Weltweite Stromerzeugungs-Kapazität Windkraft überholt Atomenergie

Die Windenergie boomt in Deutschland - und global. In Kürze wird die weltweit installierte Leistung der Rotoren größer sein als die der globalen Atomkraftwerke. Die Folgen für Energieversorger sind erheblich.
Energie-Weltkarte: Die wichtigsten Windkraft- und Atomkraft-Länder

Energie-Weltkarte: Die wichtigsten Windkraft- und Atomkraft-Länder

Foto: manager magazin online

Hamburg - Nicht nur in Deutschland hat die Windkraft 2014 ein Rekordjahr erlebt - auch weltweit wurde ersten Schätzungen zufolge soviel Kapazität wie noch nie zugebaut. Auf etwa 44 Gigawatt summiert sich die Leistung aller neu installierten Rotoren, wie der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) mitteilte.

Zusammen mit den bereits bestehenden Windkraftanlagen erhöhte sich die Gesamtleistung zum Jahreswechsel auf 365 Gigawatt, schätzt der Global Wind Energy Council. Damit wird es laut VDMA nur noch wenige Wochen oder Monate dauern, bis die Windkraft weltweit die Atomkraft überholt hat. Derzeit sind laut der Internationalen Atomenergie-Behörde IAEA 439 Reaktoren mit einer Leistung von 377 Gigawatt in Betrieb.

Bei dem Vergleich ist allerdings zu beachten, dass Windkraftanlagen ihre Leistung nur dann voll abrufen können, wenn der Wind mit voller Kraft bläst. Dagegen laufen Kernkraftwerke praktisch immer auf Hochtouren, wenn sie nicht gerade in Revision oder wegen Sicherheitsbedenken abgeschaltet sind. Dadurch erzeugen Atomkraftwerke immer noch etwa drei- bis viermal so viel Strom wie Windräder.

Erhebliche Folgen für die Energiewirtschaft

Die Folgen des Paradigmenwechsels sind für die Energiewirtschaft dennoch erheblich. "Investitionen in konventionelle Kraftwerke lohnen sich schon bei relativ geringem Anteil von Wind und Solarenergie nicht mehr oder werden riskanter", sagt Energieexperte Matthias von Bechtolsheim von der Unternehmensberatung Arthur D. Little. "Das gilt besonders für Kernkraftwerke mit hohen Investitionssummen." Wenn die Politik keine langfristig stabilen Rahmenbedingungen schaffen könne, würden sich Energieversorger in manchen Märkten aus der konventionellen Erzeugung verabschieden.

Schon jetzt sind die weiteren Aussichten für die Atomkraft miserabel. Zwar sind 69 neue Anlagen im Bau, viele davon in China. Doch in Ländern wie den USA gehen zunehmend alte Reaktoren vom Netz, auch in Frankreich dürfte es bald so weit sein. In Japan sind immer noch sämtliche 50 Reaktoren abgeschaltet. Zudem verzögert sich die Fertigstellung neuer Anlagen vielerorts, die Kosten explodieren.

In Großbritannien sollen zwei neue Reaktoren mit einer Leistung von 3,2 Gigawatt entstehen - zum Preis von 24,5 Milliarden Pfund (33 Milliarden Euro). Für dieses Geld ließen sich Windkraftanlagen mit einer Leistung von etwa 33 Gigawatt bauen, die wesentlich mehr Strom erzeugen würden, allerdings abhängig vom Wetter.

Windstrom ist deutlich billiger als Atomstrom

Die reine Stromerzeugung mit Windkraftanlagen ist schon seit Längerem deutlich billiger als mit neuen Atomreaktoren. EDF, der Betreiber der neuen britischen Reaktoren, bekommt pro Kilowattstunde etwa 12 Cent garantiert - über 35 Jahre, zuzüglich Inflationsausgleich.

Windmüller in Deutschland erhalten pro Kilowattstunde 8,5 Cent. In den USA ist der Preis für Strom aus Windenergie mancherorts schon unter fünf US-Cent gefallen.

Für das laufende Jahr rechnet VDMA-Windkraftexperte Johannes Schiel daher auch mit weiterem weltweiten Wachstum bei der Windkraft. Es sollen an Land weitere 47 Gigawatt hinzu kommen und auf See drei Gigawatt. "Es ist eine erhebliche Dynamik im Markt."

Davon profitieren laut VDMA deutsche Hersteller stark. Anders als die krisengeplagten Solarfirmen wie SMA und Solarworld haben Windkraftherstelller wie Enercon, Siemens und Nordex ihre starke Stellung auf dem Weltmarkt bisher behauptet. In den wichtigen Märkten wie den USA und vor allem China sei der Zugang durch Handelshemmnisse und schwankende Förderungen stark erschwert.

China war auch 2014 wieder Windkraft-Weltmeister mit einem Zubau von gut 20 Gigawatt. In den USA und Deutschland kamen je etwa 4,5 Gigawatt hinzu. Den größten Windkraft-Anteil am Strommix hat indes Dänemark. Er schnellte 2014 auf knapp 40 Prozent empor (Deutschland: 8,4 Prozent).

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