Commerzbank und DWS springen ab EYs Prüfmandate geraten ins Wanken

Der Wirecard-Skandal könnte für den Wirtschaftsprüfer EY gravierende Folgen haben: Nach der Deutsche-Bank-Tochter DWS wendet sich auch die Commerzbank von EY als Wirtschaftsprüfer ab. Weitere Kunden könnten folgen.
EY-Standort in Berlin: Neben dem Reputationsverlust drohen auch erhebliche wirtschaftliche Folgen

EY-Standort in Berlin: Neben dem Reputationsverlust drohen auch erhebliche wirtschaftliche Folgen

Foto: HAYOUNG JEON/EPA-EFE/Shutterstock

Die Wirtschaftsprüfer von EY müssen sich nach dem Wirecard-Skandal zunehmend Sorgen um ihre Mandate machen. EY verliert nach dem Prüfauftrag für die DWS nun auch den Prüfauftrag der Commerzbank. "Der Aufsichtsrat der Commerzbank hat in seiner heutigen Sitzung beschlossen, der Hauptversammlung 2021 einen Wechsel des Abschlussprüfers für das Geschäftsjahr 2022 vorzuschlagen", erklärte das Institut am Mittwoch. Die Bank habe diese Entscheidung vorsorglich getroffen, "um mögliche Interessenkonflikte zu vermeiden", sagte eine Sprecherin. Von EY war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Am Dienstag hatte bereits die Deutsche-Bank-Tochter DWS verkündet, künftig auf einen anderen Prüfer als EY zu setzen. Die Deutsche Bank will dagegen nicht an ihrer Entscheidung rütteln, die Bilanz von EY prüfen zu lassen.

EY hatte die Bilanzen von Wirecard ein Jahrzehnt lang testiert, aber erst im Juni ein 1,9 Milliarden Euro großes Loch in den Büchern des mittlerweile insolventen Zahlungsabwicklers entdeckt - nachdem es eine Sonderprüfung des Konkurrenten KPMG gegeben hatte. Die Reputation von EY hat schweren Schaden genommen, auf das Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen rollt eine Klagewelle zu.

Die Commerzbank musste wegen der Wirecard-Pleite 175 Millionen Euro auf einen Kredit an den Zahlungsdienstleister abschreiben. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) verbuchte aus einem Wirecard-Kredit einen Verlust von rund 160 Millionen Euro, die niederländische Großbank ING schrieb rund 200 Millionen ab.

Banken müssen Klagen gegen EY prüfen

Für Banken und Fondsgesellschaften, die zu den Gläubigern und Investoren bei Wirecard gehören, ist ein weiteres Engagement von EY besonders heikel. Sie müssen aufgrund treuhänderischer Pflichten Klagen gegen EY prüfen. Einem Insider zufolge tut dies auch die Commerzbank. Ein DWS-Sprecher hatte erklärt, die Fondsgesellschaft prüfe rechtliche Schritte gegen Wirecard und andere involvierte Parteien. Die DWS zählte eine zeitlang zu den größten Wirecard-Aktionären und hatte viel Geld ihrer Anleger in den Zahlungsabwickler investiert. Bei der LBBW prüft Deloitte die Bücher, bei ING ist es KPMG.

EY hatte erst 2018 PwC bei der Commerzbank abgelöst. In der Regel kann ein Bilanzprüfer damit rechnen, dass er für die nächsten zehn Jahre zum Zug kommt. Erst nach 20 Jahren muss gewechselt werden. Als eine Konsequenz aus dem Wirecard-Skandal wird aktuell eine häufigere Rotation der Prüfer diskutiert. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hatte Ende Juli vorgeschlagen, dass der Weschel der Abschlussprüfer spätestens nach zehn Jahren verpflichtend sein soll. Kritikern geht dieser Vorschlag nicht weit genug.

Deutsche-Bank-Tochter DWS entscheidet sich gegen EY

Am Dienstag hat bereits die Deutsche-Bank-Tochter DWS entschieden, ihre Bilanzen nun doch weiter vom EY-Konkurrenten KPMG prüfen zu lassen. Entgegen seiner bisherigen Präferenz habe sich der DWS-Aufsichtsrat entschieden, EY doch nicht als Abschlussprüfer für das Geschäftsjahr 2020 vorzuschlagen, teilte die Fondsgesellschaft in ihrer Einladung zur Hauptversammlung  am 18. November mit. Die Deutsche Bank will dagegen bislang an EY als Abschlussprüfer festhalten.

"Diese Entscheidung wurde vorsorglich, einvernehmlich und unter sorgfältiger Abwägung getroffen, um mögliche zukünftige Konflikte zu vermeiden, die sich aus EYs Rolle als Abschlussprüfer der Wirecard AG ergeben können", sagte ein DWS-Sprecher. Die Fondsgesellschaft prüfe rechtliche Schritte gegen Wirecard und andere involvierte Parteien. Die DWS zählte eine Zeit lang zu den größten Wirecard-Aktionären und hatte damit viel Geld ihrer Anleger in den Zahlungsabwickler investiert.

EY bedauerte die Entscheidung der DWS. "Wir hätten uns natürlich ein anderes Ergebnis gewünscht, möchten aber betonen, dass wir weiterhin im guten und konstruktiven Dialog mit der DWS sind", sagte ein Sprecher. Das Prüfungsmandat für EY galt bis vor wenigen Monaten als so gut wie sicher. Die prüferische Durchsicht des Halbjahresabschlusses 2020 der DWS habe bereits in deren Händen gelegen, sagte der DWS-Sprecher.

Anders als die Fondsgesellschaft haben die Aktionäre der Deutschen Bank EY schon zum Abschlussprüfer für 2020 bestellt. Die Hauptversammlung fand bereits im Mai statt. An der Entscheidung will das Institut deshalb auch nicht rütteln. "Die Deutsche Bank erwägt keinen Wechsel des Abschlussprüfers für 2020", sagte ein Sprecher. "Unsere Aktionäre haben EY auf der Hauptversammlung 2020 ordnungsgemäß ernannt. Wir werden alle weiteren Entwicklungen aufmerksam verfolgen und ihre Auswirkungen auf die Bank analysieren." 

KfW steht EY-Mandat auch kritisch gegenüber

Die Mitglieder des Verwaltungsrats der staatlichen Förderbank KfW sind dagegen offenbar schon anderer Meinung. Laut einem Bericht des "Handelsblatt" haben sie "Bauchschmerzen" dabei, EY zu berücksichtigen, wenn dort in Kürze ein Prüferwechsel ansteht. Wie bei der DWS und der Commerzbank dürfte eine Rolle spielen, dass sie als Kreditgeber viel Geld mit Wirecard verloren haben: die KfW wohl fast 100 Millionen Euro, die Commerzbank rund 175 Millionen Euro.

EY ist neben Deloitte, KPMG und PricewaterhouseCoopers (PwC) eine der vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt. Derzeit untersuchen die Prüfer die Bilanzen von acht der 30 Dax-Konzerne. Sollten sich mehrere ihrer Mandanten zu einem Entzug des Mandats entscheiden, drohen der Gesellschaft erhebliche finanzielle Einbußen.

Seit gestern ist auch klar, dass es einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu Wirecard geben wird. Damit wird einer der größten Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik Thema des Wahlkampfs im kommenden Jahr - und möglicherweise eine Belastung für Olaf Scholz (62), den Kanzlerkandidaten der SPD und amtierenden Bundesfinanzminister. Seinem Ministerium untersteht die Finanzaufsicht Bafin, die in dem Fall den Vorwurf der fahrlässig laxen Kontrolle entkräften muss. Die Insolvenz der vermeintlichen deutschen Vorzeigefirma hatte zahlreiche Anleger ein Vermögen gekostet und dem Ansehen des Finanzstandorts Deutschland international geschadet.

mg/Reuters
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