Faktoren für die Rekordpreise Wie Chinas Comeback den Ölpreis in die Höhe treibt

Ein Mix aus Faktoren hat den Ölpreis auf über 120 Dollar pro Fass getrieben. Europas Öl-Embargo ist nur einer davon – wichtiger noch ist der wohl stark steigende Bedarf in China. Denn nach zwei Monaten endet allmählich der Corona-Lockdown in Shanghai.
Ende in Sicht: In dieser Woche endet in Shanghai der Lockdown - und damit die Zeit, in der Passanten im Bademantel durch die Haupteinkaufsviertel ziehen

Ende in Sicht: In dieser Woche endet in Shanghai der Lockdown - und damit die Zeit, in der Passanten im Bademantel durch die Haupteinkaufsviertel ziehen

Foto: ALY SONG / REUTERS

Die Unruhe ist zurück an den Märkten. Der Ölpreis ist zu Beginn der Woche auf das höchste Niveau seit zwei Monaten gestiegen – der Rohstoff kostet damit inzwischen wieder so viel wie kurz nach Beginn des Angriffs auf die Ukraine. Die Nordseesorte Brent verteuerte sich am Dienstag auf deutlich mehr als 120 US-Dollar je Fass. Das waren etwa 20 Dollar mehr als noch Mitte des Monats. Einer der Preistreiber ist die Einigung auf ein Öl-Embargo mit Einschränkungen durch die EU-Staaten gegen Russland – doch dazu kommen inzwischen weitere Sorgen.

Im März, als der Brent-Preis das letzte Mal die 120-Dollar-Marke knackte, dominierte die Sorge vor Angebotseinschränkungen den Ölmarkt. Russland als einer der wichtigsten Lieferanten drohte auszufallen, obwohl es damals kein explizites Embargo gegen russisches Öl gab. International sanktionierten Rohstoffhändler sich selbst und mieden Importe aus dem Land, während die Förderländer im Verbund der OPEC+ die Ausweitung der Produktion aufschoben. Mit der Freigabe von Reserven sollten die Preise kurzfristig stabilisiert werden.

Jetzt geben Bedenken vor einer Ölknappheit den Ölpreisen erneut Auftrieb. Wie stark die EU-Sanktionen gegen Russland den Markt treffen werden, ist noch unklar. Aber schon jetzt ist klar, dass die Nachfrage stark anziehen wird. Als Preistreiber gelten dabei vor allem Nachrichten aus China. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt lockert die Beschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie. Ab Anfang Juni endet nach zwei Monaten der Lockdown in der Wirtschaftsmetropole Shanghai, Betriebe und stillgelegte Fabriken dürfen die Produktion wieder aufnehmen. Chinas Behörden erklärten außerdem, dass der Covid-Ausbruch in der Hauptstadt Peking unter Kontrolle sei.

Das dürfte sich kurzfristig auf die weltweite Öl-Nachfrage auswirken. China ist weltweit der größte Importeur von Rohöl. Das Festhalten von Staatspräsident Xi Jinping (68) an seiner Null-Covid-Politik um jeden Preis hatte die chinesische Wirtschaft und dessen Handelspartner schwer belastet  und die Energienachfrage weltweit gedämpft. Nach Schätzungen der Bank Standard Chartered ging die Öl-Nachfrage Chinas im April um 1,1 Millionen Barrel pro Tag zurück – das entspricht etwa einem Prozent der weltweiten Nachfrage. Mit dem Wiederhochfahren der Wirtschaft und des privaten Konsums dürften diese Mengen demnächst wieder am Markt benötigt werden.

Das Comeback in China kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem auch in Teilen der übrigen Welt die Nachfrage spürbar zunimmt. In den USA hat am Wochenende die "Sommerfahrsaison" begonnen, die Reisezeit mit traditionell hohem Benzinverbrauch; dazu gab es überraschend starke Signale zur US-Binnenkonjunktur. Die Benzinpreise kletterten in den USA dementsprechend auf Rekordniveau. Und auch in Deutschland bewegen sich die Spritpreise noch auf hohem Niveau und zogen oft stärker an als der Rohölpreis.

Knappe Raffineriekapazitäten treiben den Spritpreis

Saudi-Arabiens Energieminister macht noch andere Faktoren für die aktuell hohen Spritpreise verantwortlich. Laut Prinz Abdulaziz bin Salman (62) liege der Höhenflug nicht etwa an einer weltweiten Ölknappheit – sondern an fehlenden Raffinerien. Es gebe weltweit einfach zu wenig Raffineriekapazitäten, um Benzin und Diesel herzustellen, sagte er vor Kurzem.

Während der Corona-Pandemie hatten einige Betreiber ihre Raffinerien angesichts geringer Wirtschaftlichkeit dauerhaft stillgelegt oder umgewandelt, einige angekündigte Schließungen stehen noch aus. In Deutschland hatte etwa der Shell-Konzern angekündigt, die Rohölverarbeitung in seiner Raffinerie in Wesseling bis 2025 einzustellen. Weltweit fielen die globalen Raffineriekapazitäten nach Analyse von S&P Global  2020 netto um 410.000 Barrel pro Tag und im Jahr 2021 um weitere 50.000 Barrel täglich.

Laut Bin Salman sind vor allem die USA und Europa von Raffinerieschließungen betroffen – die beiden Weltregionen, die seit dem Ukraine-Krieg ihre Ölimporte aus Russland massiv gesenkt haben. In den USA versucht Präsident Joe Biden (79) inzwischen mit allen Mitteln die hohen Spritpreise vor den Kongress-Wahlen im November in den Griff zu bekommen; zuletzt erkundigte er sich laut Bloomberg  sogar nach der Wiederinbetriebnahme stillgelegter Raffinerien.

Und dann ist da neben dem Nachfrage-Boom und den knappen Raffinerikapazitäten der dritte Faktor: Russland. Noch bleibt ungewiss, welche Folgen das Embargo der EU-Staaten für russische Öllieferungen auf die globalen Märkte hat. 2020 importierten die EU-Staaten noch rund ein Viertel ihrer insgesamt 440 Millionen Tonnen Rohöl aus Russland; allerdings hatten die einzelnen Regierungen zuletzt versucht, ihre Abhängigkeit zu mindern. Auf dem Sondergipfel der EU einigten sich die Staaten nach Wochen des Streits nun auf einen Kompromissvorschlag der EU-Kommission. Dieser untersagt die Einfuhr von per Schiff geliefertem Öl aus Russland – rund zwei Drittel der importierten Menge. Per Pipeline erfolgende Transporte werden auf Druck von Ungarns Präsident Viktor Orbán (58) zunächst weiter möglich sein. Ungarn kann damit weiterhin über die riesige Druschba-Pipeline Öl aus Russland beziehen. Insgesamt wird dadurch die Nachfrage nach alternativem Öl auf dem Weltmarkt steigen.

Abhilfe von den übrigen Öl-Förderländern ist kurzfristig kaum zu erwarten. Die OPEC+-Staaten, zu denen auch Russland zählt, treffen sich in dieser Woche ebenfalls. Das Bündnis hatte sich bisher jedoch den Forderungen der USA widersetzt, die Produktion über die seit Langem geplanten schrittweisen Erhöhungen hinaus anzukurbeln. Bis auf Weiteres wird erwartet, dass die Runde an diesem Plan festhält.

dri mit Nachrichtenagenturen