Energiekrise verschärft sich Jetzt wird auch noch der Strom knapp

Erst Gas, jetzt auch noch Strom: Für Deutschland wird es in den kommenden Wintern eng mit der Energieversorgung. Die Strompreise sind so hoch wie nie. Das liegt nicht nur an den reduzierten Gaslieferungen aus Russland und dem Rhein-Niedrigwasser.
Kühlwasser und Kohle fehlen: Die Frage ist, ob Europas Energie-Versorger in diesem Winter genug Strom erzeugen können

Kühlwasser und Kohle fehlen: Die Frage ist, ob Europas Energie-Versorger in diesem Winter genug Strom erzeugen können

Foto: Dwi Anoraganingrum / Panama Pictures / IMAGO

Während sich Unternehmen und Verbraucher mit Blick auf die kommenden Winter vor allem um Gasengpässe sorgen, braut sich am Strommarkt eine gefährliche Gemengelage zusammen. So könnte in Deutschland bald nicht nur das Gas, sondern auch der Strom knapp werden. Denn die Frage ist, ob Europas Energieversorger in diesem Winter genug Strom erzeugen können.

In den nächsten zwei Wintern könnte es "so richtig eng werden", warnt Energieexperte Fabian Huneke vom Analyse- und Beratungshaus Energy Brainpool. "Wir sind viel früher als gedacht in eine Wetterabhängigkeit im Stromsystem reingerutscht."

Einen Vorgeschmack geben die aktuellen Strompreise, die so hoch sind wie noch nie. Am Dienstag stiegen sie in Deutschland zum ersten Mal auf über 500 Euro pro Megawattstunde und erhöhen den Druck auf Haushalte und Unternehmen, da die schlimmste Energiekrise seit Jahrzehnten voraussichtlich bis weit ins nächste Jahr hinein andauern wird. Der deutsche Strompreis für das nächste Jahr stieg an der europäischen Strombörse European Energy Exchange (EEX) sogar auf 530,50 Euro pro Megawattstunde – das sind mehr als 500 Prozent Zuwachs im Vergleich zum vergangenen Jahr. Auch in anderen Teilen Europas haben die Strompreise deutlich zugelegt, Spitzenreiter ist Frankreich.

Haushalte sowie Industrien bekommen die explodierenden Kosten für Strom zu spüren, von Lebensmitteln bis hin zur Produktion von Glas oder Metall. Unternehmen mit energieintensiven Produktionen wie Nyrstar, einer der größten Zinkhersteller Europas, stellen darum demnächst die Produktion in einigen Werken ein. Die deutsche RWE AG hat sich zur Finanzierung an den Anleihemarkt gewandt, da Europa mit der schlimmsten Energiekrise seit Jahrzehnten konfrontiert ist. Der Energiekonzern bietet Euro-Anleihen mit einer Laufzeit von drei Jahren an.

Verantwortlich sind dafür im Wesentlichen drei Entwicklungen, die Probleme bei der Stromversorgung hierzulande bereiten:

Strombedarf aus Nachbarländern steigt

Deutschland liefert mehr Strom ins europäische Ausland. In Frankreich stehen derzeit zahlreiche Atomkraftwerke still. Grund sind neben fehlendem Kühlwasser insbesondere Korrosionsrisse in den Anlagen. Jetzt sind langwierige Wartungsarbeiten nötig. Das bedeutet: fast die Hälfte der französischen AKWs ist abgeschaltet. Die Arbeiten dürften sich noch eine Weile hinziehen. Einer der einflussreichsten deutschen Gewerkschafter, Michael Vassiliadis, sah den französischen Atomstrom im März noch als möglichen Lückenfüller  für unser Gasproblem mit Russland, wie er im manager magazin erklärte. Schließlich ist Frankreich normalerweise insbesondere im Sommer ein Stromexporteur. Darauf kann Deutschland nun wohl nicht mehr hoffen. Jetzt ist das Land selbst auf Stromlieferungen angewiesen, statt Strom zu verteilen. Mehr Strom geht auch in die Schweiz, wo derzeit wegen der Dürre nicht so viel Strom aus Wasserkraft produziert werden kann.

Beim Export in die Schweiz betrug der Anstieg sogar mehr als das Sechsfache. Der Stromexport aus Deutschland nach Frankreich hat sich bereits im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr fast versechsfacht. Die Folge: Deutschland verstromt derzeit ungewöhnlich viel Erdgas, um insbesondere Frankreich Strom zu liefern. Im Juli haben die Gaskraftwerke 4036 Gigawattstunden Strom erzeugt – 13,5 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, wie aus dem Strommarktdatenportal Smard der Bundesnetzagentur hervorgeht.

Die Exporte gehen auf Kosten der Deutschen. "Ohne diese Nicht-Verfügbarkeit der Kernkraftwerke in Frankreich wären die Strompreise in Deutschland sehr viel geringer", sagt Huneke. Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hatte in diesem Zusammenhang im ZDF von einem Effekt gesprochen, der etwas mit "nachbarschaftlicher Solidarität" zu tun habe, "auch wenn er unter Gas-Gesichtspunkten nicht wünschenswert ist".

Trockenheit erschwert inländische Produktion

Schwierigkeiten bei der Stromerzeugung macht auch die Dürre im eigenen Land. Das Niedrigwasser an wichtigen Wasserstraßen wie dem Rhein stört die Versorgung mit Rohstoffen und Kühlwasser. Insbesondere Steinkohlekraftwerke werden über den Wasserweg mit Kohle versorgt. Aktuell ist dies aber nur eingeschränkt möglich. Laut Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt können Transportschiffe an dem wichtigen Knotenpunkt Kaub in Rheinland-Pfalz derzeit maximal zu einem Viertel beladen werden. "Das führt dazu, dass man sich eben jetzt überlegen muss, wann man die Steinkohle verfeuert, die man noch hat - denn man weiß nicht, wann man wieder welche bekommen kann", sagt Huneke. Grundsätzlich könne Kohle zwar auch per Straße oder auf der Schiene transportiert werden. "Aber da ist einfach die Logistik dahinter überhaupt nicht aufgebaut". Die Bundesregierung plant derweil Kohletransporte auf der Schiene zu priorisieren, Nachsehen hätte der Personenverkehr.

Die Dürre bedroht auch die Kühlung von Dampfkraftwerken: Ob Kern-, Steinkohle- oder Braunkohlekraftwerk, alle erzeugen Strom mittels einer Dampfturbine. Sind die Pegelstände zu gering, droht das Kühlwasser knapp zu werden. Außerdem verbieten Umweltauflagen ab einer bestimmten Wassertemperatur den Weiterbetrieb der Kraftwerke. Aktuell sind laut Huneke etwa nur neun von 15 Gigawatt Kapazität bei den Steinkohlekraftwerken verfügbar – unklar ist, ob dies an fehlendem Kühlwasser oder Brennstoff liegt. In beiden Fällen ist die aktuelle Dürre aber "definitiv" zumindest eine Ursache des Problems, sagt der Experte. Weil weniger Wasser in den Flüssen und in den Speicherseen ist, können Laufwasserkraftwerke und Speicherwasserkraftwerke aktuell nur eingeschränkt Strom produzieren. Mit rund 3,4 Prozent Anteil am in Deutschland produzierten Bruttostrom machte Wasserkraft im vergangenen Jahr jedoch nur einen geringen Teil der Stromversorgung aus.

Die Infrastruktur für die Binnenschifffahrt oder das Schienennetz auszubauen, hält Huneke für wenig lohnenswert. "Ich vermute, dass in der uns zur Verfügung stehenden Zeit die Steinkohlelogistik nicht wesentlich verbessert werden kann", sagt er. Bleibt es beim Kohleausstieg 2030, hätten die Investitionen nur eine sehr kurze Lebensdauer. Was daher umso mehr drängt, ist der Ausbau der Erneuerbaren. "Diese Strommengen durch Technologien zu schaffen, die nicht abhängig sind von der Logistik fossiler Brennstoffe, ist auf jeden Fall das A und O", sagt er. "Sowohl geopolitisch, als auch strategisch, als auch volkswirtschaftlich – und klimapolitisch sowieso".

Hitzewelle schmälert Windenergie

Die Hitzewelle in Europa führt zu einer weiteren Störung auf den Strommärkten, die bereits durch die Kürzung der russischen Gaslieferungen unter Druck geraten sind und die Gaspreise in die Höhe treiben. Aufgrund der hohen Temperaturen seien die Windgeschwindigkeiten gesunken und somit auch die Stromerzeugung aus Windenergie, sagte William Peck, Strommarktanalyst beim Analysehaus ICIS, der Financial Times . Die geringere Verfügbarkeit trägt zum Preisanstieg bei.

Hohe Strompreise kommen bei Verbrauchern verzögert an

Die derzeitigen Preissprünge an den Strompreisbörsen schlagen sich nicht eins zu eins auf die Rechnungen der Endkunden durch. Für die sind nämlich auch Netzentgelte sowie Steuern und Abgaben relevant. Versorger können außerdem starke Preisschwankungen an der Energiebörse ausgleichen, da sie einen Großteil Bedarfs über langfristige Kaufverträge decken. Dennoch können Kunden sich auf steigende Preise einstellen. Zahlreiche Versorger wie EnBW haben in den vergangenen Monaten bereits ihre Preise angehoben oder Erhöhungen angekündigt.

Im Juni lagen die Strompreise laut den Vergleichsportalen Verivox und Check24 bereits um rund 30 Prozent über dem Vorjahresniveau. Ein Anbieterwechsel könnte schwierig werden. Mehrere Stromversorger wollen an Neukunden keinen Strom mehr verkaufen und bieten weniger Tarife an.

dri mit Nachrichtenagenturen
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