Eldorado Europa Die Topstandorte für die Industrie

Bei der Ansiedlung klassischer Industriebetriebe hat Deutschland gegenüber den 20 besten Regionen Europas große Nachteile. Eine exklusive Untersuchung des manager magazins zeigt: Bei den entscheidenden Faktoren liegen deutsche Standorte weit zurück, ohne auf anderen Gebieten entscheidend zu punkten.
Von Henner Lüttich und Jörn Sucher

Hamburg - Die attraktivsten Standorte für klassische Industrien liegen nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie der erweiterten Europäischen Union (EU). Das zeigen die Ergebnisse einer aufwändigen Untersuchung, in der das manager magazin den neuen großen EU-Binnenmarkt analysieren ließ. Mehr als 1200 Regionen in 25 Ländern durchleuchtete der Standortberater Henner Lüttich, der die Analyse für manager magazin durchgeführt hat.

Das Ergebnis ist erschreckend: Als Standort für klassische Industrien belegen selbst die besten deutschen Regionen nur mittlere Tabellenplätze. Ganz vorn im mm-Ranking finden sich die am weitesten entwickelten Beitrittsländer, aber auch Regionen im Alt-EU-Staat Irland.

Einsame Spitze im Vergleich der besten Standorte für klassische Industrien ist EU-Neuling Estland; die fünf Regionen des Landes belegen die ersten fünf Plätze im mm-Ranking. Gleich dahinter folgt EU-Veteran Irland. Fünf der acht Regionen der Inselrepublik finden sich auf den Rängen sechs bis zehn. Die Dichte der Spitzenplatzierungen hängt wohl auch mit der Größe dieser beiden Länder zusammen. In Estland mit 1,4 Millionen Einwohnern lassen sich kaum regionale Unterschiede feststellen.

Klassische Industrie: Die 20 besten Regionen Europas
Rang Land Region Arbeit-
nehmer-
entgelte1
Produk-
tivität2
Arbeits-
stunden3
Unter-
nehmens-
steuern4
1 Estland Põhja-Eesti 392 15626 1768 0
2 Estland Kesk-Eesti 392 15626 1768 0
3 Estland Lääne-Eesti 392 15626 1768 0
4 Estland Lõuna-Eesti 392 15626 1768 0
5 Estland Kirde-Eesti 392 15626 1768 0
6 Irland Dublin 2901 87963 1916 12,5
7 Irland Mid-East 2901 87963 1916 12,5
8 Irland South-East 2901 87963 1916 12,5
9 Irland Mid-West 2901 87963 1916 12,5
10 Irland South-West 2901 87963 1916 12,5
11 Polen Jeleniogorsko-walbrzyski 741 27943 1850 19
12 Polen Centralny Slaski 809 25097 1850 19
13 Irland Border 2231 47980 1916 12,5
14 Irland West 2231 47980 1916 12,5
15 Polen Poludniowoslaski 809 25097 1850 19
16 Irland Midland 2231 47980 1916 12,5
17 Tschechien Moravskoslezsky 566 28238 1785 24
18 Tschechien Ustecky 544 27303 1785 24
19 Ungarn Gyor-Moson-Sopron 533 30411 1755 18
20 Litauen Vilniaus (Apskritis) 405 18322 1744 15
Durchschnittswerte jeweils für Beschäftigte in der Industrie: 1 in Euro pro Monat; 2 Bruttowertschöpfung in Euro pro Jahr; 3 pro Jahr. 4 in Prozent.
Die angegebenen Kriterien sind nur eine Auswahl des gesamten Katalogs. Weitere Informationen zu Standortstudie und Methode finden Sie hier.
Quelle: Contor GmbH.

Deutschland ist dagegen als Industriestandort weit abgeschlagen. Die Differenz zwischen den besten deutschen Regionen und der europäischen Top 20 ist groß. Betrachtet man den Standortfaktor Gesamtarbeitskostenbelastung, der sich aus den Variablen Arbeitnehmerentgelte, Produktivität und Arbeitsstunden zusammensetzt, zeigen sich besonders deutliche Unterschiede.

Deutschlands Arbeitskosten-Malus

Deutschlands Arbeitskosten-Malus

Bei der Variablen Arbeitnehmerentgelte in der Industrie etwa fallen die deutschen Regionen weit hinter die Regionen aus den EU-Beitrittsländern zurück. Die Löhne der Industrie in den besten Regionen Deutschlands sind zwischen sechs Mal und neun Mal so hoch wie in den besten Gebieten der neuen EU-Mitglieder.

Im Vergleich mit EU-Oldie Irland fällt das Ergebnis deutlich besser aus. Hier betragen die Unterschiede zwischen den höchsten Arbeitnehmerentgelten des Inselstaates und den Werten der besten Regionen in den alten Bundesländern zehn Prozent. Insbesondere Regionen der neuen Bundesländer, wie etwa der beste ostdeutsche Standort Leipzig, scheinen in dieser Hinsicht absolut konkurrenzfähig zu sein.

Klassische Industrie: Die besten Regionen
in Westdeutschland und in Ostdeutschland
Rang Land Region Arbeit-
nehmer-
entgelte1
Produk-
tivität2
Arbeits-
stunden3
Unter-
nehmens-
steuern4
669 Westdeutschl. Esslingen 3365 54137 1601 38,7
670 Westdeutschl. Stuttgart 3365 54137 1601 38,7
833 Ostdeutschl. Leipzig 2168 31371 1601 38,7
856 Ostdeutschl. Berlin-Ost 3197 44626 1601 38,7
Durchschnittswerte jeweils für Beschäftigte in der Industrie: 1 in Euro pro Monat; 2 Bruttowertschöpfung in Euro pro Jahr; 3 pro Jahr. 4 in Prozent.
Die angegebenen Kriterien sind nur eine Auswahl des gesamten Katalogs. Weitere Informationen zu Standortstudie und Methode finden Sie hier.
Quelle: Contor GmbH.

Die Produktivität in den besten Regionen Deutschlands, gemessen an der Bruttowertschöpfung nach Kaufkraft je Beschäftigten in der Industrie, liegt zwischen 31.000 Euro und 58.000 Euro. Während der Wert in Höhe von 31.000 Euro in der Region Leipzig europaweit deutlich unter dem Durchschnitt liegt, befinden sich die Werte der anderen deutschen Spitzenregionen im oberen Mittelfeld.

Doch erst die gemeinsame Betrachtung von Arbeitnehmerentgelten und Produktivität führt zu einem aufschlussreichen Gesamtbild. In den besten ostdeutschen Regionen Leipzig und Berlin betragen die jährlichen Arbeitnehmerentgelte 82 Prozent beziehungsweise 85 Prozent der jährlichen Bruttowertschöpfung je Beschäftigten in einem Industrieunternehmen. Die besten Regionen der alten Bundesländer erreichen einen Wert in Höhe von 75 Prozent und sind damit konkurrenzfähiger.

Zum Vergleich: In den 20 besten EU-Regionen für klassische Industrien liegt der Anteil der Arbeitnehmerentgelte an der Bruttowertschöpfung zwischen 20 Prozent und 40 Prozent. Das bedeutet: In den besten Regionen Europas erwirtschaftet jeder Industriearbeitnehmer durchschnittlich das 2,5- bis 5fache seines Arbeitnehmerentgelts, in den besten Regionen Deutschlands ist es lediglich das 1,1- bis 1,5fache.

Vorzüge und Nachteile im Überblick

Vorzüge und Nachteile im Überblick

Zudem wird in Deutschlands Produktionsbetrieben vergleichsweise kurz gearbeitet. Die Zahl der in der Industrie jährlich geleisteten Arbeitsstunden pro Beschäftigten liegt bei durchschnittlich 1601 Stunden und damit annähernd gleich hoch wie in Frankreich und den Niederlanden. Nur dänische Industriebeschäftigte arbeiten mit 1390 Stunden jährlich deutlich weniger. In sämtlichen anderen EU-Ländern wird deutlich länger gearbeitet als in Deutschland. In Irland, dem EU-Spitzenreiter bei den geleisteten Arbeitsstunden, sind es 315 Stunden jährlich mehr als hier zu Lande.

Die Bundesrepublik leistet sich außerdem die höchsten Unternehmenssteuern in Europa. Der Abstand zu den Spitzenstandorten im Europa der 25 liegt zwischen 9 Prozent und 38,7 Prozent. Zudem hat Deutschland keine Vorteile, was die Verkehrsinfrastruktur betrifft. Hier könnten sich Pluspunkte zu Ländern in Insellage ergeben, wie Irland, oder zu Ländern in EU-Randlagen, wie Estland, wenn die direkte Anbindung an das mitteleuropäische Autobahnnetz erforderlich ist.

Klassische Industrie: Profile der Topregionen
  Profil der EU-Topregionen Profil der dt. Topregionen  
+ Günstige Relation von Produktivität zu Arbeitskosten (Estland: Produktivität je Beschäftigtem übersteigt Arbeitskosten um das 3,3fache) Großes Arbeitskräftereservoir +
+ Großes Arbeitskräftereservoir Sehr gut ausgebaute Infrastruktur +
+ Niedrige Energiekosten (Estland: Strom ein Drittel billiger als in Deutschland, Gas 60 Prozent) Energiekosten im Mittelfeld ±
+ Niedrige Unternehmenssteuern (Estland: 0 Prozent auf einbehaltene Gewinne) Kriminalität und Korruption im westeuropäischen Durchschnitt ±
± Ausreichende Infrastruktur höchste Unternehmenssteuern in der gesamten EU (38,7 Prozent) -
- Hohe Kriminalitätsraten, verbreitete Korruption Hohe Industrieproduktivität, sehr hohe Arbeitskosten (Verhältnis Produktivität zu Arbeitskosten von 1,3) -

Allerdings steht der Standort Deutschland dann immer noch in Konkurrenz zu Ländern wie Ungarn, Polen oder Tschechien, deren beste 20 Regionen in Grenzlage zu den alten EU-Ländern zumindest teilweise direkten Anschluss an das mitteleuropäische Autobahnnetz besitzen. Auch die Energiepreise in Deutschland sind überdurchschnittlich hoch.

Hinsichtlich des Arbeitsmarktes ergeben sich für Deutschland keine entscheidenden Vorteile. Zumindest einige der 20 besten Standorte für Industriebetriebe scheinen ähnliche Voraussetzungen zu bieten. Insbesondere der Standortfaktor Arbeitsmarkt ist allerdings von den besonderen Anforderungen jedes Unternehmens abhängig. Eine generelle Aussage hierzu verbietet sich also.

Deutschland kann beim Standortfaktor Sicherheit punkten. Sowohl bei der Kriminalitätsrate als auch bei dem Grad der Korruption bietet die Bundesrepublik bessere Werte als die 20 besten EU-Regionen.

Zusammenfassend bieten Deutschlands Regionen allerdings keine objektiven Vorteile, welche die Nachteile ausgleichen könnten. Dies erklärt, warum 668 der insgesamt beurteilten 1207 europäischen Regionen in der Rangfolge vor der besten deutschen Lage für Industrieunternehmen zu finden sind.

Auffallend ist dabei, dass die drei besten deutschen Standorte geografisch sehr nah beieinander liegen. Es sind der Landkreis Esslingen (Rang 669), die kreisfreie Stadt Stuttgart (Rang 670) und der Landkreis Ostalbkreis (Rang 672). Diese drei Gebiete liegen nicht weiter als 70 Kilometer auseinander. Der Stuttgarter Raum ist mithin die beste Region für Industrieansiedlungen in Deutschland.

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