Montag, 22. April 2019

Guerilla-Strom als Geschenk für Energiekonzerne Warum Mini-Solaranlagen falsche Hoffnungen wecken

Mini-Solaranlage
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Mini-Solaranlage

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Diese Phase dauert bei 30 Grad jedoch nur einige Minuten, wie der Hamburger Energieblogger Markus Jaschinsky bei seiner Waschmaschine festgestellt hat. Danach schwankt die Leistungsaufnahme meist zwischen 0 und 200 Watt - wieder geht also Sonnenstrom an den Netzbetreiber verloren.

"Es ist faktisch unmöglich, seinen selbst erzeugten Solarstrom gänzlich selbst zu verbrauchen", sagt Ingenieur Jaschinsky, der als Spezialist für Elektro- und Informationstechnik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg beschäftigt ist. Umgekehrt stehe selten ausreichend Solarstrom zur Verfügung, wenn man ihn brauche - zum Beispiel abends. Kaum beschattet ein unvorhergesehenes Wolkenband das Modul, bringt das mittägliche Waschen weniger Selbstversorgung als gewünscht.

Immerhin bekommen Betreiber von Mini-Solaranlagen solche kleinen Ärgernisse selbst kaum mit. Zwar lässt sich mit einem Zusatzgerät noch nachvollziehen, wie viel Strom die Photovoltaikanlage über den Tag liefert. Ob er aber im Haushalt verbraucht oder ins Netz eingespeist wurde, ist für normale Stromkunden gar nicht nachzuvollziehen. "Um den wirtschaftlichen Erfolg solcher Anlagen messen zu können, verfügen sie über zu wenig Technik", sagt Energie-Fachmann Martin Brandis vom Verbraucherzentrale Bundesverband.

Experte Jaschinsky hat jedoch testhalber seinen persönlichen Tages-Stromverbrauch im Detail gemessen und der Stromerzeugungskurve einer Solaranlage in seinem privaten Blog gegenübergestellt - beispielhaft und nicht repräsentativ. Auch wenn es sich um eine etwas größere Photovoltaik-Anlage handelte, die bis zu 2500 Watt erzeugte, zeigt sich doch, wie erratisch beide Kurven verlaufen.

Gänzlich einfangen ließe sich der eigene Solarstrom bestenfalls mit einem Batteriespeicher - doch dessen Anschaffung würde die ökonomische Rechnung wohl endgültig zerschießen. Und die von manchem Solar-Guerillero verfolgte Strategie, den Stromzähler mittels selbst eingespeistem Sonnenstrom rückwärts laufen zu lassen, stößt an rechtliche Grenzen. "Das ist nicht legal", sagt ein Sprecher des Infrastrukturbetreibers Westnetz. Die Energierechtskanzlei Becker Büttner Held bestätigt die Aussage.

Finanzielle Rechnung ist manchen Nutzern gar nicht so wichtig

Manchen Nutzern von Minisolar-Modulen geht es allerdings offenbar gar nicht so sehr um einen üppigen finanziellen Vorteil. "Viele Menschen möchten einfach auf kleinstem Raum Strom erzeugen und verbrauchen", sagt Verbraucherschützer Brandis. Um zumindest mehr als die Hälfte des Stroms selbst zu nutzen, sollte das Modul seiner Ansicht nach möglichst klein gewählt werden.

Wer die Sache eher unter dem Umweltaspekt sieht, erreicht zumindest ein Ziel: Jede Kilowattstunde selbst erzeugter Solarstrom führt theoretisch dazu, dass irgendwo in Europa ein Kohle- oder Gaskraftwerk entsprechend gedrosselt wird. Die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie hält es für möglich, dass in Deutschland Hunderttausende Mini-Solaranlagen installiert werden, die so viel Strom produzieren wie mehrere Kohlekraftwerke. Effizienter angelegt für Portemonnaie und Umwelt wäre das benötigte Geld wohl aber als Beteiligung an großen Solarparks.

Blogger Jaschinsky ist es indes doch noch gelungen, mit einer Selbstverbraucher-Solaranlage Geld zu verdienen. Vor einigen Jahren habe er mit Bekannten ein paar Bitcoins aus Sonnenstrom geschürft - die heute ein Vielfaches wert sind. Es sei "die einzige Möglichkeit" gewesen, den Strom wirtschaftlich zu nutzen. Angesichts der rapide gestiegenen Rechenleistung, die dafür inzwischen benötigt wird, sei dies heute allerdings keine Option mehr.

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