Samstag, 25. Januar 2020

Erstmals ausführlicher Länderbericht Warum Shell kaum Steuern in Deutschland zahlt

Tanklaster vor Shell-Raffinerie in Wesseling bei Köln: Größer in Deutschland als manche Dax-Schwergewichte

Moral? "Das ist ein sehr schwieriges Wort." So antwortete Alan McLean, Vizechef der Steuerabteilung von Shell, auf Fragen im niederländischen Parlament. Er "verstehe, dass es auf manche Leute komisch wirkt, wenn man hier in den Niederlanden Gewinne schreibt, aber keinen zu versteuernden Gewinn ausweist" - der Konzern schrieb im vergangenen Jahr 35,6 Milliarden Dollar Vorsteuergewinn, gab dem Staat an seinem Hauptsitz aber nichts davon ab.

Der Öl- und Gasmulti hat sich jetzt zumindest der Transparenz verschrieben. Als einer der ersten Konzerne hat Shell in dieser Woche einen Länderbericht veröffentlicht, der die weltweiten Geschäftszahlen getrennt nach 98 Ländern auflistet: Umsatz, Gewinn, Steuern, Beschäftigte, Kapital, Aktiva. Die Verpflichtung zu diesem öffentlichen Country-by-country-Reporting, das zum Steuersparen verschobene Gewinne sichtbar machen soll, wurde auf EU-Ebene erst Ende November durch die Enthaltung Deutschlands blockiert.

Solche Berichte anfertigen und den Finanzbehörden melden müssen Großkonzerne seit 2017 ohnehin. Zu einer Pflicht, sie auch zu veröffentlichen, mochte sich das Wirtschaftsministerium von Peter Altmaier (CDU) aber nicht durchringen. Shell tut das nun freiwillig - als Teil einer Initiative namens B-Team, zu deren Gründungsmitgliedern neben Shell beispielsweise die Allianz oder Vodafone gehören.

"Wir wollen einen echten Beitrag für transparentere Steuersysteme leisten", erklärt Konzern-Finanzchefin Jessica Uhl. Der Ansatz solle Unternehmen in die Lage versetzen, "beim Aufbau einer nachhaltigen Gesellschaft zu helfen". Zur Selbstverpflichtung des B-Team gehört, zu erklären, warum der Konzern in manchen Ländern wenige oder keine Steuern zahlt, und welche Gründe es für die Präsenz in Steueroasen gibt. So detailliert wie in Shells 80-seitigem "Tax Contribution Report" hat bisher kaum ein Unternehmen seine globale Anatomie offengelegt.

Shell in Deutschland größer als Daimler oder Telekom

Die Landesgesellschaft Deutsche Shell Holding GmbH in Hamburg wird als wahrer Riese mit 31,3 Milliarden Dollar Umsatz für 2018 enthüllt, fast 8 Prozent des gesamten Konzerngeschäfts. Das stellt selbst Dax-Schwergewichte wie Daimler oder Deutsche Telekom in den Schatten. Shell betreibt in Deutschland rund 2000 Tankstellen, ist an den drei größten Raffinerien und einem Großteil der Gasproduktion maßgeblich beteiligt, auch an dem heiklen Multi-Milliardenprojekt Nord Stream 2.

Als Vorsteuergewinn bleiben in Deutschland jedoch nur 162,6 Millionen Dollar übrig, weniger als 0,5 Prozent des globalen Shell-Ergebnisses (davon aber immerhin zwei Fünftel an den Fiskus abgeführt). Ein Hinweis auf Gewinnverschiebung, um Steuern zu vermeiden?

In der internationalen Steuerreformdebatte wird zunehmend eine Abkehr von Gestaltungsfreiräumen der Konzerne zu Gunsten des ersten Steuerprinzips von Ökonomen-Urvater Adam Smith gefordert: "Jedes Subjekt sollte den Staat anteilig zum Umsatz, den es unter dem Schutz des jeweiligen Staates genießt, unterstützen." Wenn es danach ginge, wären 8 Prozent des Shell-Gewinns in Deutschland zu besteuern - und eine Milliardenrechnung des Hamburger Finanzamts fällig.

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