Selbstversorger-Trend 2.0 Wie sieben Ex-Tesla-Manager RWE und Eon abschaffen wollen

Ehemaliger Tesla-Deutschland-Chef Philipp Schröder: Angriff auf die etablierten Stromversorger

Ehemaliger Tesla-Deutschland-Chef Philipp Schröder: Angriff auf die etablierten Stromversorger

Foto: Youtube / ecosummitTV

Viele deutsche Hausbesitzer träumen davon, ihre Energie vollständig selbst zu erzeugen - zum Beispiel mit einer Solaranlage und einer Batterie. Alles schön und gut - was aber, wenn die Sonne länger mal nicht scheint? Dann müssen eben doch wieder die Kohlekraftwerke der Großversorger ran. Und das mit der erträumten Energie-Autonomie, so die These, klappt eben doch nicht so ganz.

Fotostrecke

Ranking der Tesla-Fighter: Diese Batterie-Mittelständler bieten Elon Musk die Stirn

Foto: E3/DC

Der ehemalige Tesla-Manager Philipp Schröder (32) will das ändern. Zusammen mit gleich sechs Kollegen - darunter die Vertriebsexperten Marcel Meub, Alan Atzberger und Jonas Rabe - ist er gerade von dem kalifornischen Elektroautobauer zum bayerischen Mittelständler Sonnenbatterie gewechselt. Dort hat die Truppe ein Geschäftsmodell entwickelt, das den Managern der Energieversorger den "kalten Angstschweiß" (Schröder) auf die Stirn treiben soll.

Den Hang zu markigen Sprüchen hat Geschäftsführer Schröder offenbar von seinem ehemaligen Chef Elon Musk mitgebracht. Doch wird seine Idee auch so erfolgreich sein, wie die meisten Projekte des amerikanischen Multi-Unternehmers, der auch bei Raketenbauer SpaceX und SolarCity den Ton angibt?

Eigenen Strom zu verbrauchen, ist zunehmend wirtschaftlich

Schröder und seine Leute wollen von einem Trend profitieren, der bereits sichtbar ist und bei dem auch BMW-Großaktionär Stefan Quandt mitmischt: Aufgrund steigender Strompreise produzieren und verbrauchen Hausbesitzer ihren Strom zunehmend selbst. Auf den Dächern nimmt die Zahl installierter Solaranlagen weiter zu, in deutschen Kellern halten Batteriespeicher Einzug. Die Technik verbilligt sich, Eigenstrom ist in vielen Fällen für Privatleute und Firmen bereits wirtschaftlich.

Dennoch bleibt der klassische Stromvertrag zur Absicherung bisher die Regel. Daran verdienen Versorger wie RWE  und Eon. Sie lassen sich diese Backup-Funktion zunehmend üppig vergüten, wie die jüngst ausgehandelte, milliardenteure Stillhalteprämie für alte Braunkohlewerke zeigt.

Doch geht es nach den Tesla-Abtrünnigen, sind die Stromversorger demnächst so gut wie überflüssig. Vielleicht nicht von heute auf morgen, aber in zehn Jahren soll die Energiewelt schon komplett anders aussehen als heute - auch dank des Sonnenbatterie-Projekts. "Dann haben wir mehr Kunden als Eon", behauptet Schröder.

Die Grundidee geht so: Hausbesitzer und Kleinunternehmer mit Solar- und Biogasanlagen sowie Batterien schließen sich zu einer Art Stromgemeinschaft zusammen. Wer gerade zu viel Elektrizität produziert, gibt den anderen Mitgliedern davon ab. Wer gerade zu wenig hat, dem helfen die anderen aus.

Eine Software macht die Versorger überflüssig

Eine Software stellt laut Sonnenbatterie sicher, dass zu jedem Zeitpunkt genau so viel Elektrizität erzeugt wird, wie in der Community benötigt wird. "Nur in Notfällen sollen die Mitglieder auf Strom von der Börse zurückgreifen", sagt Schröder, der mit seiner 150 Mitarbeiter zählenden Firma in diesem System als Plattform auftreten will.

Der selbstgemachte Gemeinschaftsstrom soll mit 23 Cent pro Kilowattstunde sehr billig sein. Möglich werde das, weil die Vertriebsmarge des Versorgers wegfällt. So gebe es keinen Anreiz für Teilnehmer mehr, sich an einen klassischen Versorger zu binden, wo Verbraucher im Schnitt etwa 27 Cent pro Kilowattstunde zahlen. Auch Mieter, die selbst keinen Strom erzeugen können, sollen nach und nach in das System einbezogen werden.

Fotostrecke

Blockheizkraftwerk, Solaranlage, Batterie: Wie ein Selbstversorger-System funktioniert

Foto: Horst Schmitt

Für abgegebenen Strom bekommen die Mitglieder der Elektrizitäts-Gemeinschaft etwas mehr Geld als über die klassische Einspeisevergütung gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Möglich machen das Bestimmungen, nach denen Ökostromerzeuger ihre Elektrizität direkt vermarkten können und dafür einen Zuschuss aus dem EEG-Topf bekommen. Ohne Subventionen funktioniert das Modell also noch nicht.

Dies werde sich aber ändern, sobald die auf maximal 20 Jahre begrenzte EEG-Förderung für immer mehr Anlagen nach und nach wegfällt, sagt Schröder. Dann stehe zunehmend Billigstrom aus abgeschriebenen Ökostromanlagen - auch aus Windparks - zur Verfügung, den die Betreiber auf diese Weise miteinander teilen.

Blockheizkraftwerke virtuell miteinander verbinden

Ein Haken ist eine Software-Gebühr in Höhe von 20 Euro pro Monat, die Sonnenbatterie kassieren will. Geraten Stromkunden so von einer Abhängigkeit in die nächste?

Nach Berechnungen von manager magazin online rechnet sich das System nur, wenn ein Rabatt auf das Komplettsystem aus Solaranlage und Batterie in die Kalkulation einbezogen wird, an dem Sonnenbatterie ebenfalls verdienen will. Und wer eine besonders große Batterie kauft, bekommt zudem 1000 Kilowattstunden Strom im Jahr geschenkt. Auch das macht die Sache profitabler.

Dafür greift Sonnenbatterie auf die Akkuspeicher zu und nutzt sie, um am Strommarkt Geld zu verdienen. Ein ähnliches Konzept verfolgt in diesem Punkt der Hamburger Sonnenbatterie-Konkurrent Lichtblick, der auch Blockheizkraftwerke virtuell miteinander verbindet und so Schwankungen im Stromnetz ausgleicht.

Taugen die Deutschen als Stromrebellen?

Energie-Fachleute halten ein Geschäftsmodell wie von Sonnenbatterie generell für plausibel. "Ich bin davon überzeugt, dass Computer den Stromaustausch zwischen Kleinerzeugern und -Verbrauchern managen können", sagt Unternehmensberater Norbert Schwieters von Pricewaterhousecoopers (PWC) gegenüber manager magazin online. Die großen Versorger müssten sich angesichts derartiger Umbrüche immer stärker fragen, was überhaupt noch ihr Unternehmenszweck sei.

Ein gewisses disruptives Potenzial sieht auch ein Anwalt einer hochrangigen Energierechts-Kanzlei. "Wenn ein solches Modell in den Tabellen der Strompreisvergleiche ganz oben rangiert, dann kann es bestehende Strukturen kaputt machen." Allerdings komme es stark darauf an, dass solche Angebote rechtlich einfach strukturiert, verständlich und leicht umsetzbar seien. Sonst sei eine Strom-Community nur für Öko-Enthusiasten attraktiv.

Ein solcher ist Sonnenbatterie-Manager Philipp Schröder zweifellos: Aufgewachsen im Wendland bei Gorleben, haben ihn die Atommülltransporte politisiert. "Ich war auch an Schienen gekettet und in Gewahrsam, aber ich denke mit 19 darf man so etwas machen."

Genug Energie, um sich geschäftlich mit den Stromkonzernen anzulegen, ist jedenfalls noch vorhanden. Und bei Tesla haben Schröder und seine Kollegen von Elon Musk gelernt, wie man sich effektiv als David gegen Goliath in Szene setzt. Seine Gruppe habe den US-Elektroautobauer nicht im Zorn verlassen.

Schröder hält eine Energiewende im Stromsektor jedoch für wichtiger als auf der Straße. "Die Vision einer dezentralen Energieversorgung ist schlicht mein persönlicher Antrieb und trägt daher auch meine DNA." Da passt es nicht schlecht, dass die Sonnenbatterie ihr Speichersystem in Kalifornien nach eigenen Angaben früher auf den Markt bringt als Elon Musk. Der sieht für Tesla in diesem Bereich ebenfalls großes Potenzial und baut gerade eine riesige Batteriefabrik in Nevada.

Doch können Schröder und sein Team, aber auch die Manager anderer Strom-Startups aus deutschen Hausbesitzern und Kleinunternehmern tatsächlich echte Energierebellen machen? So wie Elon Musk eine verschworene und stark wachsende Community aus Elektroauto-Fans erschaffen hat?

Vielleicht entscheidet sich auch daran ein bisschen, ob RWE und Eon den Sprung in die neue Energiewelt schaffen - oder an ihr zugrunde gehen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.