Strompreise, Arbeitsplätze, Konzernstrategien Was Sie zum Mega-Deal von Eon und RWE wissen müssen

Strommast im Sonnenuntergang: Eon und RWE mischen die deutsche Energiebranche auf

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Die Nachricht schlug am Wochenende ein wie eine Bombe: Heimlich, still und leise verhandeln Manager der Energiekonzerne Eon  und RWE  offenbar seit Wochen über eine Großtransaktion, nach der der deutsche Energiemarkt um einiges anders aussehen wird.

In der Nacht zum Sonntag ließen beide Unternehmen die Katze aus dem Sack: Die erst vor zwei Jahren ausgegründete RWE-Tochter Innogy soll wieder von der Bildfläche verschwinden. Das Unternehmen soll in einem ersten Schritt von Eon geschluckt werden. Daraufhin wollen Eon und RWE verschiedene Geschäftsaktivitäten untereinander neu aufteilen, sodass am Ende Eon zu einem Spezialisten für Stromvertrieb und Netzbetrieb wird und RWE zu einem breit aufgestellten Stromerzeuger.

Eine Premiere bringt das Vorhaben zudem ebenfalls mit sich: RWE will sich im Zuge des Gesamtkonzeptes erstmals am einstigen Erz-Konkurrenten Eon beteiligen.

Der gesamte Deal betrifft drei Großunternehmen mit zehntausenden Mitarbeitern. Darüber hinaus dürften sich viele andere über die Pläne Gedanken machen, von den Aktionäre der Konzerne über die Stromkunden bis hin zu Gewerkschaften und Politik. Sie alle stehen seit diesem Wochenende vor einem Großvorhaben, das schwer zu durchblicken ist, und bei dem sich derzeit noch viele Fragen stellen. manager magazin online beantwortet die wichtigsten:

Wie ist die Ausgangslage?

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Die Energiewende hat die Versorger Eon und RWE - wie alle Energiekonzerne - in den vergangenen Jahren erheblich unter Druck gesetzt. Spätestens seit die Bundesregierung 2011 unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima das endgültige Aus für die Kernenergie in Deutschland beschlossen hat, stehen die Konzerne unter Zugzwang. Ohnehin wird das traditionelle Geschäft mit fossilen Energiequellen wie Kohle oder Gas zusehends von neuen Energien etwa aus Sonne, Wind oder Wasser verdrängt.

Die Schwierigkeiten, in die die Konzerne durch diese Entwicklung gerieten, lässt sich am Aktienkurs beider Unternehmen ablesen: Um etwa 80 Prozent ging es mit beiden Papieren in den vergangenen zehn Jahren abwärts.

Zu einem ersten Befreiungsschlag holten die Vorstände der beiden Versorger vor zwei Jahren aus: Mit Aufspaltungen wollten sie den neuen Gegebenheiten im Energiegeschäft Rechnung tragen. So gliederte Eon die konventionelle Energieerzeugung - abgesehen vom Atomstrom - zum großen Teil in die inzwischen börsennotierte Tochter Uniper aus, um selbst an den Energienetzen, den Dienstleistungen sowie neuen Energien festzuhalten. RWE hingegen beschloss, es genau andersherum zu machen: Der Vertrieb, die Stromnetze und die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien kamen in die Tochter Innogy, sodass RWE sich seither vor allem um die Stromerzeugung aus herkömmlichen Energiequellen wie Kohle und Gas kümmern kann.

Wie stehen die beteiligten Konzerne wirtschaftlich da?

Den schlimmsten Teil ihrer Krise haben RWE und Eon wohl überstanden. Der aktuelle Plan zum Generalumbau beider Konzerne zeigt jedoch, dass die Verantwortlichen mit dem Status quo offensichtlich noch längst nicht zufrieden sind. Oder wie es Oliver Krischer, Energieexperte der Grünen, formuliert: "Mit ihrem Deal gestehen RWE und Eon das Scheitern ihrer bisherigen Versuche zur Neuaufstellung für die Erneuerbare Energiewelt ein."

Vor allem RWEs 77-Prozent-Tochter Innogy bereitet Sorgen. Eine Gewinnwarnung hatte den seinerzeitigen Innogy- und vorherigen RWE-Chef Peter Terium im vergangenen Jahr bereits den Job gekostet. Am heutigen Montag legte Innogy zudem die Karten auf den Tisch: 2017 brach der Nettogewinn um fast 50 Prozent ein. Auch im laufenden Jahr erwartet das Management erneut einen leichten Gewinnrückgang. Die Zahlen lassen erahnen, wo die Motivation für die Umstrukturierung, der Innogy zum Opfer fallen wird, herkommt.

RWE wird am morgigen Dienstag genaueres zur Geschäftslage preisgeben, wenn der Konzern ebenfalls seine Ergebnisse für 2017 präsentieren wird. Zum Halbjahr hatte Konzernchef Rolf Martin Schmitz immerhin wieder einen Gewinn im Milliardenbereich für das Gesamtjahr vorhergesagt - nachdem RWE 2016 einen dicken Milliardenverlust verbuchen musste.

Ähnlich sieht es bei Eon aus. Das Unternehmen, dessen Geschäftszahlen für 2017 am Mittwoch dieser Woche auf der Tagesordnung stehen, steckte zwar in den vergangenen Jahren mehr noch als RWE tief in den roten Zahlen. Im ersten Halbjahr 2017 verbuchte Eon jedoch - allerdings wie auch bei RWE gepusht durch eine großzügige Steuererstattung - bereits wieder einen Gewinn von stattlichen vier Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr dürfte ebenfalls ein dicker Milliardengewinn zu erwarten sein.

Wie sieht der Plan genau aus?

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Noch ist nicht öffentlich bekannt, wie es genau zum großen Umstrukturierungsplan von Eon, RWE und Innogy kam. Die suboptimale Entwicklung bei Innogy dürfte aus Sicht der Muttergesellschaft RWE allerdings eine wichtige Rolle gespielt haben. Gleich mehrere Konzerne aus ganz Europa waren an einer Innogy-Übernahme interessiert, berichtet das "Handelsblatt". Doch RWE entschied sich für den Weg gemeinsam mit Eon.

Und der sieht im Einzelnen so aus: Im ersten Schritt will Eon die gesamten knapp 77 Prozent an Innogy von RWE kaufen. Danach wird das gerade mal zwei Jahre alte Ökostromunternehmen zerschlagen. RWE wird von Innogy das Geschäft mit erneuerbarer Energie bekommen sowie das Gasspeichergeschäft und den Anteil am österreichischen Energieversorger Kelag. Von Eon erhält RWE ebenfalls Aktivitäten im Bereich neue Energien sowie die Minderheitsbeteiligungen an den von RWE betriebenen Kernkraftwerken Emsland und Gundremmingen.

Eon will sich künftig vor allem auf Energienetze und Vertrieb konzentrieren.

Der Grundsatzeinigung zufolge, die beide Versorger erzielt haben, ist zudem geplant, dass RWE einen Anteil von knapp 17 Prozent an Eon erhält. Unterm Strich zahlt RWE im Rahmen der Gesamttransaktion noch einen Ausgleich in Höhe von 1,5 Milliarden Euro an Eon.

Warum soll es für Eon und RWE künftig besser werden?

Weder RWE-Chef Rolf Martin Schmitz noch Eon-Chef Johannes Teyssen sind offenbar zufrieden mit dem, was sie durch ihre jeweiligen Konzernspaltungen vor zwei Jahren erreicht haben. Also drücken sie Reset und versuchen einen anderen Plan.

Auch diesmal werden verschiedene Teile des Energiegeschäfts getrennt und neu zusammengesetzt. Doch die Grenze verläuft an anderer Stelle: Ging es zuvor in erster Linie darum, das traditionelle Energiegeschäft mit Atom, Kohle und Gas vom zukunftsträchtigen Bereich rund um die neuen Energien zu trennen, so steht jetzt die Energieerzeugung auf der einen Seite - nämlich bei RWE - der Energieverteilung über Netze und Vertrieb auf der anderen - nämlich bei Eon - gegenüber.

Strategisch hat dieser Ansatz Vorteile: Sowohl Eon als auch RWE haben künftig jeweils ein klares Profil. Zudem machen sich beide gegenseitig kaum noch Konkurrenz.

Insbesondere Eon könnte als Gewinner aus dem Deal hervorgehen, weil der Netzbetrieb als besonders lukratives Geschäft gilt. Auf der anderen Seite hat das Unternehmen allerdings die unangenehme Aufgabe, tausende Innogy-Mitarbeiter integrieren zu müssen, die von der Übernahme kalt erwischt wurden und sich nun binnen zwei Jahren erneut auf eine neue Situation einstellen müssen.

Das gilt allerdings zum Teil auch für RWE, schließlich übernimmt der Konzern ebenfalls Teile von Innogy. Erst vor zwei Jahren hatte sich RWE explizit von den Neuen Energien abgewandt - nun vollzieht der Konzern diesbezüglich eine 180-Grad-Wende. Eine konsequente Linie sieht wohl anders aus.

Allerdings deckt das Unternehmen künftig die Stromerzeugung aus nahezu allen erdenklichen Quellen ab - und wird auf einen Schlag zu einer enormen Macht in der Stromproduktion innerhalb Europas.

Wer sind die Gewinner, wer sind die Verlierer?

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Als Gewinner des Deals dürften sich Eon und RWE wähnen, denn sie haben das Vorhaben ausgeheckt und erhoffen sich dadurch Vorteile. Das sieht offenbar auch die Börse so, wo die Aktien beider Unternehmen am Montag einen ordentlichen Sprung nach oben gemacht haben.

Ob beide Konzerne tatsächlich vom großen Umbau profitieren, ist allerdings längst noch nicht ausgemacht. Das wird sich letztendlich wohl frühestens in einigen Jahren zeigen.

Fest steht dagegen wohl, wer der große Verlierer bei dem Mega-Deal ist: die RWE-Tochter-Innogy sowie deren mehr als 40.000 Mitarbeiter. Das Unternehmen startete vor zwei Jahren mit modernen, aussichtsreichen Geschäftsfeldern in eine hoffnungsvolle Zukunft - und steht nun bereits wieder vor dem Aus. Kein Wunder, dass sich Innogy-Chef Uwe Tigges auf der Bilanzpressekonferenz am Montag bedeckt hielt, als er auf das Thema angesprochen wurde. "Wir werden uns zu einem späteren Zeitpunkt in angemessener Weise äußern", lautete Tigges' knapper Kommentar.

Die Sorge unter den Innogy-Mitarbeitern wegen eines möglichen Jobabbaus etwa in Vertrieb und Verwaltung dürfte groß sein. In einem internen Schreiben von Tigges versuchte der Innogy-Chef, die Mitarbeiter zu beruhigen. "Vorstand und Aufsichtsrat werden die vorgeschlagene Transaktion sorgfältig prüfen", schrieb der Manager. "Wir versichern Ihnen, dass die Interessen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Unternehmens ebenso wie die unserer Aktionäre weiterhin an vorderster Stelle von uns verfolgt werden."

"Die Zeiten werden unruhig", hieß es zudem im Lager der Arbeitnehmer. Eon sei aber immerhin berechenbarer als ein Versorger aus Südeuropa, der ja ebenfalls als möglicher Innogy-Käufer in Frage gekommen wäre.

Vor allem in dem künftig bei Eon gebündelten Vertriebsgeschäft könnten durch die Zusammenlegung mit Innogy Jobs auf der Strecke bleiben, sagte ein Branchenkenner. Experten zufolge könnten durch den Deal rund 500 Millionen Euro eingespart werden, insbesondere durch den Abbau von Arbeitsplätzen.

Was bedeutet der Deal für die Stromkunden?

Welche Auswirkungen die geplante Transaktion von Eon und RWE auf den Strommarkt und die Strompreise haben wird, ist derzeit noch kaum absehbar. Verbraucherschützer hoffen jedenfalls auf sinkende Strompreise in Deutschland.

Jeder Wettbewerber, der vom Strommarkt verschwinde, sei zwar für den Verbraucher "eine traurige Nachricht", sagte Klaus Müller, Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV), dem "Handelsblatt". "Innogy ist aber ein eher teurer Grundversorger, darum ist zu hoffen, dass Eon die Strompreise senken wird."

Es gibt aber auch kritische Töne. "Der deutsche Strommarkt leidet ja immer noch unter zu wenig Wettbewerb, und die niedrigen Börsenpreise kommen bei den Verbrauchern nach wie vor nicht an", sagte die verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Tabea Rößner. "Insofern ist es keine gute Nachricht, wenn Wettbewerber verschwinden."

Was muss noch passieren, bis der Deal in trockenen Tüchern ist?

Bindende Verträge wurden noch nicht abgeschlossen. Vor Abschluss einer entsprechenden Vereinbarung bedürfe es noch der Zustimmung der Gremien von Eon und RWE, teilten die Unternehmen mit. Die Aufsichtsräte haben sich Berichten zufolge bereits am Sonntag mit dem Vorhaben befasst und sollen womöglich bereits am heutigen Montag entscheiden. Zudem steht die Durchführung der gesamten Transaktion unter dem Vorbehalt der kartellrechtlichen Zustimmung.

Zudem können die Innogy-Aktionäre, die die verbleibenden 23 Prozent der Anteile besitzen, mitspielen. Ihnen unterbreitet Eon ein freiwilliges Übernahmeangebot. Dabei sollen die Anteilseigner nach aktuellem Stand 40 Euro je Aktie in bar erhalten. Dieser Wert setzt sich aus einem Angebotspreis von 36,76 Euro je Aktie sowie den Zahlungen aus den unterstellten Dividenden der Innogy von 3,24 pro Aktie für die Geschäftsjahre 2017 und 2018 zusammen.

mit Material von Nachrichtenagenturen
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