Donnerstag, 20. Juni 2019

Windanlagenbauer Senvion will sich in Insolvenz sanieren

Senvion-Windräder in der Nordsee: Das Unternehmen braucht Insidern zufolge rund 100 Millionen Euro

Dem Hamburger Windkraft-Konzern Senvion geht das Geld aus. Das angeschlagene Unternehmen stellte am Dienstag Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, nachdem die Verhandlungen mit den Banken und anderen Kreditgebern erfolglos geblieben sind, wie Senvion mitteilte. Die Verhandlungen über ein Finanzierungsangebot für das laufende Geschäft gingen unterdessen weiter.

Wenn die Banken dem doch noch zustimmten, "könnte das Unternehmen den eingeleiteten Prozess erfolgreich abbrechen", erklärte Senvion. Das Insolvenzverfahren bezieht sich zunächst nur auf die Senvion GmbH und deren Deutschland-Tochter, in den nächsten Tagen dürfte aber die börsennotierte Senvion SA folgen.

Die Finanzierungs-Offerte kommt Finanzkreisen zufolge von zwei Hedgefonds, die Kredite über 100 Millionen Euro bereitstellen wollen, mit denen der neue Vorstandschef Yves Rannou den Rückstand bei den Aufträgen aufholen will. Mehrheitsaktionär Centerbridge hätte dagegen nichts einzuwenden, doch die Banken sperren sich.

Die Aktien von Senvion sind unterdessen weiter eingebrochen. Die Papiere des Unternehmens sackten in der Spitze um ein Drittel ab, zuletzt betrug das Minus noch 20,7 Prozent auf 0,92 Euro. Damit sind sie erstmals in ihrer Börsengeschichte weniger wert als 1 Euro, was unter Börsianern als "Pennystock" bezeichnet wird. Schon am Vortag waren sie wegen Finanzsorgen um 7 Prozent gefallen.

Mehrheitsaktionär Centerbridge hat im Januar Dokumenten zufolge bereits 40 Millionen Euro eingeschossen. Die Hedgefonds Anchorage und Davidson Kempner, die inzwischen die Mehrheit an einer 400 Millionen Euro schweren Anleihe mit großen Abschlägen aufgekauft haben, sind bereit, das Geld als Kredit zur Verfügung zu stellen. Die Banken - allen voran die Deutsche Bank und die BayernLB - müssten dem aber zustimmen. Sie haben Senvion insgesamt 950 Millionen Euro geliehen.

Managementfehler brachten Senvion in Bedrängnis

Hedgefonds haben es in der Regel auf einen Tausch von Krediten in Anteile am Unternehmen abgesehen. Erst wenn klar ist, wer Senvion noch Geld gibt, kann ein Sanierungsgutachten fertiggestellt werden, das zeigt, ob das Unternehmen mit 4000 Mitarbeitern dauerhaft überlebensfähig ist. Das Gutachten soll bis Ende April vorliegen.

Verzichten müssten die Banken Insidern zufolge zunächst auf nichts. "Ein Schuldenschnitt ist nicht nötig", betonte einer von ihnen. Senvion sitzt auf einem fünf Milliarden Euro schweren Berg von Aufträgen. Doch Managementfehler hatten den Konzern in eine Zwangslage gebracht. Senvion kommt mit der Abarbeitung der Projekte nicht nach, was zu Umsatzausfällen und Strafzahlungen an Kunden geführt hat. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz daher nur bei 1,45 Milliarden statt der erhofften 1,6 Milliarden Euro. Der bereinigte operative Gewinn (Ebitda) betrug nur die Hälfte der eingeplanten 80 Millionen Euro.

Seit Jahresbeginn ist der ehemalige GE-Manager Yves Rannou dabei, den Rückstand aufzuholen und das Unternehmen neu zu ordnen. Er plant eine "Verschlankung des Produktportfolios", um die Kosten zu senken, sowie Sparmaßnahmen in der Beschaffung und der Produktion. Doch dabei droht ihm nun die Zeit davon zu laufen.

Der Finanzinvestor Centerbridge war vor vier Jahren günstig an Senvion gekommen, weil dessen indischer Eigentümer Suzlon in Engpässe geraten war. Einschließlich Verbindlichkeiten lag der Unternehmenswert damals bei einer Milliarde Euro, Centerbridge zahlte rund 400 Millionen. Der ehemalige Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger führte Senvion 2016 an die Börse.

mg/rtr, dpa-afx

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