Entlassungen nicht nur bei Start-ups Wen die Kündigungswelle besonders hart trifft

Klarna, Gorillas, Getir, Tesla: Nicht nur durch die Start-up-Szene rollt derzeit eine Kündigungswelle. Auch renommierte Big-Tech-Unternehmen entlassen Mitarbeiter. Der Überblick zeigt, welche Branchen es derzeit besonders trifft.
Aus dem Sattel: Investoren halten Geld zurück. Nicht nur prominente Start-ups wie der Lieferdienst Gorillas oder der Bezahldienst Klarna müssen sparen. Eine Kündigungswelle rollt quer durch die Branchen

Aus dem Sattel: Investoren halten Geld zurück. Nicht nur prominente Start-ups wie der Lieferdienst Gorillas oder der Bezahldienst Klarna müssen sparen. Eine Kündigungswelle rollt quer durch die Branchen

Foto: Gorillas

Der Jobmotor brummt – eigentlich: 372.000 Jobs haben US-Firmen im Juni geschaffen, in Europa wie in den USA lassen der Fachkräftemangel und deutlich steigende Löhne die Angst vor einer Lohn-Preis-Spirale steigen. Die jüngsten Job- und Lohndaten passen so gar nicht zu den Rezessionssorgen weltweit. Doch einige Branchen machen bereits vor, dass es nach Jahren des Booms auch schnell in die andere Richtung gehen kann: In der einst gefeierten Tech- und Start-up-Szene rollt eine Kündigungswelle, die sich in den Monaten Mai und Juni noch einmal hochgeschaukelt hat.

Nicht Gehaltshöhe und Bonus stehen hier im Vordergrund, sondern die Frage, wer noch an Bord bleiben kann. Noch im Vorjahr wurden Start-ups mit billigem Geld überschüttet, doch jetzt halten Risikokapitalgeber ihr Geld zurück und lassen die Bewertungen der Stars von einst einbrechen. Die Start-ups schalten auf Notfallmodus und senken die Mitarbeiterzahl zum Teil drastisch.

Die Kündigungswelle schaukelt sich hoch: Allein im Mai haben 71 Tech-Start-ups weltweit insgesamt rund 17.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen, wie aus Daten der Tracking-Site layoffs.fyi  hervorgeht. Das war mehr als dreimal so viel wie im April. Im Juni stieg die Zahl der Entlassungen noch einmal kräftig auf rund 24.000. Seit Jahresbeginn haben demnach rund 50.000 Beschäftigte weltweit bei Start-up-Unternehmen ihren Job verloren.

Doch nicht nur Start-ups schicken derzeit Mitarbeiter nach Hause, auch renommierte Konzerne wie Netflix, Tesla oder Coinbase treten auf die Bremse. Von Januar bis Mitte Juli haben sich laut der Tracking-Site trueup.io  rund 400 Tech-Unternehmen weltweit von insgesamt knapp 70.000 Mitarbeitern getrennt. Der folgende Überblick zeigt, wo der Druck besonders hoch ist.

Die Etablierten: Netflix, Peloton, Tesla

Der Streaming-Riese Netflix schickte bereits Ende April Schockwellen durch die Techbranche. Erstmals seit Jahren ist die Zahl der Abonnenten gesunken und dürfte im Sommer noch weiter sinken. Ende Juni schickte Netflix-Chef Reed Hastings dann 450 Mitarbeiter nach Hause - 4 Prozent der Belegschaft. Noch drastischer fielen die Kürzungen beim Heimtrainer-Hersteller Peloton aus, der im Corona-Jahr 2020 noch zu den drei größten Gewinnern an der Nasdaq zählte. 2800 Beschäftigte und damit fast jeder fünfte Mitarbeiter musste gehen, seit die Menschen wieder vermehrt im Freien und in den Fitnessstudios trainieren.

Der Elektroautobauer Tesla strich im Juni 3500 Jobs, weil Tesla-Chef Elon Musk fest von einer Rezession in den USA ausgeht. Musk will bis Herbst jeden zehnten Festangestellten entlassen und zugleich die Zahl der Stundenkräfte erhöhen. Da auch Firmen wie Microsoft, IBM, Meta oder Salesforce zum Teil Einstellungsstopps verhängt und ihr Russland-Geschäft geschlossen haben, gilt: Nicht nur die ehemaligen Corona-Gewinner müssen sparen, auch die Mehrzahl der etablierten Konzerne fährt inzwischen auf Sicht.

Start-ups: Klarna, Gorillas und Getir verunsichern gesamte Branche

Der schwedische Bezahldienst Klarna war und ist immer noch das wertvollste Start-up Europas: Allerdings ist die Bewertung des "Buy now pay later" Spezialisten von einst 46 Milliarden Dollar auf inzwischen nur noch rund 6,5 Milliarden Dollar zusammengeschnurrt. Im Mai entließ Klarna jeden Zehnten seiner rund 7000 Mitarbeiter und begründete den harten Einschnitt mit Inflation, Volatilität an den Börsen und einer drohenden Rezession. Die Botschaft ist klar: Wenn Wagniskapitalgeber wie Sequoia oder der Staatsfonds von Abu Dhabi schon bei den Vorzeige- und Vorbildunternehmen wie Klarna zugeknöpft sind und Geld nur noch zu neuen Bedinungen herausgeben, wie schwierig dürften die kommenden Monate dann erst für die kleineren Start-up-Unternehmen werden?

Panik herrscht vor allem in der Lieferdienst-Branche, die noch immer viel Geld verbrennt. Wachstum statt Profit lautete dort jahrelang die Devise – nun heißt es sparen, schrumpfen und überleben. Der Berliner Lieferdienst Gorillas ist besonders schwer getroffen: Gorillas-Chef Hakan Sümer musste nach Informationen von manager magazin rund 300 Mitarbeiter und damit die Hälfte des globalen Teams entlassen, um wieder attraktiver für Investoren zu werden. Trotz dieser Sparmaßnahme ist die jüngste Finanzierungsrunde gescheitert: Gorillas, das einst in Rekordzeit eine Milliardenbewertung erreicht hatte, kämpft ums Überleben. Der türkische Gorillas-Konkurrent Getir, der bereits in neun Ländern mit rund 32.000 Mitarbeitern aktiv war, trennte sich nach Informationen von "Gründerszene" zuletzt von rund 4400 Mitarbeitern, das sind rund 14 Prozent der Mannschaft. Die Unternehmen in der von knallharter Konkurrenz geprägten Lieferbranche stehen nun vor der Aufgabe, die Kosten deutlich zu senken und möglichst rasch profitabel zu werden – anderenfalls gibt es kein Geld mehr.

Fintechs: Zurück in den Sparmodus

Fintechs definieren die Spielregeln in der Finanzbranche neu. Das mag noch immer gelten, doch sie werden es bis auf Weiteres mit weniger Mitarbeitern tun. Da Risikokapital knapp wird, entließ das New Yorker Fintech Better bereits Ende April 5000 Mitarbeiter und damit die Hälfte der Belegschaft. Beim Konkurrenten Bolt in San Francisco waren es 250 und damit jeder dritte Mitarbeiter, beim US-Insurtech Root Insurance rund 330 und damit rund jeder fünfte Beschäftigte. Auch die Berliner Neobank Nuri (ehemals Bitwala) hat angekündigt, rund 45 ihrer 200 Beschäftigten zu entlassen: Man müsse den Kapitalgebern jetzt zeigen, dass man sich auf der Zielgerade zur Rentabilität befinde, schrieb Nuri-Chefin Kristina Walcker-Mayer an die Belegschaft. Kündigungen treffen auch das Payment-Start-up Sumup, das wegen Problemen am Standort Brasilien seine Beschäftigtenzahl verringern muss.

Die jüngsten Zinserhöhungen der US-Notenbank Federal Reserve trafen auch diejenigen Fintechs hart, die sich auf den Bereich Real Estate Brokerage spezialisiert haben. Die US-Fintechts Compass und Redfin mussten im Juni jeweils rund 500 Mitarbeiter entlassen, da sich der heiß gelaufene US-Häusermarkt nach den jüngsten Zinsschritten der Fed spürbar abgekühlt hat.

Krypto-Unternehmen: Coinbase warnt vor Krypto-Winter

Auch in der einst gehypten Krypto-Branche gehen die Schwergewichte mit Kündigungen voran. Die US-Kryptobörse Coinbase strich im Juni rund 1100 Jobs und damit 18 Prozent der Stellen weltweit. Coinbase-CEO Brian Armstrong warnte von einer drohenden Rezession, die für eine Krypto-Winter mit neuen Kursstürzen bei Bitcoin, Ether und Co sorgen könnte. Der Kryptogeld-Verleiher Celsius, der durch seine drohende Insolvenz bereits für Schockwellen gesorgt hat, strich Anfang Juli 150 Jobs und damit jede vierte Stelle. Beim Celsius-Rivalen BlockFi musste jeder fünfte Mitarbeiter gehen, beim Wiener Kryptospezialisten Bitpanda waren es mit 270 entlassenen Mitarbeitern rund ein Viertel der Belegschaft. So lange die Risikofreude an den Aktienmärkten und bei Krypto-Assets nicht zurückkehrt, so lange müssen weitere Beschäftigte um ihre Jobs bangen.

Anstieg im Mai und Juni - und wohl auch im Juli

Die Kündigungswelle ist bei Start-ups und in der Techbranche derzeit am stärksten zu spüren. Sie macht aber auch vor anderen Unternehmen nicht halt. In der boomenden Mobility-Branche musste das US-Unternehmen Rad Power Bikes kürzlich rund 10 Prozent seiner Beschäftigten entlassen, das Londoner Unternehmen Cazoo mit 750 Beschäftigten sogar 15 Prozent. Der Scooter-Verleiher Bird aus Los Angeles, der auch in Deutschland in einem harten Verdrängungswettbewerb steckt, trennte sich jüngst von 20 Prozent der Beschäftigten weltweit.

Die Zinsen in den USA dürften im Juli erneut um mindestens 0,75 Prozent steigen. Die Fed will die Inflation in den USA um jeden Preis einfangen. Kapitalgeber dürften ihren neuen, zurückhaltenden Kurs beibehalten. Damit ist es auch wahrscheinlich, dass nach dem deutlichen Anstieg der Kündigungen im Mai und Juni der Juli ein neues Monatshoch bei den Entlassungen markiert. Die Welle steigt, sie bricht noch nicht.

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