Donnerstag, 20. Juni 2019

Job-Abwanderung Billig reicht nicht

Der Exodus von Arbeitsplätzen in die Beitrittsstaaten - das ist die große Horrorvision vieler Deutscher von der EU-Erweiterung. Doch die Wirtschaftsforscher wiegeln ab: Der Jobverlust werde "überraschend gering" ausfallen. Zumindest in den alten Bundesländern.

Frankfurt am Main - Behalten die Experten Recht, machen sich viele Deutsche derzeit unnötig Sorgen um die Arbeitsmarktlage nach der EU-Erweiterung. Denn der historische Schritt im Mai wird nach Einschätzung mehrerer Wirtschaftsforschungsinstitute keine drastische Verlagerung deutscher Arbeitsplätze ins Ausland auslösen.

 Marginale Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Wirtschaftsforscher sind sich einig (Archivbild von der Präsentation des Frühjahrsgutachtens)
DPA
Marginale Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Wirtschaftsforscher sind sich einig (Archivbild von der Präsentation des Frühjahrsgutachtens)
"Dass es zu einem großen Exodus kommt, ist nicht zu erwarten", sagt etwa der Arbeitsmarktexperte Herbert Buscher vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Zwar seien in Osteuropa die Löhne wesentlich niedriger, dies allein mache die Region jedoch nicht zum perfekten Standort.

Auch der Experte für die EU-Osterweiterung des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW), Herbert Brücker, erwartet nur marginale Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie des Londoner Centre for Economic Policy Research (CEPR), die einen "überraschend geringen Arbeitsplatzverlust" für Deutschland prognostiziert.

Die Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Osteuropa habe Grenzen, betont IWH-Experte Buscher. Probleme mit Sprache, Infrastruktur oder schlicht der geografischen Lage der osteuropäischen Staaten würden voraussichtlich eine massive Abwanderung von Arbeitsplätzen verhindern. "Über Feldwege können Sie nicht Ihre Waren transportieren. Günstigere Löhne sind ein wichtiger Faktor, aber mit Sicherheit nicht allein entscheidend", erklärt Buscher. Wer beispielsweise seine Waren in Frankreich verkaufe und seine Produkte "just in time" liefern müsse, für den sei schon die große Entfernung nach Osteuropa ein Problem.

Außerdem würden die Löhne in Osteuropa wegen der demografischen Entwicklung in den kommenden Jahren zwangsläufig steigen, prognostiziert Buscher. Wegen der sinkenden Geburtenrate, die noch niedriger sei als im geburtenschwachen Deutschland, würden in Osteuropa die Unternehmen bald um weniger Arbeitskräfte konkurrieren. Damit büße die Region einige Vorteile gegenüber dem Westen ein.

Aus anderen Gründen kehrten schon heute manche deutsche Betriebe aus Osteuropa zurück: Teils fänden die Unternehmen keine Facharbeiter, teils hätten sie ihre Absatzmöglichkeiten im Osten zu optimistisch eingeschätzt.

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