Ukraine-Krise Deutschland hamstert so viel Gas wie noch nie

Die kalte Jahreszeit naht, und damit wächst die Furcht vor Gas-Lieferengpässen wegen der Ukraine-Krise. Auch deshalb haben die deutschen Gasspeicher-Betreiber ihre Anlagen so voll gepumpt wie noch nie. Brüssel und Berlin bereiten sich ebenfalls auf den Ernstfall vor.
Gasspeicher von RWE in Tschechien: Die Sorgen vor einem Engpass wachsen

Gasspeicher von RWE in Tschechien: Die Sorgen vor einem Engpass wachsen

Foto: DPA

Hamburg - Lange schien es, als ginge die Krise in der Ukraine fast spurlos am europäischen Gasmarkt vorbei. Seit Jahresbeginn kannten die Preise praktisch nur eine Richtung: nach unten. Zeitweilig war der Brennstoff in Europa gar nicht mehr viel teurer als in den USA, wo die Fracking-Technologie für ein riesiges Angebot sorgt.

Doch kaum steht der Winter vor der Tür, bekommen die Nachrichten aus der Ostukraine einen bedrohlicheren Klang. "Der Markt ist sehr nervös", erklärt der Branchendienst Energie & Management den jüngsten Preisanstieg auf etwa 21 Euro pro Megawattstunde.

Noch immer haben sich Kiew und Moskau nicht auf einen Preis für russisches Gas geeinigt. Unter einem Lieferstopp des Kreml würde potenziell auch die EU leiden.

Brüssel und Berlin feilen an Notfallplänen

In Brüssel und Berlin feilen die Bürokratien daher an Notfallplänen, doch auch die Betreiber von Gasspeichern haben das ihre getan: Fast überall in Europa sind die Kavernen gut gefüllt, wie die Übersicht des Branchenzusammenschlusses Gas Infrastructure Europe (GIE) zeigt .

Besonders gut gerüstet ist demzufolge Deutschland: In den Speichern lagerten am 1. September den GIE-Angaben zufolge 19,6 Milliarden Kubikmeter - ein Rekord. Zum Vergleich: Der deutsche Jahresverbrauch liegt etwa bei 90 Milliarden Kubikmetern und ist tendenziell rückläufig.

"In den deutschen Erdgas-Speichern ist mehr Erdgas gespeichert als jemals zuvor zu dieser Jahreszeit", sagt der Sprecher des Vorstands der Brancheninitiative Zukunft Erdgas, Timm Kehler. "Die deutsche Erdgaswirtschaft geht gut aufgestellt in den Winter und wird zuverlässig liefern."

Das hohe Sicherheitspolster verdankt der Markt einerseits dem Wetter. "Die Speicher wurden wegen des milden Winters nur wenig beansprucht", sagt der Hamburger Energiemarkt-Experte Steffen Bukold gegenüber manager magazin online. "Trotzdem haben die Gasexporteure ihr Angebot nicht eingeschränkt, so dass wir jetzt eine gewisse Überversorgung haben."

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Grafiken: So verändert sich der Energieverbrauch in Deutschland

Das Gas aus den Speichern würde nur einige Wochen reichen

Das haben die Speicherbetreiber offenbar ausgenutzt - auch mit Blick auf die Lage in Osteuropa und daraus resultierende Gewinne. "Angesichts der Krise haben manche Firmen ihre Speicher womöglich schneller gefüllt", sagt Gasmarkt-Experte Heiko Lohmann vom Branchendienst Energate.

Das Gas aus den Speichern allein würde jedoch nur einige Wochen, bestenfalls wenige Monate ausreichen, um Betriebe, Kraftwerke und Privathaushalte zu versorgen. Deshalb kommt es auch weiterhin auf einen steten Nachschub durch die Pipelines an.

Da Deutschland sein Gas jedoch nur zu gut einem Drittel aus Russland bezieht, wäre ein Lieferstopp über etwa fünf Monate vollständig kompensierbar. Das ist das Ergebnis einer Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI), über die SPIEGEL ONLINE berichtet . Die wichtigsten anderen Herkunftsländer sind Norwegen und die Niederlande. Knapp 10 Prozent seines Gasbedarfs produziert Deutschland selbst.

Osteuropäische Länder bereiten Sorgen

Brüssel und Berlin arbeiten derweil an Notfallplänen, um eine extreme Versorgungskrise abzuwenden. Die EU-Kommission hat vor allem die Versorgung osteuropäischer Länder im Blick, darunter nicht zuletzt die Ukraine selbst. Sie sind teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig, wie etwa die baltischen Staaten. Auch in Polen und Bulgarien würde es in den Wohnungen ohne Putins Lieferungen irgendwann kalt.

RWE  hat deshalb bereits damit begonnen, Gas in West-Ost-Richtung gen Ukraine zu pumpen. Der Essener Versorger will dieses Engagement ausbauen, scheitert offenbar jedoch an technischen Hürden und - so heißt es laut Frankfurter Allgemeinen Zeitung in der Branche - widerwilligen Mitarbeitern des russischen Gazprom-Konzerns , die in Osteuropa teilweise an entscheidenden Schaltstellen sitzen.

Am Dienstag immerhin eröffneten der slowakische Regierungschef Robert Fico und sein ukrainischer Amtskollege Arseni Jazenjuk eine Pipeline, die den Transport von zehn Milliarden Kubikmeter Gas ermöglicht. Jazenjuk sagte, die Ukraine spare damit 40 Prozent des Gases, das sie vorher bei Gazprom eingekauft habe.

Die Bundesregierung versucht derweil vor allem, die Gasverteilung innerhalb Deutschlands für Krisenzeiten zu sichern. Derzeit überarbeitet das Wirtschaftsministerium mit Verbänden aus der Energiewirtschaft den so genannten Notfallplan Gas.

Dieser legt beispielsweise fest, dass Privathaushalte bevorzugt beliefert werden, damit niemand frieren muss, wenn weniger Gas kommt. Doch auch die Stromproduktion rückt in den Mittelpunkt, seit es 2012 Probleme mit einigen Gaskraftwerken gegeben hat.

Damals konnten die Gasnetzbetreiber während einer Kältewelle nicht schnell genug Brennstoff aus norddeutschen Speichern nach Süddeutschland transportieren. Um einen Blackout zu verhindern, musste Deutschland auf Kraftwerke im benachbarten Ausland zurückgreifen. Neue Regelungen sollen dieses Szenario für diesen Winter verhindern - selbst für den Fall, dass Putin tatsächlich weniger Gas liefert.

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