EU-Beitritt "Deutsche werden Jobs in der Türkei suchen"

Von einem Beitritt der Türkei in die EU wird Deutschland profitieren, meint Kemal Sahin, Chef der größten deutsch-türkischen Unternehmensgruppe. Im Interview mit manager-magazin.de erläutert Sahin, warum die Türkei dynamisch wächst, und wieso bald deutsche Gastarbeiter in die Türkei abwandern dürften.

mm.de:

Am 17. Dezember werden die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union (EU) darüber entscheiden, Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufzunehmen. Sehen Sie die Türkei schon in wenigen Jahren als Mitglied der EU?

Sahin: Wir sind uns darüber im Klaren, dass der Beginn von Beitrittsverhandlungen noch keine Vollmitgliedschaft bedeutet und dass bis dahin noch ein langer Weg zu absolvieren ist. Die Regierung und die Menschen in der Türkei sind aber willens und in der Lage, die nötigen Schritte zu tun: Zum Beispiel den Markt stärker für ausländische Unternehmen zu öffnen, Bürokratie abzubauen, den juristischen Unterbau für einen Markt nach europäischen Wettbewerbsregeln zu schaffen und nicht zuletzt die Maastrichter Stabilitätskriterien zu erfüllen.

mm.de: Wie lange wird das dauern?

Sahin: Beobachter haben für diesen Prozess einen Zeitraum von rund zehn Jahren genannt. Was die wirtschaftlichen Kriterien angeht, bin ich jedoch überzeugt, dass die Türkei schon früher fit für die EU sein wird.

mm.de: Woher dieser Optimismus?

Sahin: Die Türkei wächst sehr dynamisch und ist jetzt schon wirtschaftlich stärker als zum Beispiel Bulgarien oder Rumänien, die in wenigen Jahren in die EU aufgenommen werden. Weite Teile der türkischen Wirtschaft sind bereits über die Zollunion in die Europäische Gemeinschaft integriert. Die türkische Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um 6 Prozent und im ersten Halbjahr 2004 um mehr als 10 Prozent gewachsen: Allein die Perspektive auf eine EU-Mitgliedschaft sorgt für deutlich steigende Investitionen und für kräftiges Wachstum.

Die kommenden Jahre, in denen sich die Türkei auf eine EU-Mitgliedschaft vorbereitet, werden daher von einem deutlichen Wirtschaftsaufschwung geprägt sein. Davon wird Deutschland als wichtigster Handelspartner der Türkei besonders profitieren.

mm.de: In Deutschland herrscht dagegen die Sorge, dass Unternehmen verstärkt Arbeitsplätze in die Türkei verlagern, sobald das Land Mitglied der EU sein könnte.

Sahin: Wer so rechnet, sollte sich die jüngsten Zahlen anschauen: Das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern ist im Jahr 2003 auf 16 Milliarden Euro gestiegen und dürfte sich in den kommenden zehn Jahren verdoppeln. Die deutschen Exporte in die Türkei haben im vergangenen Jahr um 20 Prozent zugelegt, in der ersten Jahreshälfte 2004 sogar um 50 Prozent.

Der Bedarf an Baumaschinen, Industriegütern und Fahrzeugen wird in den kommenden Jahren in der Türkei enorm wachsen - Branchen, in denen deutsche Unternehmen führend sind und in denen sie viel verkaufen können. Ein starkes Wachstum in der Türkei schafft also auch in Deutschland Arbeitsplätze.

"Türkei ist kein Billiglohnland mehr"

mm.de: Unterschätzen Sie da nicht die Mobilität deutscher Konzerne? Alle klagen über hohe Arbeitskosten in Deutschland. Der Standort Türkei ist nicht nur günstiger, sondern auch geografisch interessant.

Sahin: Die Türkei ist kein Billiglohnland mehr. Textilmassenware zum Beispiel können Sie in Rumänien oder Bulgarien sehr viel günstiger produzieren als in der Türkei. In solchen preisaggressiven Bereichen wird in Deutschland ohnehin nicht mehr nennenswert produziert - die Arbeitsplätze sind schon aus Deutschland verlagert worden.

Natürlich bietet sich die Türkei mit ihrer Lage zwischen Kaukasus, Zentralasien und dem Nahen Osten für Unternehmen an, die neue Märkte erschließen wollen. Für die Automobil- und Elektroindustrie sowie für die chemische Industrie wird zudem der wachsende türkische Markt interessant, in diese Bereiche dürften noch mehr ausländische Direktinvestitionen fließen. Ich bleibe dabei: Der wirtschaftliche Schub in der Türkei wird in Deutschland mehr Arbeitsplätze schaffen als abziehen. Für Deutschland und Europa wird ein EU-Mitglied Türkei ein Gewinn bringender Partner sein.

mm.de: Während der Beitrittsverhandlungen dürfte auch über Schutzklauseln diskutiert werden, um die Zuwanderung türkischer Arbeitnehmer in andere EU-Staaten während einer Übergangsfrist zu beschränken. Wie denken Sie darüber?

Sahin: Wir reden über einen Zeitraum von neun bis zehn Jahren, bis die Türkei möglicherweise Vollmitglied der EU sein wird. Die EU kann solche Klauseln wie bei anderen Beitrittskandidaten auch einfügen. Die Angst, dass Millionen anatolischer Bauern auf den deutschen und europäischen Arbeitsmarkt drängen werden, ist aber nach meiner Ansicht vollkommen unbegründet.

Warum sollte ein türkischer Arbeitnehmer seine Familie und sein wirtschaftlich dynamisch wachsendes Heimatland verlassen, um einen Neuanfang in einem europäischen Land zu wagen, das nahe der Stagnation dümpelt und in dem hohe Arbeitslosigkeit herrscht? Seine Situation würde dadurch gewiss nicht einfacher.

Die Regierung Erdogan hat nicht nur ein politisches Reformprogramm aufgelegt, zu dem die Abschaffung der Todesstrafe und eine Strafrechtsreform gehören. Sie hat auch ein groß angelegtes wirtschaftliches Förderprogramm verabschiedet, um das Wachstum in den noch weniger entwickelten anatolischen Regionen zu stärken.

Vielleicht werden wir in zehn, fünfzehn Jahren sogar eine Migration von Deutschland in die Türkei haben: Ich habe jetzt schon viele deutsche Mitarbeiter in der Türkei, und es ist gut möglich, dass in zehn Jahren noch mehr junge deutsche Arbeitskräfte, zum Beispiel Ingenieure, berufliche Chancen und lukrative Jobs in der Türkei suchen.

"Positives Signal an islamische Länder"

mm.de: Was würde eine EU-Mitgliedschaft der Türkei für die türkische Bevölkerung in Deutschland bedeuten?

Sahin: Deutschland veraltet ebenso wie die meisten Staaten Westeuropas. In spätestens 20 Jahren werden in Europa junge und gut ausgebildete Arbeitskräfte fehlen.

Die jungen Türken, die heute in Deutschland leben, werden von der deutschen Wirtschaft ebenso benötigt, wie vor 30 Jahren ihre Eltern und Großeltern während des Wirtschaftswunders benötigt wurden. Allerdings nicht länger als "Gastarbeiter" für wenig beliebte körperliche Arbeit, sondern als qualifizierte und engagierte Fachkräfte. Die Handelskammern und das Bildungsministerium unterstützen die Qualifizierung der Jugendlichen bereits durch das Ausbildungsprojekt "1000 türkische Jugendliche bei türkischen Firmen". Eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU wird die Integration der Türken in Deutschland beschleunigen.

mm.de: Welche Vorteile könnte Europa von einem EU-Mitgliedstaat Türkei haben?

Sahin: Zuerst wird die wachsende Wirtschaftskraft der Türkei der Europäischen Union zugute kommen. Zweitens spielt auch die Sicherheitspolitik eine Rolle, denn wirtschaftlicher Fortschritt braucht Sicherheit. Die Türkei kann als islamisches Land mit einem demokratischen Verständnis eine Brücke zwischen zwei Kulturen sein: Wenn sie als EU-Mitglied funktioniert, ist das nicht nur Wirtschaftsförderung in Europa, sondern auch im Nahen Osten und der Welt.

Die Türkei kann als EU-Mitglied positive Signale an die islamischen Länder senden, dass wir zusammen leben, wirtschaften und teilen können. Es bestehen gute Chancen, dass sich diese Länder dann auch Europa annähern: Schon jetzt sehen wir ja, wie positiv sich die EU-Perspektive auf das Wirtschaftswachstum und auf die Motivation der jungen Menschen in der Türkei auswirkt. Wir dürfen nicht riskieren, dass sich diese Menschen enttäuscht von Europa abwenden.

Kritiker fragen: "Wie viele Milliarden Subventionen kostet ein EU-Beitritt der Türkei?" Ich frage: "Wie viele Milliarden kostet es die Wirtschaft, wenn der Ölpreis bis auf 100 Dollar pro Barrel steigt?" Wenn wir sagten, dass die Türkei in Europa nichts zu suchen habe, dann stärkt das die Fliehkräfte und die Radikalisierung und ist sowohl sicherheitspolitisch wie auch wirtschaftlich ein Rückschritt. Das kann für Europa und die Welt sehr teuer werden.

Kemal Sahin - ein Falke in Deutschland

Kemal Sahin: Ein Falke in Deutschland

Kemal Sahin ist Vorstandschef des Textilproduzenten Sahinler Holding. Das Unternehmen mit Zentralen in Würselen bei Aachen und Istanbul ist mit einem Jahresumsatz von 1,1 Milliarden Euro die größte deutsch-türkische Unternehmensgruppe.

Der 49-jährige Sahin kam im Alter von 18 Jahren nach Deutschland. Er studierte Metallurgie, bekam aber als Ingenieur keine Arbeitserlaubnis. So machte er sich selbstständig und ist inzwischen der größte türkische Arbeitgeber außerhalb der Türkei: Die Sahinler Group beschäftigt in 13 Ländern insgesamt rund 12.000 Mitarbeiter. Die zu Sahinler gehörende Modemarke Adessa ist zum Beispiel mit mehr als 300 Filialen in Deutschland vertreten.

Für seine herausragenden unternehmerischen Leistungen wurde Sahin (deutsch: "Der Falke") 1997 vom manager magazin sowie Ernst & Young zum Entrepeneur des Jahres gewählt. Derzeit ist Sahin auch Präsident der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer (TD-IHK). Seine Autobiografie hat den Titel "Der Falke in der Fremde".


Reger deutsch-türkischer Handel

Deutschland ist wichtigster Handelspartner der Türkei. Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern betrug im Jahr 2003 16 Milliarden Euro und dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen. Die deutschen Exporte in die Türkei haben im vergangenen Jahr um 20 Prozent zugelegt, im ersten Halbjahr 2004 stiegen die Exporte um knapp 50 Prozent.

Das Wirtschaftswachstum am Bosporus sorgt für steigende Nachfrage. Die türkische Wirtschaft ist im Jahr 2003 um 6 Prozent und im ersten Halbjahr 2004 um mehr als 10 Prozent gewachsen. Bereits die Aussicht auf eine Mitgliedschaft in der EU sorgt für deutlich steigende Direktinvestitionen, so die Auskunft der Handelskammer.

In der Türkei leben 66 Millionen Menschen, davon 80 Prozent Türken und 20 Prozent Kurden. 99 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. In Deutschland mit rund 80 Millionen Einwohnern leben 2,6 Millionen Bürger türkischer Herkunft. Rund 60.000 türkische Unternehmer haben nach Angaben der deutsch-türkischen Handelskammer bislang insgesamt 7,5 Milliarden Euro in Deutschland investiert und rund 350.000 Arbeitsplätze geschaffen.

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