Erstmals ausführlicher Länderbericht Warum Shell kaum Steuern in Deutschland zahlt

Tanklaster vor Shell-Raffinerie in Wesseling bei Köln: Größer in Deutschland als manche Dax-Schwergewichte

Tanklaster vor Shell-Raffinerie in Wesseling bei Köln: Größer in Deutschland als manche Dax-Schwergewichte

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Moral? "Das ist ein sehr schwieriges Wort." So antwortete Alan McLean, Vizechef der Steuerabteilung von Shell, auf Fragen im niederländischen Parlament. Er "verstehe, dass es auf manche Leute komisch wirkt, wenn man hier in den Niederlanden Gewinne schreibt, aber keinen zu versteuernden Gewinn ausweist" - der Konzern schrieb im vergangenen Jahr 35,6 Milliarden Dollar Vorsteuergewinn, gab dem Staat an seinem Hauptsitz aber nichts davon ab.

Der Öl- und Gasmulti hat sich jetzt zumindest der Transparenz verschrieben. Als einer der ersten Konzerne hat Shell in dieser Woche einen Länderbericht  veröffentlicht, der die weltweiten Geschäftszahlen getrennt nach 98 Ländern auflistet: Umsatz, Gewinn, Steuern, Beschäftigte, Kapital, Aktiva. Die Verpflichtung zu diesem öffentlichen Country-by-country-Reporting, das zum Steuersparen verschobene Gewinne sichtbar machen soll, wurde auf EU-Ebene erst Ende November durch die Enthaltung Deutschlands blockiert.

Solche Berichte anfertigen und den Finanzbehörden melden müssen Großkonzerne seit 2017 ohnehin. Zu einer Pflicht, sie auch zu veröffentlichen, mochte sich das Wirtschaftsministerium von Peter Altmaier (CDU) aber nicht durchringen. Shell tut das nun freiwillig - als Teil einer Initiative namens B-Team, zu deren Gründungsmitgliedern neben Shell beispielsweise die Allianz oder Vodafone gehören.

"Wir wollen einen echten Beitrag für transparentere Steuersysteme leisten", erklärt Konzern-Finanzchefin Jessica Uhl. Der Ansatz solle Unternehmen in die Lage versetzen, "beim Aufbau einer nachhaltigen Gesellschaft zu helfen". Zur Selbstverpflichtung des B-Team gehört, zu erklären, warum der Konzern in manchen Ländern wenige oder keine Steuern zahlt, und welche Gründe es für die Präsenz in Steueroasen gibt. So detailliert wie in Shells 80-seitigem "Tax Contribution Report" hat bisher kaum ein Unternehmen seine globale Anatomie offengelegt.

Shell in Deutschland größer als Daimler oder Telekom

Die Landesgesellschaft Deutsche Shell Holding GmbH in Hamburg wird als wahrer Riese mit 31,3 Milliarden Dollar Umsatz für 2018 enthüllt, fast 8 Prozent des gesamten Konzerngeschäfts. Das stellt selbst Dax-Schwergewichte wie Daimler oder Deutsche Telekom in den Schatten. Shell betreibt in Deutschland rund 2000 Tankstellen, ist an den drei größten Raffinerien und einem Großteil der Gasproduktion maßgeblich beteiligt, auch an dem heiklen Multi-Milliardenprojekt Nord Stream 2.

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Als Vorsteuergewinn bleiben in Deutschland jedoch nur 162,6 Millionen Dollar übrig, weniger als 0,5 Prozent des globalen Shell-Ergebnisses (davon aber immerhin zwei Fünftel an den Fiskus abgeführt). Ein Hinweis auf Gewinnverschiebung, um Steuern zu vermeiden?

In der internationalen Steuerreformdebatte wird zunehmend eine Abkehr von Gestaltungsfreiräumen der Konzerne zu Gunsten des ersten Steuerprinzips von Ökonomen-Urvater Adam Smith gefordert: "Jedes Subjekt sollte den Staat anteilig zum Umsatz, den es unter dem Schutz des jeweiligen Staates genießt, unterstützen." Wenn es danach ginge, wären 8 Prozent des Shell-Gewinns in Deutschland zu besteuern - und eine Milliardenrechnung des Hamburger Finanzamts fällig.

Benzin an deutsche Autofahrer als selbstlose Wohltat?

Shell verweist auf einen ganz legalen Steuertrick nach deutschem Recht: Verlustvorträge. In den Jahren 2009 bis 2016 habe die Landesgesellschaft rote Zahlen geschrieben, unter anderem "wegen eines Überflusses an Treibstoffen in Europa". Mit diesen Verlusten könne man die heutigen Gewinne zu 60 Prozent verrechnen, der Rest werde nur "minimal besteuert".

Ähnlich läuft es in den Niederlanden, nur in viel größerem Maßstab. Die Konzernzentrale in Den Haag kann auch Verluste aus Zinskosten, Devisengeschäften oder Abschreibungen auf gescheiterte Investments irgendwo in der Welt geltend machen.

Generell weist der Konzern wenig Gewinn in Ländern aus, wo das Downstream-Geschäft dominiert, also der Verkauf von Kraftstoffen. Den Großteil seiner Steuern hingegen zahlt Shell dort, wo das Öl und Gas aus dem Boden geholt wird. Die Upstream-Nationen wie Oman, Nigeria oder Norwegen behalten Milliardenbeträge ein, das Emirat Oman kommt mit 3,26 Milliarden Dollar Steuern sogar auf fast 98 Prozent der lokal erzielten Gewinne. Das Geschäft scheint sich trotzdem zu lohnen.

Fraglich ist allerdings, wie profitabel Shells Upstream-Division ohne den margenschwachen Downstream-Absatz noch wäre. Oder ist der Verkauf von Benzin an deutsche Autofahrer eine selbstlose Wohltat ohne kommerzielles Interesse?

Gewaltige Präsenz auf den Bahamas

In dem Bericht fallen die Bahamas als einer der Top-Ten-Standorte nach Umsatz auf. In dem kleinen Inselstaat sei Shell erst seit 2002 infolge einer Übernahme präsent; die dortige Gesellschaft, die auch noch mit "Ireland Offshore" einen Hinweis auf Steuersparmodelle im Namen trägt, befinde sich jedoch in Auflösung.

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Dafür aber habe man im September 2018 den Rohölhandel für Lateinamerika und Westafrika mit 34 Angestellten von Barbados auf die Bahamas verlegt. Der Standort erlaube häufigere Treffen mit Kunden, von denen Shell seit der Mega-Übernahme der BG Group in der Region mehr habe - und ja, "ohne erhöhte Steuerkosten". Auf den Bahamas wird gar keine Körperschaftsteuer gezahlt.

Shell betont aber, der Staat werde von der OECD wegen hoher Standards zur Steuertransparenz und Informationsaustausch anerkannt. "Wir nutzen solche Standorte nicht, um die Besteuerung von Aktivitäten, die anderswo stattfinden, zu vermeiden", beteuert der Konzern. Der Ölhandel ist jedoch schwer zu lokalisieren - ähnlich global wie Softwarelizenzen oder Patentgebühren, letztlich aber abhängig von der Nachfrage in den Zielländern, denen Steuern entgehen, wenn die Konzerne ihre Freiräume nutzen.

Warum Shell sich selbst in der Schweiz abkassiert

So ist es auch in der Schweiz, wo sich eine starke physische Präsenz von Shell mit einer noch stärkeren virtuellen Präsenz vermischt. Die meisten Markenrechte des Konzerns gehören der Shell Brands International AG aus Baar im Kanton Zug. Dorthin müssen alle Landesgesellschaften, die beispielsweise das Muschel-Logo nutzen, Gebühren überweisen - auch ein Grund für niedrigere Gewinne in Deutschland.

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Shell sieht sich im Recht: Man berechne eigenen Firmen denselben Satz wie Drittparteien am Markt, nach dem seit Jahrzehnten anerkannten (inzwischen aber umstrittenen) Fremdvergleichsgrundsatz ("arm's length principle"). In der Schweiz verbucht Shell jedoch dreimal so viel Umsatz mit eigenen Firmen wie mit Außenstehenden - und das hochprofitabel, aber gering besteuert.

Eine Spur von Willkür bei der Standortwahl offenbart die Tatsache, dass Shell andere Geschäfte kurzerhand aus der Schweiz abzieht: Ab 2020 würden von dort aus keine Anleihen mehr auf den Markt gebracht, die dortigen Devisengeschäfte würden "erheblich reduziert", heißt es in dem Bericht.

Die Briten machen den schlechtesten Deal

Den schlechtesten Deal mit Shell machen wohl die Briten. In seinem Gründungsland, wo der Konzern noch bis 2005 eine Parallel-Holding mit zweitem Hauptsitz in London betrieb, weist Shell zwar einen Umsatz über 108 Milliarden Dollar und auch noch nennenswerten Gewinn aus - aber eine negative Steuerbelastung von minus 115 Millionen Dollar. Das Vereinigte Königreich überwies dem Konzern also unterm Strich Geld aus der Staatskasse.

Shell erklärt, das habe mit der britischen Ölsteuer zu tun. Die könne nämlich auch nachträglich zurückgefordert werden, wenn aktuell Verluste anfielen. 2018 gab es hohe Erstattungen, weil Shell die Nordsee-Bohrinseln im Brent-Ölfeld abreißt und das schon länger aufgegebene Ölfeld Miller auch noch Folgekosten hat. Selbst für das bereits 2007 verkaufte Feld Fulmar konnte Shell noch 150 Millionen Dollar von London zurückfordern.

Noch unklar ist, ob all diese Transparenz allein reicht, um eine effektivere Besteuerung abzuwehren. Die EU-Wettbewerbsbehörde von Margrethe Vestager untersuche die Steuerbeziehung zwischen Shell und den Niederlanden auf unerlaubte Staatshilfe, räumt der Konzern ein. Formelle Ermittlungen gebe es jedoch noch nicht. Falls es soweit kommt, dürften wohl andere die schwierige Moralfrage beantworten.

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