Funkfeuer Fluglotsen blockieren Ausbau der Windkraft

Windräder an Land sollen Deutschland im Alleingang mit billigem, grünem Strom versorgen - doch nun stoßen die schönen Pläne auf neue Hindernisse. Bereits genehmigte Anlagen werden von der Flugsicherung gekippt, die um ihre Funknavigation fürchtet. Die Branche schäumt.
Drehfunkfeuer in Baden-Württemberg: Keine Windräder in 15 Kilometern Umkreis

Drehfunkfeuer in Baden-Württemberg: Keine Windräder in 15 Kilometern Umkreis

Foto: DFS

Hamburg - Klaus Klinckhamer ist außer sich. Von "Narrenfreiheit" schimpft der Unternehmer und Landwirt aus Ostholstein, "das ist doch unglaublich", zitieren ihn die "Lübecker Nachrichten". Was Klinckhamer, als langjähriger CDU-Landtagsabgeordneter eine Politgröße in der Gegend, so erregt: Die bereits erteilte Baugenehmigung für das Repowering seines Windparks Neurathjensdorf-Rossee wurde kürzlich zurückgezogen, ebenso wie für mehrere andere Anlagen im Kreis.

Die Deutsche Flugsicherung (DFS) hatte Einspruch eingelegt, weil die höheren Mühlen die Signale ihres Drehfunkfeuers im nahen Michaelsdorf stören könnten - nach eigenen Angaben schon vor der Genehmigung der neuen Windräder. Aber offenbar wurde die Brisanz der Stellungnahme in Kiel erst jetzt erkannt.

Hintergrund ist eine Richtlinie der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO), die für hohe Neubauten um solche Anlagen einen Mindestabstand von 15 Kilometern statt bisher drei Kilometern vorschreibt. "Das ist rechtlich bindend", erklärt Kerstin Weber, Sprecherin des Bundesaufsichtsamts für Flugsicherung. Die Vorschrift solle "die Sicherheit im Flugverkehr erhöhen". Übrigens gelte sie schon seit 2009.

Mit einem zweiten Drehfunkfeuer im Süden des Kreises decken die 15-Kilometer-Radien Ostholstein weitgehend ab - und damit sind die ambitionierten Ausbaupläne Schleswig-Holsteins hinfällig, das sich nach der bereits reichlich mit Windrädern versehenen Nordseeküste in aufwändiger Planung vor allem der Ostsee zugewandt hat, um noch mehr Wind zu Strom zu machen. Die Kieler Regierung will das Veto der Lotsen nicht hinnehmen. Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne) teilt mit, er habe "Kontakt zu den Flugsicherungsbehörden aufgenommen, um kurzfristig in einem Gespräch Kompromissmöglichkeiten auszuloten".

500 15-Kilometer-Kreise würden die Bundesrepublik abdecken

Ähnliche Fälle gibt es bundesweit, etwa im Allgäu, bei Stuttgart, besonders häufig rund um Deutschlands wichtigsten Flughafen in Frankfurt. Behördensprecherin Weber nennt eine dreistellige Zahl von Anlagen, von den besonders sensiblen 360-Grad-Funkfeuern stehen nach DFS-Angaben "knapp hundert" im Land - 43 "auf der Strecke" und weitere an jedem Flughafen. Rechnerisch würden 500 Anlagen mit 15 Kilometer Umkreis ausreichen, um die gesamte Fläche der Bundesrepublik zur Windradverbotszone zu machen.

Erst vor zwei Wochen hatte das Umweltbundesamt Furore mit einer Studie gemacht, der zufolge 13,8 Prozent Deutschlands für die Windkraft nutzbar seien - und damit diese erprobte Technik das ganze Land mit billigem, grünem Strom versorgen könne. Amtschef Jochen Flasbarth erklärte den teuren Ausbau der Windkraft auf See sogar für verzichtbar .

Alle "Ausschlussflächen" mit entsprechenden Abständen, die ihnen einfielen, hatten die Forscher bedacht: Bundesautobahnen, sonstige Straßen, Schienenverkehr, Seilbahnen, Flughäfen (mit fünf Kilometern Abstand), Flugplätze, Freileitungen, Siedlungsgebiete, ökologisch sensible Gebiete, Wald, Gewässer, Hangneigungen über 30 Grad. Aber keine Drehfunkfeuer.

Auch der Wetterdienst steht der Windkraft im Weg

Die Windkraftbranche ist alarmiert. "Das Problem mit diesen Anlagen, aber auch denen des Deutschen Wetterdienstes, ist größer geworden", gesteht Sylvia Pilarsky-Grosch, Präsidentin des Bundesverbands Windenergie, gegenüber manager magazin online. "Wenn die Betreiber damit durchkommen, sehen wir das durchaus als großen Rückschlag an."

Wenn. Denn natürlich wollen auch die Windmüller das Verbot nicht auf sich sitzen lassen. Der Verband lässt prüfen, ob Windräder tatsächlich in so großem Abstand zu Funkfeuern noch die Navigation von Flugzeugen behindern können. Das soll Stromerzeugern wie Klinckhamer helfen, gegen die Rücknahme der Baugenehmigungen zu klagen. Wenn die Bedenken der Flugsicherung bereits in der Planung der Behörden berücksichtigt wurden, seien sie eher gerichtsfest, räumt die Verbandspräsidentin ein. "Das heißt nicht, dass sie berechtigt sind."

"Mit der Bundeswehr sind wir zu vernünftigen Lösungen gekommen", sagt Pilarsky-Grosch. Warum sollten auf einmal Signalanlagen von Flugsicherung und Wetterdienst der Windkraft im Weg stehen, aufgrund von "Konflikten, die nicht nachgewiesen sind"?

Flugsicherung: "In Frankfurt sind Flugzeuge vom Kurs abgekommen"

"Bei uns in Frankfurt sind Flugzeuge vom Kurs abgekommen, weil Windräder ohne unsere Genehmigung aufgestellt wurden", beharrt DFS-Sprecher Axel Raab. Ein Absturz habe deshalb zwar nicht gedroht. Aber der Fluglärm habe Anwohner auch abseits der ausgewiesenen Flugrouten gestört. Ob die Windkraftanlagen die Funksignale ablenken, hänge auch von ihrer Höhe und Stellung je nach Windrichtung ab.

"Wir prüfen das immer im Einzelfall", erklärt Raab. Der 15-Kilometer-Radius bedeute "nicht zwangsläufig, dass da keine Windräder gebaut werden dürfen". Auch die Höhe der Anlage im Verhältnis zum Standort des Funkfeuers spiele eine Rolle - und die Anzahl der vorhandenen Bauten. Bis zu fünf Masten rund um eine solche Navigationsanlagen könnten durchgehen.

Kritik aus der Windkraftbranche, mit den Funkfeuern blockiere ausgerechnet eine veraltete Technik die Energie der Zukunft, lässt Raab nicht gelten. "Man kann heutzutage vieles mit Satellitennavigation machen, aber wenn die mal ausfällt, braucht man ein Backup." Nicht zu vergessen sei das Satellitensystem GPS ein Dienst des US-Militärs. "Wenn die das mal abschalten, sieht es schlecht aus." Im Übrigen sei mit den Vorschriften der ICAO nicht zu spaßen. "Die Funkfeuer müssen vorgehalten werden, also machen wir das."

Nach Kompromiss klingt das nicht. Dann wird wohl vor Holsteiner Gerichten bald der Testfall für den Erfolg der deutschen Energiewende verhandelt.

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