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Vattenfall in Deutschland: Debakel in sieben Akten

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Energienetze Vattenfalls letzte Schlacht

Atomausstieg, Solarboom, Strompreisverfall: Der schwedische Versorger Vattenfall holt sich in Deutschland eine blutige Nase nach der anderen. Nun wollen Bürgerinitiativen dem Unternehmen auch noch die Netze wegnehmen. Wann ordnet Stockholm den Rückzug an?

Für Pieter Wasmuth ist es ein Heimspiel, und das genießt er. Milde lächelnd sitzt der Vattenfall-Generalbevollmächtigte auf dem Podium im alten Hamburger Unilever-Bürohochhaus. Geladen hat der Wirtschaftsrat der CDU, mit den wichtigsten Leuten hier ist er per du. Wasmuth ist trotz seiner 47 Jahre schon ein hanseatisches Manager-Urgestein, gedient hat er unter anderem bei Shell und dem Windrad-Hersteller Repower.

Nun weiß er die Granden der Unternehmenswelt hinter sich, wenn er für den Verbleib von Stromnetzen und Fernwärme bei seinem Unternehmen wirbt. "Die Stadt wäre mit dem Betrieb überfordert", erklärt der Zwei-Meter-Mann mit dunklem Haar und kantigem Kinn ruhig. Immer wieder brandet Beifall auf, die Mehrzahl der übrigen Diskutanten nickt. Nur der Vertreter des Bundes für Naturschutz und Umwelt (BUND) kämpft wacker dafür, dass die Bürger beim Volksentscheid am 22. September mit "ja" stimmen.

So lässig Wasmuth hier auch auftritt - für Vattenfall steht in Deutschland mal wieder viel auf dem Spiel. Auch in Berlin stellen die Wähler im Herbst die Weichen für die Frage, ob das Unternehmen weiter sichere Gewinne aus dem Geschäft mit Kabeln und Umspannwerken einstreichen kann - oder sich das Unternehmen erneut eine blutige Nase holt.

Vom Heilsbringer zum Hassobjekt

So geht es seit Jahren - nachdem die Schweden hierzulande anfangs als Heilsbringer für mehr Umweltschutz und Wettbewerb gefeiert wurden, lief es bald darauf katastrophal:

• Der von Rot-Grün und Schwarz-Gelb beschlossene Atomausstieg bringt den Konzern um jährliche Gewinne in dreistelliger Millionenhöhe: Fast die gesamte Kernkraft-Erzeugungskapazität von Vattenfall ist außer Betrieb. Dazu frisst die Brennelementesteuer die Gewinne der verbliebenen 20-Prozent-Beteiligung am Atomkraftwerk Brokdorf auf

• Der Solarboom - ausgelöst durch Subventionen und billige Module - hat die Strompreise an der Börse auf Talfahrt geschickt. Deutschland-Statthalter Tuomo Hatakka zürnt über den kaum gebremsten Ausbau der Fotovoltaik: "Wir haben ein Monster auf die Beine gebracht"

• Das neue Steinkohlekraftwerk Hamburg-Moorburg droht wegen des Preisverfalls als Milliardengrab zu enden. Den Bau hatte einst die Landesregierung vehement eingefordert

• Die für Vattenfall wichtige, aber klimaschädliche Stromerzeugung aus Braunkohle gerät verstärkt unter Beschuss von Umweltschützern und Politikern. Gleichzeitig konnte der Konzern die Öffentlichkeit nicht davon überzeugen, das bei der Verbrennung massiv anfallende Treibhausgas Kohlendioxid unter der Erde zu lagern.

Netze als rettender Anker

Längst macht sich die Misere in den Geschäftszahlen bemerkbar. Quartal für Quartal schreibt Vattenfall auf seine deutschen Kraftwerke hohe Beträge ab, die sich mittlerweile auf 2,3 Milliarden Euro addieren. Operativ rutschte der Konzern in Deutschland zuletzt in die roten Zahlen.

Abgesehen vom Vertriebsgeschäft bereiten den Skandinaviern fast nur noch die monopolähnliche Fernwärme und das staatlich regulierte Geschäft mit den Netzen Freude. In guten Jahren sind dreistellige Millionengewinne in diesen Bereichen locker drin. "Die Netze sind uns sehr wichtig", sagt ein Vattenfall-Sprecher.

Im Fall der Stromnetze legt die Bundesnetzagentur die Kapitalverzinsung fest. "Trotz mancher Schwankungen ist der Netzbetrieb eine sichere Bank, die das übrige Geschäft stützt", sagt Energiewirtschaftsexperte Thorsten Pape von der Unternehmensberatung PA Consulting mit Blick auf alle großen Versorger.

Verteilnetz bringt mehr Geld als Stromerzeugung

Konzerne, die effizient wirtschaften, können im Netzgeschäft Kapitalrenditen um die 5 Prozent erzielen. Nicht wirklich viel - aber eben verlässlich. "Im Netzgeschäft ist die Verzinsung derzeit höher als bei der Erzeugung", sagt Pape. "Das hat es nicht oft gegeben."

Eon erwirtschaftet mit dem deutschen Verteilnetz inzwischen einen höheren operativen Gewinn als mit der konventionellen Stromerzeugung in ganz Europa. "Das regulierte Geschäft, vor allem das Verteilnetzgeschäft in Deutschland, Schweden und Tschechien, hat sich auch im ersten Halbjahr als stabile Säule unseres Ergebnisses behauptet", strich Eon-Chef Johannes Teyssen heraus, als er jüngst den Zwischenbericht präsentierte.

"Jedes profitables Geschäft, das eine Gegenposition zur defizitären Stromerzeugung darstellt, ist derzeit ein herbeigesehntes Geschäft", sagt Analyst Erkan Ayciycek von der Landesbank Baden-Württemberg. So stärken die Netze auch die Position gegenüber den zuletzt immer lauter mäkelnden Ratingagenturen.

"Lange werden die es hier nicht mehr aushalten"

Umso bedeutender werden die Netze für die Versorger - und umso mehr geht es für Vattenfall in der aktuellen Debatte. Hinzu kommt, dass der Besitz an ihnen offenbar auch beim Stromabsatz hilft. Um die 40 Prozent aller Stromkunden glauben laut Umfragen, dass es am sichersten ist, wenn sie den Strom von dem Konzern beziehen, der auch die Netze besitzt.

Gut möglich also, dass Stockholm in Deutschland den Stecker zieht, wenn auch eine der letzten von Vattenfalls Ertragsperlen vor die Hunde geht - angesichts immer neuer Rückschläge ist Vattenfalls Kampf um die Netze womöglich die letzte Schlacht der Schweden in Deutschland.

"Vattenfall bleibt auf absehbare Zeit Eigentümer seiner kontinentaleuropäischen Aktivitäten", sagte Vattenfall-Deutschlandchef Hatakka zuletzt. Auf absehbare Zeit - dieses lauwarme Bekenntnis interpretierten viele Beobachter als Anfang vom Ende des Kontinentaleuropa-Experiments der Skandinavier.

Emotionale Bindung

"Lange werden die es hier wohl nicht mehr aushalten", sagt ein Brancheninsider. Sobald ein Interessent genügend Geld auf den Tisch lege, könnten die Schweden zügig den Rückzug antreten.

Gerade erst hat der Konzern die Weichen dafür gestellt - ab kommendem Jahr firmieren die skandinavischen getrennt von den kontinentaleuropäischen Aktivitäten. Zudem gibt es harte Sparprogramme, die die deutsche Tochter hübscher machen sollen. Leicht dürfte es aber nicht werden, einen Käufer zu finden. Das gilt erst recht, wenn Vattenfall nicht mehr die Netze besitzt.

Vattenfall-Manager Pieter Wasmuth ist von all dem Ärger nicht viel anzumerken beim Hamburger Wirtschaftsrat der CDU. Beflügelt vom lockeren Punktsieg auf dem Podium, stellt er sich vor der Bühne den Fragen einer blonden und ebenfalls ziemlich großen Gymnasiastin.

"Warum wollen Sie die Netze denn nun behalten, wenn sie der Stadt doch angeblich nichts bringen?", hakt sie nach; um eine klare Antwort hatte Wasmuth sich zuvor gedrückt. "Wir haben eine sehr emotionale Bindung zu Hamburg", sagt er nun. Eine Bindung, die jedoch schon bald ein abruptes Ende finden könnte.

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