Achtung, Saudi-Arabien Diese Länder schwingen sich zu neuen Energie-Supermächten auf

Selbstversorger, Lithium-Abbau, seltene Erden: Die neue Energiewelt bringt neue Trends mit sich - und neue Energie-Supermächte

Selbstversorger, Lithium-Abbau, seltene Erden: Die neue Energiewelt bringt neue Trends mit sich - und neue Energie-Supermächte

Foto: REUTERS

Öl, Kohle, Gas - die Preise für Energierohstoffe sind im freien Fall. Darunter leiden die Energie-Supermächte: Ob Russland, Venezuela, Kanada oder Australien - ganze Volkswirtschaften bekommen die Krise mit voller Härte zu spüren und geraten teils an den Abgrund.

Sogar Saudi-Arabien versucht verzweifelt, die Konkurrenz in einem Ölpreiskrieg aus dem Feld zu drängen. Dabei legt sich Königreich mit den Rohstoffkonkurrenten USA und dem Iran an, häuft ein gigantisches Staatsdefizit an und denkt laut über einen Börsengang des Staatskonzerns Saudi Aramco nach.

Handelt es sich nur um ein zeitweiliges Phänomen, weil die Preise für Brennstoffe bald wieder steigen und dann alles wie zuvor ist? Oder vergeht die Herrlichkeit von Opec und Co. vielleicht sogar für immer?

Möglich ist es. Viele Fachleute rechnen damit, dass Energie trotz wachsender Weltwirtschaft weiter billig bleibt . Ein riesiges Angebot steht einer bestenfalls langsam wachsenden Nachfrage gegenüber. Je länger das so bleibt, desto größer werden die Probleme für Scheichs, Despoten und Demokratien, die stark auf den Export von Energierohstoffen setzen.

Gleichzeitig bauen andere Länder heimische Energiequellen massiv aus - konventionelle wie erneuerbare. Und manche Staaten profitieren zusehends als Industrie-Zulieferer vom Aufschwung von Windkraft, Solarenergie und Elektroautos.

Fünf Länder, so unsere auf zahlreiche Quellen gestützte These, haben das Zeug, Saudi-Arabien, Russland und Co. als Energie-Supermächte zu beerben. Zudem stellen wir drei Kandidaten in Wartestellung vor ("Wildcard"), die ebenfalls stark von den Verschiebungen in der Energiewelt profitieren könnten.

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Indien: Power to the People

Solarlampen erobern Indien: Doch inzwischen schreitet die Versorgung des Landes mit erneuerbaren Energien auch im größeren Stil voran

Solarlampen erobern Indien: Doch inzwischen schreitet die Versorgung des Landes mit erneuerbaren Energien auch im größeren Stil voran

Foto: AMIT DAVE/ REUTERS

Noch ist Indien wie kaum eine anderer Staat bekannt für seine Energiearmut. Hunderte Millionen Einwohner sind nicht ans Stromnetz angeschlossen. Anderswo kommt es im heißen Sommer immer wieder zu Blackouts, weil die Kraftwerke nicht genügend Elektrizität erzeugen.

Doch Präsident Narendra Modi hat das Thema Energie zur Chefsache erklärt . So will Indien seine Kohleproduktion massiv ausbauen. Das macht das Land unabhängiger von Importen. Zudem hat die Regierung extrem ambitionierte Ziele beim Ausbau erneuerbarer Energien ausgegeben: Bis zum Jahr 2022 soll die installierte Solarenergie-Leistung von derzeit fünf auf 100 Gigawatt anwachsen. Die Anlagen würden in der vollen Mittagssonne damit soviel Strom erzeugen wie 100 Atomkraftwerke.

Schon jetzt beginnen Firmen aus aller Welt  mit dem Mammutprojekt. Sie finanzieren Kleinanlagen  in den Dörfern und bauen riesige Solarparks. Die gute Sonneneinstrahlung führt dazu, dass Solarparkbetreiber ihren Strom bereits billiger anbieten als Kohlekraftwerke. Kein Wunder, dass im Kohle-Exportland Australien bereits die Angst vor einer Solarmacht Indien  wächst, die andere Schwellenländer inspiriert und mit Technik beliefert.

USA: Die Disruptoren

Bau der Batteriefabrik von Tesla in Nevada: Konzerne in den USA verknüpfen die Tech- mit der Energiewelt

Bau der Batteriefabrik von Tesla in Nevada: Konzerne in den USA verknüpfen die Tech- mit der Energiewelt

Foto: © James Glover / Reuters/ REUTERS

Warum die USA? Sind die nicht schon eine Energie-Supermacht?

In Sachen Energieverbrauch trifft das wohl zu, bei der Energieproduktion nur zum Teil: So importiert die größte Volkswirtschaft der Welt trotz Fracking netto noch immer gut ein Viertel  des verbrauchten Öls.

Doch der Trend ist eindeutig: Die Vereinigten Staaten bauen ihre Energiewirtschaft massiv aus. Beim Erdgas sind die USA bereits Selbstversorger. (Chemie-) Industrie und Verbraucher profitieren vor Ort erheblich von niedrigen Preisen. Das ist ein grundlegender Unterschied zu Ländern wie Russland oder Venezuela. Dort sind Ausfuhren viel wichtiger als die Nutzung der Rohstoffe vor Ort, Billigpreise wirken fatal.

Doch auch als Exporteur treten die USA zunehmend in Erscheinung. Mehrere Gasverflüssigungs-Terminals gehen in den kommenden Jahren zu diesem Zweck in Betrieb. Zudem sind dank einer historischen Gesetzesänderung künftig Öl-Ausfuhren erlaubt. Das alles stärkt Amerika und schwächt gleichzeitig die klassischen Energie-Supermächte.

Nicht zuletzt etablieren sich die USA als Vorreiter in sauberer Energietechnik. Solar- und Windenergie sind rasch auf dem Vormarsch, die Anlagen werden zum großen Teil im eigenen Land produziert. Tesla  mit seiner im Bau befindlichen Giga-Batteriefabrik ist Vorreiter bei Elektroautos- und Speichern. Apple  , Google  und Co. interessieren sich zunehmend für Elektroautos, erneuerbare Energien und softwaregestützte Energie-Steuerung.

China: Viel hilft viel

Symbol der Stärke: China verfügt über große Vorkommen an Spezialmetallen wie Neodym. Sie werden die unter anderem für Elektromotoren benötigt. Die Stadt Damo in der Inneren Mongolei begrüßt Besucher mit dem Hinweis: "Willkommen in der Region der Seltenen Erden"

Symbol der Stärke: China verfügt über große Vorkommen an Spezialmetallen wie Neodym. Sie werden die unter anderem für Elektromotoren benötigt. Die Stadt Damo in der Inneren Mongolei begrüßt Besucher mit dem Hinweis: "Willkommen in der Region der Seltenen Erden"

Foto: ? David Gray / Reuters/ REUTERS

Viel hilft viel - das scheint Chinas Motto für seine Energiepolitik zu sein. Angesichts von Smog und dringend benötigtem Wirtschaftswachstum baut das Land verschiedene Energieträger in schnellem Tempo aus und hat große Pläne. Einige Beispiele:

• Bis 2025 soll die Leitung von Windkraftanlagen auf 350 Gigawatt erweitert werden 

• Bis 2020 sollen Solaranlagen mit einer Leistung von 200 Gigawatt entstehen

• Im selben Zeitraum will Peking 40 Atomkraftwerke fertigstellen

• Auch Wasserkraft und Erdgasförderung werden ausgebaut.

Für die Analysten von Bloomberg New Energy Finance (BNEF) ist China bereits das absolute Top-Schwellenland bei sauberen Energien . Wie kaum ein anderes Land achtet die Volksrepublik darauf, dass die Anlagen aus heimischer Produktion stammen. Das gilt auch für die Stromnetztechnik, Batterien und Elektroautos - Bereiche, in denen Peking ebenfalls seinen internationalen Führungsanspruch angemeldet hat.

Dabei entstehen potenzielle Weltmarktführer beinahe im Monatsrhythmus: BYD (Batterien, Elektroautos, Busse), Kandi (Elektroautos) oder Solarkonzerne wie Trina, Jinko und Yingli. Zugute kommt dem bevölkerungsreichsten Land der Erde, dass es über große Vorkommen an Seltenen Erden wie Neodym verfügt. Diese finden zum Beispiel in Elektromotoren und Windturbinen Anwendung.

Chile: Stern des Südens

Chile verfügt über die weltgrößten Lithium-Reserven (Foto: Gewinnung in der Atacama-Wüste). Auch einige Nachbarländer wie Bolivien versprechen sich viel vom Abbau des Rohstoffes, der für Batterien benötigt wird.

Chile verfügt über die weltgrößten Lithium-Reserven (Foto: Gewinnung in der Atacama-Wüste). Auch einige Nachbarländer wie Bolivien versprechen sich viel vom Abbau des Rohstoffes, der für Batterien benötigt wird.

Foto: IVAN ALVARADO/ REUTERS
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Lithium: Das weiße Gold

Foto: Doc Searls / CC BY 2.0

Auf der Landkarte versteckt sich Chile unauffällig am westlichen Rand Südamerikas. Jedoch entdecken immer mehr Investoren den seit 1988 demokratisch regierten Staat und stecken Milliarden in den Energiesektor. Im Bloomberg-Ranking der Erneuerbare-Energien-Topländer liegt Chile auf Rang drei.

Chile bietet zuverlässige Winde und extrem starke Sonneneinstrahlung - beste Bedingen für Wind- und Solarenergie. Das Land gilt dadurch als Vorreiter für eine subventionsfreie Integration erneuerbarer Energien ins Stromsystem. Verstärkt setzen Firmen auch bei der Rohstoffproduktion in der Wüste auf billigen, lokal erzeugten Ökostrom.

Zudem verfügt Chile laut US-Regierung über die weltweit mit Abstand größten Lithium-Reserven . Das Metall findet sich in hoher Konzentration in Salzseen in der Atacama-Wüste und dient als bedeutender Grundstoff für Lithium-Ionen-Batterien. Diese finden sich verstärkt in Autos, Stromspeichern und elektronischen Geräten aller Art.

Deutschland: Land (fast) ohne Rohstoffe - na und?

Strom-Selbstversorger Horst Schmitt in der Eifel: Privatleute und Großinvestoren stecken Milliarden in die deutsche Energiewende

Strom-Selbstversorger Horst Schmitt in der Eifel: Privatleute und Großinvestoren stecken Milliarden in die deutsche Energiewende

Foto: manager magazin
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Blockheizkraftwerk, Solaranlage, Batterie: Wie ein Selbstversorger-System funktioniert

Foto: Horst Schmitt

Atomausstieg, Erneuerbare-Energien-Gesetz, bald womöglich ein Kohleausstieg: Für seine Energiewende ist Deutschland weltweit berühmt. Das Mammutprojekt dient sowohl als Vorzeige- als auch als Negativbeispiel.

Zwar sind einzelne Bestandteile der Energiewende schlecht aufeinander abgestimmt, und das Vorhaben ist wenig mit anderen Ländern koordiniert. Doch unterm Strich hat es die Bundesrepublik im Wettrennen um die Energieversorgung der Zukunft vielversprechend positioniert.

Vor allem in der Windkraft sind Tausende Arbeitsplätze entstanden, und es werden mehr. Firmen wie Siemens  , Nordex  und Enercon spielen weltweit oben mit. Dies auch technologisch, wie im Bereich der Offshore-Windparks oder bei Schwachwindrotoren.

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Ranking der Tesla-Fighter: Diese Batterie-Mittelständler bieten Elon Musk die Stirn

Foto: E3/DC

Zudem investieren auch private und gewerbliche Verbraucher sowie Finanzkonzerne Milliarden in Deutschlands Energieversorgung. Firmen aus den Bereichen Batterie- und Systemtechnik entstehen neu, alte wachsen. Sie schaffen ein weltweit einmaliges System, das zentrale und dezentrale Energieversorgung kombiniert.

Gelingt der Umbau, ist das System eine Blaupause für andere Industrieländer, an deren Export deutsche Firmen gut verdienen könnten. Denn so geht Energie-Supermacht in Zukunft: Nicht Rohstoffe sind in erster Linie gefragt, sondern Technik und Ideen.

Wildcard I - Brasilien - Die Kraft des Waldes

Staudamm Itaipu in Brasilien: Die Kraft des Wasser wird schwächer

Staudamm Itaipu in Brasilien: Die Kraft des Wasser wird schwächer

Foto: © Str Old / Reuters/ REUTERS

Viele Fachleute sehen Brasilien ebenfalls als Energiemacht der Zukunft. In kaum einem anderen Land spielt die Wasserkraft eine derart große Rolle wie in Brasilien, weitere Großprojekte befinden sich im Bau. Hinzu kommt die Biomasse: Zuckerrohr und andere Energiepflanzen diesen als Grundstoff für die Kraftstoff-Produktion. Brasilien ist der zweitgrößte Ethanol-Hersteller nach den USA.

Jedoch leidet die Energiewirtschaft in Brasilien zunehmend unter den Folgen von Waldrodung und Klimawandel. Aufgrund von Dürren haben der Regenwald und die großen Flüsse ihre Kraft als Wasserkraft-Spender zum Teil verloren . Investitionen in fossile und erneuerbare Kraftwerke sollen die Misere ausgleichen.

Derzeit scheint Brasilien (energie-) wirtschaftlich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass aus dem Land kurzfristig eine neue Energiemacht mit Strahlkraft nach außen werden könnte. Das kann sich aber wieder ändern - das Potenzial ist jedenfalls da.

Wildcard II - Marokko: Die Kraft der Wüste

Solarthermisches Kraftwerk in Beni Mathar: Marokko setzt auf erneuerbare Energien - und möchte Strom exportieren

Solarthermisches Kraftwerk in Beni Mathar: Marokko setzt auf erneuerbare Energien - und möchte Strom exportieren

Foto: RAFAEL MARCHANTE/ Reuters

Der alte Traum vom Strom aus der Wüste - in Marokko lebt er noch. Und das, obwohl die Desertec-Initiative, die den Plan einst entwickelt hat, durchs Tal der Tränen geht.

Da Marokko über keine nennenswerte Rohstoff-Vorkommen verfügt, setzt das Land konsequenter als seine Nachbarstaaten auf Wind und Sonne . So entsteht in der Stadt Ouarzazate das größte solarthermische Kraftwerk der Welt mit einer Leistung von 580 Megawatt.

Weil Strom in Europa jedoch zuletzt deutlich billiger geworden ist, wird aus dem Plan, massenhaft Strom auszuführen, vorerst nichts. Dies auch, weil im Nachbarland Spanien viele Kraftwerke einer schwachen Nachfrage gegenüber stehen. Sobald sich diese Rahmenbedingungen ändern, könnte Marokko aber doch noch zu einem bedeutenden Stromexporteur werden.

Wildcard III - Island: Die Kraft der Vulkane

Geothermiekraftwerk Svartsengi: Island plant ein 1000-Kilometer-Stromkabel nach Schottland

Geothermiekraftwerk Svartsengi: Island plant ein 1000-Kilometer-Stromkabel nach Schottland

Foto: BOB STRONG/ REUTERS

Seit Jahrzehnten nutzt Island kostenlose Erdwärme sowie Wasserkraft für die Produktion von Strom und Wärme. Aus diesem Grund siedeln sich energieintensive Industrien wie Aluminiumhütten oder Rechenzentren auf der Insel an.

Einen neuen Schub könnte das 320.000-Einwohner-Land von einem geplanten Stromkabel nach Großbritannien bekommen. Ab 2024 will Island fünf Terawattstunden Elektrizität pro Jahr in Richtung Süden exportieren .

Die unsichtbare Ware hätte einen Wert von etwa 250 Millionen Euro. Das sind immerhin fast 1000 Euro pro Einwohner und Jahr. Das Projekt würde der Handelsbilanz des Landes einen kräftigen Schub versetzen: Sie lag 2014 mit 300 Millionen Euro im Plus.

Doch auch im Fall Island verschlechtert der niedrige Strompreis die Wirtschaftlichkeit des Projekts. Der isländische Stromnetzbetreiber hofft jedoch, dass Großbritannien wegen seiner akuten Versorgungsprobleme  bald grünes Licht für das 1000-Kilometer-Kabel gibt.