Zum Klimagipfel in Glasgow Warum Kohle gerade ein Comeback erlebt

Kohleausstieg? Der Markt sendet ganz andere Signale. Der besonders klimaschädliche Brennstoff ist aktuell weltweit besonders gefragt.
Zurück in die Zukunft: Passantinnen vor Bergbaumuseum im nordwestenglischen Whitehaven, wo ein neues Kohlebergwerk geplant wird

Zurück in die Zukunft: Passantinnen vor Bergbaumuseum im nordwestenglischen Whitehaven, wo ein neues Kohlebergwerk geplant wird

Foto: Jon Super / AP

Nur zweieinhalb Autostunden südlich von Glasgow, wo an diesem Sonntag der nächste Weltklimagipfel beginnt, wird an einer Zeitenwende gearbeitet – aber ganz anders, als die Reden der versammelten Staatenlenker es verheißen werden: Kohleeinstieg statt Kohleausstieg. Im nordwestenglischen Whitehaven plant die Firma West Cumbria Mining ein neues Bergwerk, das Steinkohle unter der Irischen See fördern soll. Es wäre die erste neue Mine seit mehreren Jahrzehnten. Die lokalen Behörden haben das Vorhaben bereits im Frühjahr genehmigt. Die Londoner Regierung verlangte weitere Gutachten. Entschieden wird wohl erst zum Jahresende, wenn der Gipfel von Glasgow vorbei ist.

Das Projekt sei im Einklang mit den Klimazielen, beharrt West Cumbria Mining. Es werde das erste "Net-Zero"-Bergwerk: CO-Emissionen würden radikal vermindert, und der Rest mit Ausgleichszahlungen kompensiert. Zudem gehe es nicht um leicht ersetzbare Kraftwerkskohle, sondern Kokskohle für Stahlwerke, die wohl noch jahrzehntelang gebraucht wird, wenn es nicht einen unerwartet plötzlichen Sprung in der Technik für grünen Stahl gibt.

Und doch passen die Pläne von Whitehaven zu einem Trend, der eindeutig im Widerspruch zum Anliegen des Klimaschutzes steht: Weltweit wird in rasantem Tempo mehr Kohle verbrannt und entsprechend mehr klimaschädliches CO freigesetzt. Der fossile Brennstoff ist so gefragt, dass der Preis bis Mitte Oktober auf ein Rekordhoch stieg. Erst ein radikaler Markteingriff der chinesischen Planbehörde NDRC stoppte die Rallye: Am Donnerstag teilte das Amt mit, man habe mit Chinas Bergbaufirmen und Kraftwerksbetreibern eine "vernünftige Spanne" der zulässigen Kohlepreise ermittelt. Über die genaue Höhe des Preisdeckels, der wohlgemerkt nur die heimischen Staatsbetriebe bindet, wird noch spekuliert.

Klar ist allerdings schon: Der Preisdeckel feuert das Comeback der Kohle eher noch an. Die Angst in Peking ist groß, dass weitere Stromausfälle die Industrie lahmlegen und die Wirtschaft zurück in die Rezession werfen, oder dass die Bürger im Winter aus Kohlemangel frieren müssen. Zeitgleich mit dem Preisstopp mussten die Kohleförderer geloben, mit voller Kraft zu arbeiten.

Die Führung Chinas nimmt dabei auch in Kauf, dass sie sich von ihren selbst gesetzten Klimazielen entfernt. Für einen Investitionsstopp in neue Kohleprojekte im Ausland wurde sie jüngst gefeiert. Im Inland ist sie noch längst nicht so weit. Wegen der gedrosselten Investitionen der vergangenen Jahre bleibt die heutige Kapazität hinter der rasch wachsenden Kohlenachfrage zurück. Zum Teil wurde das Angebot auch mit Absicht begrenzt: um den Smog zu bekämpfen, für weniger Arbeitsunfälle im Bergbau, oder auch aus geopolitischen Gründen, um die langjährige Importabhängigkeit von Australien zu kappen. Das alles ist jetzt angesichts der akuten Energiekrise nicht mehr so wichtig.

Kohlestrom in Deutschland mit 41 Prozent Plus

China ist der Kohleverbraucher Nummer eins, aber bei Weitem nicht allein. Für die USA erwartet die Energiebehörde EIA, dass die Stromerzeugung aus Kohle in diesem Jahr um 22 Prozent wächst. Der Aktienkurs des größten Kohlekonzerns Peabody hat sich in diesem Jahr verfünffacht – noch immer weit hinter früheren Höhen, aber ein erstaunliches Comeback für ein mehrfach totgesagtes Unternehmen und ein netter Windfall Profit für den Großinvestor Elliott Capital.

In Deutschland lieferten Stein- und Braunkohle nach Daten des ISE-Fraunhofer-Instituts im dritten Quartal 35,1 Terawattstunden Elektrizität, verglichen mit 29,3 Terawattstunden im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Im September beschleunigte sich das Plus noch auf 41 Prozent.

Wenn die Stromproduktion aus Erneuerbaren und Kernkraft den Bedarf nicht deckt, stehen im Wesentlichen die beiden fossilen Brennstoffe Erdgas und Kohle miteinander in Konkurrenz. Der Wechsel von Kohle- zu Gaskraftwerken in den vergangenen Jahren hat einen wesentlichen Teil zum Rückgang der CO2-Emissionen beigetragen, weil Erdgas beim Verbrennen erheblich weniger von dem klimaschädlichen Gas freisetzt. Doch jetzt läuft dieser Wechsel wieder rückwärts, getrieben vor allem von dem Erdgaspreis, der sich noch um ein Vielfaches schneller verteuert als der für Kohle.

Auch der CO-Preis im europäischen Emissionshandel steigt in Rekordhöhen, was Kohle verteuert, aber längst nicht unattraktiv macht. Dieser Preis soll eigentlich einen Marktanreiz für Klimaschutz bieten. Wenn der Ausstoß von COteurer wird, lohnt sich der Wechsel in klimafreundlichere Alternativen, so die Idee. Das spielt auch in den Koalitionsgesprächen der Ampelparteien eine Rolle: Die FDP will im Klimaschutz voll auf diesen Mechanismus vertrauen, indem das EU-System auf alle Branchen ausgeweitet wird. Auch die Grünen möchten mehr über den Preis steuern.

Doch aktuell funktioniert der Markt kaum in diesem Sinn. Der CO-Preis ist nur einer von vielen Preisfaktoren, und spielt laut Analysten der Bank of America trotz seiner Höhe keine entscheidende Rolle. Sie sehen den Gaspreis als Treiber, der "den Hebel des Wechsels von Gas zu Kohle ausgelöst" habe: Gas gewinnt den Preiswettbewerb um jede zusätzliche Kilowattstunde Strom, in Deutschland etwa seit Mitte Juli. Der Emissionshandel biete nur ein Ventil, um diesen Vorteil zu dämpfen. Doch um den Vorstoß der Kohle wieder zurückzudrängen, müsste sich Erdgas schon um die Hälfte verbilligen. Daran dürfte hängen, ob das Kohle-Comeback nach diesem Winter wieder endet oder ein längeres und größeres Klimaproblem erzeugt. Im Extremfall könnte die Marktsituation noch größere, länger wirksame Investitionen in neue Kohleprojekte auslösen, so wie die im Nordwesten Englands.

ak/Reuters
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