Expertenberechnungen Zeit neuer Strompreis-Schocks in Deutschland vorbei

Energiewende-Wende in Deutschland: Lange sind die Strompreise schnell gestiegen, nun kehrt sich die Entwicklung um: Im kommenden Jahr könnte Elektrizität erstmals seit der Jahrtausendwende merklich billiger werden. Dafür ist nicht nur die voraussichtlich sinkende EEG-Umlage verantwortlich.
Endlich Entlastung für Stromkunden? Der Preis könnte im kommenden Jahr deutlich sinken

Endlich Entlastung für Stromkunden? Der Preis könnte im kommenden Jahr deutlich sinken

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Hamburg - Deutsche Stromkunden hatten in den vergangenen Jahren wenig Grund zur Freude. Seit 2010 ist der Preis für Elektrizität laut dem Statistischen Bundesamt um 26 Prozent gestiegen, seit der Jahrtausendwende hat er sich in etwa verdoppelt. Die Gründe sind vielfältig, besonders deutlich haben den Preis aber staatliche Abgaben getrieben - darunter die Ökostrom-Umlage.

Doch obwohl der Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen munter weitergeht, ist diese Entwicklung offenbar gestoppt. Eine wachsende Zahl von Experten rechnet für 2015 mit sinkenden Preisen. Damit erhielte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) etwas mehr Luft bei seiner in mehreren Schritten geplanten Reform der Energiewende.

Dies zum einen, weil die EEG-Umlage im kommenden Jahr erstmals leicht sinken könnte . Zuletzt war diese Abgabe mit 6,24 Cent so hoch angesetzt, dass sich auf dem EEG-Konto ein Überschuss in Milliardenhöhe angehäuft hat: Die Verbraucher haben mehr für Ökostrom berappt, als an Windmüller sowie Biogas- und Solaranlagenbetreiber auszuzahlen war.

Sinkende Strompreise an der Börse schlagen mit Verzögerung durch

Dieser Effekt könnte Stromkunden im kommenden Jahr um etwa 0,2 Cent pro Kilowattstunde entlasten. Diese Größenordnung hat beispielsweise der Berliner Think Tank Agora Energiewende errechnet. Das ist für sich genommen nicht besonders üppig - eine Durchschnittsfamilie mit einem Verbrauch von 5000 Kilowattstunden würde damit etwa zehn Euro im Jahr sparen.

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Zusätzlich profitieren Privathaushalte und Betriebe aber endlich verstärkt von sinkenden Strompreisen an der Börse. "Wir sehen ein sehr niedriges Preisniveau am Großmarkt, das mindestens stabil bleiben und möglicherweise weiter sinken wird", sagt Stromexperte Tobias Kurth vom Analysehaus Energy Brainpool.

Diese Entwicklung - befeuert von einem Überangebot an Elektrizität durch den Ausbau erneuerbarer Energien - hatte schon Anfang 2014 die steigende EEG-Umlage zum Großteil kompensiert und könnte nun mit Verzögerung erstmals voll durchschlagen.

"Da sich Stromvertriebe etwa drei Jahre im Voraus mit Terminkontrakten versorgen, wird sich dieser Preisverfall im kommenden Jahr erstmals und 2016 stärker in den Bezugskosten niederschlagen", schreibt das Berliner Öko-Institut in einer Stellungnahme gegenüber manager magazin Online. Die Forschungseinrichtung beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Energiewende und den Auswirkungen auf den Strompreis.

Solar- und Windenergie werden stetig billiger

Laut Öko-Institut liegen die Strombeschaffungspreise für die Versorger im kommenden Jahr um etwa 13 Prozent niedriger als 2014. Unterm Strich könne Strom im kommenden Jahr daher um knapp einen Cent pro Kilowattstunde billiger werden - das entspricht einem Preisrückgang von etwa 3 Prozent oder etwa 50 Euro für eine Familie.

Damit würde der diesjährige Preisanstieg mehr als wettgemacht. Momentan ist Strom etwa 1,7 Prozent teurer als vor einem Jahr, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat.

Auch aus Sicht des Berliner Think Tanks Agora Energiewende könnte Strom billiger werden. "Wir sehen durchaus Spielraum für Preissenkungen", sagte Direktor Patrick Graichen gegenüber manager magazin online. "Allerdings kann es je nach Region auch Faktoren geben, die in die andere Richtung weisen, beispielsweise die Netzentgelte."

Das Strompreisniveau ist im internationalen Vergleich dennoch weiter hoch. In Europa zahlen lediglich die Dänen und Bewohner der Inselstaaten Zypern und Malta höhere Preise. Jedoch verringert sich die Differenz zu Ländern wie Großbritannien und Frankreich wohl ein wenig, denn dort wird Elektrizität teurer.

Offshore-Windparks als Preistreiber

Das Öko-Institut bewertet den möglichen Preisrückgang eher als Stabilisierung denn als Trendwende hin zu stetig sinkenden Preisen. So dürfte die EEG-Umlage ab 2016 wieder moderat steigen, obwohl für neue Solar- und Onshore-Windkraftanlagen nicht annähernd die Zahlungen früherer Jahre fällig werden.

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Vergleichsweise teuer werden jedoch neue Offshore-Windparks. Noch unklar ist, wie stark sich das neue EEG-Rabattsystem für die Industrie auf die Umlage auswirkt.

Die Zeit immer neuer Strompreisschocks für Verbraucher und Betriebe ist aber offenbar vorbei. "Wir erwarten weder bei Großhandelspreisen noch bei den Umlagen einen signifikanten Anstieg in den nächsten Jahren", so Öko-Institut-Stromexperte Benjamin Greiner.

Ob es 2015 zumindest eine einmalige deutliche Preissenkung gibt, hängt nun von der Strategie der Versorger ab. Geben sie die gesunkenen Einkaufskonditionen tatsächlich flächendeckend weiter?

"Strom wird in Deutschland ab 2015 nicht mehr teurer"

Verbraucherschützer machen bereits Druck. "Die Versorger müssen die Preise in einer Größenordnung von 1,5 bis 2 Cent pro Kilowattstunde senken", sagte Energieexperte Peter Blenkers von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen gegenüber manager magazin online. So würden sie auch gesunkene Einkaufspreise der Vorjahre weitergeben.

Großversorger RWE gibt sich derweil zurückhaltend. Das Unternehmen halte den Preis seit fast zwei Jahren stabil, sagte ein Sprecher der Tochter RWE Vertrieb gegenüber manager magazin online.

Über die Entwicklung im kommenden Jahr wolle er nicht spekulieren. Vor knapp einem Jahr hatte der damalige RWE-Vertrieb-Vorstand Hanns-Ferdinand Müller gesagt, Strom werde in Deutschland ab 2015 nicht mehr teurer .

Eine gute Nachricht ist die Entspannung an der Strompreisfront auch für Bundeswirtschaftsminister Gabriel. Sein Anteil am möglichen Preisrückgang im kommenden Jahr ist zwar marginal - die EEG-Reform wirkt sich erst in den kommenden Jahren aus.

Gabriel kann dennoch versuchen, die Atempause als seinen Erfolg zu verkaufen. Zudem bekommt er etwas Luft für seine weiteren Etappen beim "Neustart der Energiewende". Dazu gehören Prämien für das vorhalten unprofitabler Altkraftwerke als Back-up für die Versorgungssicherheit sowie neue Regelungen für die Stromnetz-Entgelte.

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