Staatsfonds erwägt Kohleausstieg RWE und Eon bangen um ihren Top-Investor aus Norwegen

Erst die Schweden, jetzt die Norweger? Kaum verkauft Vattenfall das deutsche Braunkohlegeschäft, braut sich in Oslo etwas zusammen. Der mächtige Staatsfonds erwägt den Ausstieg aus dem Klimakiller Kohle und könnte RWE und Eon auf die schwarze Liste setzen - neben Waffen- und Tabakfirmen.
Braunkohlebagger im Rheinland: Norwegens Staatsfonds ist der zweitgrößte Anteilseigner an RWE

Braunkohlebagger im Rheinland: Norwegens Staatsfonds ist der zweitgrößte Anteilseigner an RWE

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Hamburg - Für den Normalfall gilt der norwegische Staatsfonds als treuer und genügsamer Aktionär. Die Manager des 623 Milliarden Euro schweren Finanzvehikels (Stand: Ende 2013) verwalten ein derart gigantisches Reich von Beteiligungen, dass sie kaum einen aktiven Investor darstellen können. Jüngsten Angaben zufolge halten die Skandinavier 1,25 Prozent aller Aktien weltweit und 2,5 Prozent aller Dividendenpapiere in Europa.

Doch die deutschen Konzerne RWE  und Eon  bekommen jetzt möglicherweise die unangenehme Seite der Nordmänner und -frauen zu spüren: Der Fonds überdenkt gerade sein Engagement bei Firmen aus der Öl-, Gas- und Kohlebranche - auch aus ethischen Gründen.

In Kürze will das Finanzministerium laut Financial Times  (FT) bekannt geben, ob sich der Staatsfonds aus Unternehmen zurückzieht, die ihr Geld mit der Förderung oder Verbrennung dieser Rohstoffe verdienen und so den Klimawandel anheizen. Ähnlich ist der Fonds bereits mit Firmen aus der Waffen- und Tabakindustrie verfahren.

Norwegischer Staatsfonds ist zweitwichtigster Investor bei RWE

Macht Oslo Ernst, wäre der Fonds nach Vattenfall der zweite skandinavische Großinvestor binnen weniger Wochen, der sich aus der deutschen Kohleindustrie zurückzieht. Die Schweden haben gerade ihr Braunkohle-Geschäft in Brandenburg und Sachsen zum Verkauf gestellt.

Der norwegische Staatsfonds ist nicht irgendein Investor bei den deutschen Energieversorgern. RWE führt ihn als zweitgrößten Investor, mit einem Anteil von zuletzt 2,2 Prozent. Das entspricht einem Wert von 340 Millionen Euro.

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An Eon hielten die Norweger zuletzt 2,11 Prozent (592 Millionen Euro) - Platz drei unter den externen Investoren. Davor lag noch die norwegische Regierung selbst mit einem 2,92-Prozent-Anteil an den Düsseldorfern (818 Millionen Euro). Zieht Oslo die Sache konsequent durch, stünde wohl auch dieser Anteil zur Disposition. Weiterhin hat der Fonds laut einer Studie von drei Umweltorganisationen  Anleihen in dreistelliger Millionenhöhe an den beiden Versorgern sowie dem Karlsruher Versorger EnBW gezeichnet.

Für Eon und RWE wäre ein Ausstieg der Skandinavier äußerst schmerzhaft. Nicht nur, dass der Aktienkurs wohl einen Dämpfer bekäme. Wie bereits in der Heimat hätten RWE und Eon dann auch international ein Image als "schmutziges Unternehmen". Und das in einem Moment, wo zahlreiche weitere Fonds und Stiftungen den Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle prüfen.

Harvard-Professor: "Finanzielles Massaker für die Anleger"

Viele Investoren führen dabei nicht nur moralische Gründe an. Eine wachsende Zahl von Analysten rechnet damit, dass Regierungen den CO2-Ausstoß immer schärfer regulieren werden - und das klimaschädliche Geschäftsmodell der Konzerne in nicht allzu ferner Zukunft dem Tode geweiht ist. Zuletzt haben die Regierungen der USA, Chinas  und Deutschlands den Druck auf die Kohleindustrie verstärkt.

Zudem werden erneuerbare Energien billiger . Ihre Verbreitung lässt die Gewinne der alten Energiekonzerne erodieren, sofern sie nicht selbst in dem neuen Geschäft mitmischen. Vor allem RWE hatte den Trend aber anfangs völlig verschlafen.

Den aktuellen Preisverfall bei der Kohle sehen manche Marktbeobachter bereits als ersten Indiz für den Abstieg des Rohstoffs : Chinas Hunger nach dem schwarzen Gold ist auch deshalb merklich zurückgegangen, weil die Regierung den Verbrauch drosselt. Von einem "finanziellen Massaker für die Anleger" spricht Harvard-Professor George Serafeim.

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Ob die eigens eingesetzten Gutachter dem norwegischen Staatsfonds tatsächlich empfehlen, die Reißleine zu ziehen, ist aber noch völlig offen. Finanzministerin Siv Jensen hat bereits betont , der Fonds sei "kein politisches Werkzeug" und werde auch künftig breit gestreut investieren. Dagegen betonte Staatsfonds-Chef Yngve Slyngstad, das Volk und seine Vertreter müssten entscheiden, wie das Geld angelegt wird.

Gegen ein groß angelegtes, unmittelbares Desinvestment spricht, dass der Fonds wohl damit überfordert wäre, von heute auf morgen Hunderte Beteiligungen abzustoßen. In kürzester Zeit wären laut FT gut 35 Milliarden Euro allein aus den Beteiligungen im Öl- und Gassektor neu anzulegen.

Ein solches Vorgehen würde zudem Schockwellen durch die Energiebranche jagen. Daran haben die Norweger kein Interesse. Schließlich machen sie ihr Vermögen selbst mit Öl und Gas.

Wie ein möglicher Kompromiss aussieht, hat gerade der - wesentlich kleinere - norwegische Beamten-Pensionsfonds vorgemacht. Er verzichtet vorerst auf einen Ausstieg aus Öl und Gas und beschränkt sich auf die Kohle. Dabei will er Aktien von Unternehmen verkaufen, die mehr aus 50 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle erwirtschaften.

Warum RWE stärker gefährdet ist als Eon

Der Staatsfonds würde mit einem solchen Modell manche Peinlichkeit vermeiden: etwa den Verkauf von Anteilen an Firmen wie Exxon Mobil  oder Shell , die genau wie der norwegische Staatskonzern Statoil  gutes Geld mit Öl und Gas verdienen, auch vor der eigenen Küste.

Die Summe der zu verkaufenden Beteiligungen ließe sich bei einem reinen Kohleausstieg auf etwa neun Milliarden Euro verringern, haben die Umweltorganisationen in ihrer Studie errechnet. Und auch der könnte zeitlich gestreckt werden. Der bisher höchste Betrag, den die Norweger auf einen Schlag abgezogen haben, lag bei etwa 1,5 Milliarden Euro, als sie 2010 die Aktien von 17 Tabakfirmen abstießen.

Im Fall eines "Desinvestment light" wäre Eon wohl fein raus, weil Kohle nur für etwa ein Viertel des Stromgeschäfts steht. RWE hingegen würde auf der schwarzen Liste landen. Der Kohleanteil liegt bei etwa 62 Prozent. Zudem sind die Essener im Abbau der besonders klimaschädlichen Braunkohle aktiv.

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Weiterhin besteht auch die Möglichkeit, dass der Staatsfonds ganz auf einen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verzichtet. Argumente dafür gibt es: Dass viele Kohlefirmen wegen des Preisverfalls zuletzt stark an Wert verloren haben, könnte auch dazu zählen. Auch würde ein Ausstieg aus den Unternehmen am Abbau des Rohstoffes kurzfristig wenig ändern.

Dann springen eben Investoren ein, die weniger Skrupel haben - ähnlich wie in der Rüstungsbranche. In diese Richtung hat bereits der finanzpolitische Sprecher der Konservativen, Svein Flåtten, argumentiert. Ähnlich begründet beispielsweise die Universität Harvard , dass sie ihr Stiftungsgeld weiter im fossilen Sektor anlegt, während Hochschulen wie Stanford bereits teilweise aussteigen .

Im Fall des norwegischen Staatsfonds liegt die Vorentscheidung nun in den Händen von drei Männern und drei Frauen . Ihr Votum könnte alles beim alten belassen, oder die Energiebranche zum Beben bringen - mitsamt Eon und RWE.

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