Kernkraft-Rückstellungen von RWE, Eon und Co. Ab 2099 wird alles gut

Energieversorger RWE und Eon: Nur ein stabiles Netz- und Vertriebsgeschäft sichern ihre Finanzkraft

Energieversorger RWE und Eon: Nur ein stabiles Netz- und Vertriebsgeschäft sichern ihre Finanzkraft

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Investoren an den Märkten atmen auf: Die Energieversorger haben laut einem Regierungsgutachten genügend Geld für den Abbau ihrer Atomkraftwerke sowie für die Lagerung des Atommülls in Endlagern zurückgestellt. Um bis zu 15 beziehungsweise 12 Prozent legten die Aktien von RWE  und Eon  am Montag zu. Auch die Eigentümer von Vattenfall, EnBW  und den Stadtwerken München dürfte das Stresstest-Ergebnis freuen.

Doch können sich auch die Steuerzahler freuen?

Für den Aktienmarkt ist kurzfristig entscheidend: Die Gutachter halten die Summe von 38,3 Milliarden Euro, die die Versorger zurückgestellt haben, für ausreichend. RWE und Eon müssen demnach nicht noch mehr Geld für langfristige Verpflichtungen wegbuchen und im Gegenzug beispielsweise Gewinn und Dividende kürzen.

Für die Allgemeinheit gibt das 140-seitige Gutachten  dagegen nicht wirklich Entwarnung. Denn ob die Konzerne langfristig tatsächlich ihren Verpflichtungen nachkommen können, hängt nicht nur davon ab, ob sie jetzt die Kosten richtig veranschlagen. Das schaffen sie nur, wenn sie in den kommenden Jahrzehnten gut genug wirtschaften.

Das Geschäft mit dem Stromverkauf verliert rasant an Bedeutung

Kosten der Atom-Entsorgung: Ab dem Jahr 2099 sind die Lasten abgetragen

Kosten der Atom-Entsorgung: Ab dem Jahr 2099 sind die Lasten abgetragen

Foto: Warth & Klein Grand Thornton, mm

Der Stresstest ist im Grunde nur eine bessere Bestandsaufnahme, verbunden mit optimistischen Prognosen für das Geschäft. Im Wesentlichen hat er zunächst eines bestätigt: Würden die Energieversorger heute sämtliche Kraftwerke, Netze und Forderungen aller Art verkaufen und das Geld auf die hohe Kante legen - es würde reichen, um den Rückbau der Atomkraftwerke, die Endlagerung der Brennstäbe und sonstige Altlasten des Kernkraft-Zeitalters zu finanzieren.

Die Zahlen sind durchaus beeindruckend: Immerhin zehn Milliarden Euro sei das Geschäft mit Kohlekraftwerken noch wert, schreiben die Autoren der Wirtschaftsprüfung Warth & Klein Grant Thornton in ihrem 140-seitigen Gutachten . Für die Atomkraftwerke veranschlagen sie noch 3,6 Milliarden, für Gas- und Ölkraftwerke 1,9 Milliarden Euro.

Gleichzeitig unterstellen die Prüfer dabei keinesfalls, dass das Geschäft mit der Stromerzeugung bald schon wieder florieren werde. Im Gegenteil - es läuft nach und nach aus. Kohlekraftwerke erwirtschaften immerhin noch bis etwa zum Jahr 2060 Cash - wenn auch dann nicht mehr viel.

Die erneuerbaren Energien werden im Szenario der Stresstester deutlich an Bedeutung gewinnen, interessanterweise aber nur bis etwa 2025. Danach fallen nach und nach Subventionen weg. Vor allem die Windenergie spüle anschließend weniger Geld in die Kasse. Immerhin bewertet das Gutachten dieses Geschäftsfeld mit 20,8 Milliarden Euro.

Rosige Rechnung für die nächsten 85 Jahre

Richtig viel Geld - und das ist die versteckte Hauptaussage des Gutachtens - werden die Versorger künftig mit dem Netzgeschäft sowie dem Stromvertrieb eintreiben. Schon bis zur Mitte des Jahrtausends steigt der Beitrag sowohl absolut und erst recht im Verhältnis zu den anderen Geschäftsfeldern.

Danach werden die Versorger mit diesem Geschäft den Experten zufolge Jahr für Jahr immer mehr Geld eintreiben - "im Wesentlichen parallel zur allgemeinen Preisentwicklung im Vertrieb". Ein deutlicher Verlust von Marktanteilen ist in diesem Szenario nicht vorgesehen.

Da ist nur folgerichtig, dass der Wert des Netz- und Vertriebsbereiches schon heute den größten Anteil am Wert der Versorger ausmacht: Satte 78,4 Milliarden Euro. Selbst wenn die Kosten für den Atomausstieg in den Rückstellungen mit 38,3 Milliarden Euro zu niedrig angesetzt sein sollten - das große Reinvermögen von insgesamt 83 Milliarden Euro steht dem eindrucksvoll gegenüber.

Bei den Einnahmen zeichnen die Gutachter ein rosiges Bild

Kurzfristig ist also alles gut. Doch ob Vertrieb und Netze in den nächsten 85 Jahren tatsächlich so viel Geld einspielen, wie erwartet, steht naturgemäß in den Sternen.

"Letztlich ist jedoch nicht entscheidend, ob das Vermögen die Rückstellungen abdeckt, sondern ob die künftigen Nettoeinnahmen die künftigen Entsorgungsausgaben abdecken", konzidieren die Gutachter selbst. Umso interessanter, dass sie für die Einnahmen nicht verschiedene Szenarien entwickelt haben, sondern mit einer einzigen Annahme ins Rennen gehen.

Relativ sicher ist, dass hohe Entsorgungskosten bis zum Ende des Jahrhunderts anfallen werden - und zwar jedes Jahr in Milliardenhöhe und in steigender Tendenz. Erst ab dem Jahr 2099 ist im Szenario der Wirtschaftsprüfer alles gut - dann sind alle Lasten abgetragen.

Doch wie sicher ist es, dass Netze und Vertrieb bis zum Ende des Jahrhunderts die erhoffte sichere Bank sind? Dass sich tatsächlich die erhofften Erlöse einstellen?

Technische Umbrüche: Was passiert, wenn niemand mehr Netze und klassische Stromversorger braucht?

Die Antwort auf diese Frage liegt nicht zuletzt in den Händen des Staates. Er sorgt bisher dafür, dass Netzbetreiber sichere Gewinne erwirtschaften.

Gerade zurzeit ist die Lage gut: Niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt stehen Verzinsungen von gut 9 Prozent auf das eingesetzte Kapital gegenüber - garantiert von der Bundesnetzagentur. Doch das muss nicht so bleiben. "Die Politik kann die Regeln schnell ändern", sagt ein Analyst gegenüber manager-magazin.de, der ungenannt bleiben möchte.

Oder alles bleibt so, damit die Versorger den Atomausstieg finanzieren können? Dann würden letztlich die Stromnetznutzer dafür zahlen.

Vor allem sind grundsätzliche technische Umbrüche kaum vorherzusehen. Waren die Versorger nicht auch lange der Ansicht, ihr Geschäft mit großen Kraftwerken sei sicher? Dann wurde der politische Druck immer größer, die Lage für Atom- und Kohlekraftwerke erschwert. Schließlich verbilligten sich erneuerbare Energien derart, dass sie zum Teil ohne Subventionen auskommen werden.

Das hat unter anderem dazu geführt, dass Privathaushalte und Firmen ihren Strom zunehmend selbst erzeugen. "Wenn sich das Stromsystem weiter dezentralisiert, wird das Netz nicht so intensiv genutzt", sagt der Analyst. Der Nutzen der Netze sinkt, und nur die staatlich garantierten Einnahmen sichern seinen Wert.

Umbrüche sind nicht eingepreist

Was aber, wenn sich dieser Trend - befeuert durch billige Batterien - fortsetzt, und zwar exponentiell? Wenn sich Kunden ganz vom Netz abkoppeln, wie vom Telefon-Festnetz? Dann muss der Staat entscheiden, ob er die Netzbetreiber mit Eigenstromverboten und -Abgaben für ihre Kunden schützt - auch um die Finanzierung des Atomausstiegs zu sichern. Damit würden aber technische Innovationen behindert und die Stromversorgung für den einzelnen auf lange Sicht wohl teurer.

Solche Umbrüche könnten auch das Geschäft im Vertrieb erodieren lassen. Wenn Stromanbieter bestenfalls noch eine Backup-Funktion für immer mehr Kunden haben, bricht Umsatz weg.

Nicht ohne Grund suchen RWE, Eon und Co. händeringend nach neuen Geschäftsmodellen. Nur allzu gern würden sie den Kunden künftig Solaranlagen, Blockheizkraftwerke oder intelligente Stromnetz-Steuerungen verkaufen. "Das bringt Chancen, aber auch Risiken", sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes Neue Energiewirtschaft, Robert Busch, gegenüber manager-magazin.de.

Es wäre den Versorgern zu wünschen, dass ihnen der Sprung in die Zukunft gelingt - jedenfalls, damit sie die Entsorgung des Kernkraftzeitalters bewältigen können. Sicher, dass sie es schaffen, ist es aber nicht.

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