschieden: Transportkosten, Regionalabgaben und Arbeitnehmerentgelte, wie sie in den Standortvergleich eingeflossen sind.

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