Run auf Erneuerbare Energien Warum die Windkraftriesen den Boom fürchten

Das Geschäft mit Windkraftwerken wächst rasant. Vor allem auf See, wo Siemens Gamesa führt, hat der deutsche Konzern Aussicht auf einen Löwenanteil des kommenden Booms. Doch das Hyperwachstum ist auch riskant.
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Der Boom wird dem Marktführer schon fast ein bisschen unheimlich. "Mit einem lachenden und einem weinenden Auge" habe er die Zahlen zur großen britischen Auktion von Lizenzen für Offshore-Windkraftwerke im Februar gesehen, erzählte Siemens-Gamesa-Chef Andreas Nauen der "Financial Times" . Die Windkraft auf See, in der Nauens Firma führt, erlebt einen beispiellosen Ansturm - und das könnte Siemens Gamesa an die Spitze der gesamten Branche treiben , einschließlich der Anlagen an Land.

Gemessen an der im vergangenen Jahr installierten Kapazität, steht Siemens Gamesa laut Daten von "Bloomberg New Energy Finance" aktuell auf Platz fünf, nachdem es 2019 noch für Rang zwei gereicht hatte. Allerdings ging die eigene Bauleistung des Konzerns nur gering zurück, da Siemens offiziell "Vorrang für Profitabilität (vor Volumen)" erklärt hat - während mehrere Wettbewerber erstmals die Marke von 10 Gigawatt durchbrachen.

Ohnehin ist in dem stark volatilen Geschäft mit langen Investitionszyklen und wenigen großen Projekten ein einzelnes Jahr nur begrenzt aussagekräftig. Die Grafik zeigt jedoch im Mehrjahresvergleich, dass Siemens sich nach der Übernahme des spanischen Windradherstellers Gamesa 2016 als einziger deutscher Hersteller in der Spitzengruppe der Top Ten etabliert hat. Nordex und vor allem Enercon sind zurückgefallen, das Geschäft von Senvion ging nach der Insolvenz in Siemens Gamesa auf. Zweitens zeigt die Grafik, wie enorm die gesamte Branche wächst.

Aktuell dominiert vor allem China das Geschäft, besonders in der Offshore-Technik: Laut dem Branchendienst "Rystad Energy" dürften dort in diesem Jahr fast zwei Drittel aller neuen Windräder an See weltweit entstehen; genug, um den chinesischen Bestand zu verdoppeln und sowohl Großbritannien als auch Deutschland als bislang führende Windnationen zu überholen. Die Hersteller wie Shanghai Energy, Ming Yang oder Envision - bislang die Verfolger des Offshore-Marktführers Siemens Gamesa - haben daher auf dem Heimatmarkt alle Hände voll zu tun. Doch ein Treiber des Booms ist Torschlusspanik, weil der chinesische Staat ab 2022 die Einspeisevergütung für Windstrom aus neuen Anlagen senken will.

Siemens Gamesa im Dreikampf mit Vestas und General Electric

Im Westen hingegen, wo sich ein Auktionsmodell durchgesetzt hat und Windstrom oft schon ohne Subventionen am Markt konkurrenzfähig ist, kennen die Wachstumsprognosen kaum Grenzen. Vor allem Großbritannien, das laut Premier Boris Johnson beim Wind werden soll, was in der Ölwirtschaft Saudi-Arabien ist - also die superreiche Energiegroßmacht - und die USA mit Joe Bidens Billionenplan für grüne Infrastruktur sorgen für mehr Nachfrage. Mehrere Ölkonzerne investieren in die Windkraft.

Wer davon profitiert, zeichnet sich als Dreikampf zwischen Siemens Gamesa, dem langjährigen dänischen Marktführer Vestas und dem gerade aus dem Krisenmodus herausfindenden US-Konzern General Electric ab. Siemens hat bereits mehr als 30 Milliarden Euro in den Auftragsbüchern stehen, Vestas sogar 43 Milliarden. Siemens' Vorteil liegt in der Erfahrung, das Offshore-Geschäft stetig ausgebaut zu haben.

Der Haken an der Sache: Das Wettbieten der neuen Windkraftinteressenten treibt die Preise für staatliche Lizenzen - und stärkt zugleich den Druck auf sinkende Kosten der Anlagenhersteller. In der britischen Februar-Auktion sagten die Bieter wie RWE, Total oder EnBW im Bündnis mit BP dem Vereinigten Königreich jeweils Milliarden-Pfundbeträge zu. Umso billiger müssen die Windräder werden, damit sich die Investition dauerhaft rechnet. Zugleich steigen die Preise für wichtige Inputs wie Stahl. Unterm Strich könnte das die ohnehin fragilen Margen von Siemens Gamesa und Wettbewerbern gefährden. "Vor ein paar Jahren sorgten wir uns, ob es genug Geld, genug Investoren, genug Antrieb für den Markt gebe", sagte Nauen der "FT". "Jetzt ist es das komplette Gegenteil."

ak
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