Drohender Mangel an Fahrzeugglas Wie die Gaskrise zum nächsten Problem der Autoindustrie werden kann

Der Autozulieferer Saint-Gobain Sekurit verglast jedes dritte europäische Auto – und erstellt gerade Notfallpläne für den Fall einer Gasrationierung.
Die Glasproduktion: Die Industrie ist einer der Branchen mit dem größten Gasverbrauch, ein Abschalten der Schmelzwannen würde zu Schäden führen

Die Glasproduktion: Die Industrie ist einer der Branchen mit dem größten Gasverbrauch, ein Abschalten der Schmelzwannen würde zu Schäden führen

Foto: XavierPopy_REA / Saint-Gobain

Seit Montagmorgen fließt durch die Pipeline Nord Stream 1 kein Gas mehr. Die zuletzt wichtigste Route für russisches Erdgas nach Deutschland wird gewartet. Ob Russland anschließend die Lieferung wieder aufnimmt? Maik Cebulla (47) hält das für unwahrscheinlich. Und er weiß, dass nicht nur seine Firma dann absehbar ein Problem hat – sondern die gesamte deutsche Autoindustrie.

Cebulla ist Geschäftsführer Personal bei Saint-Gobain Sekurit Deutschland. In jedem dritten europäischen Auto sind Windschutzscheiben, Fenster oder Glasdächer von Sekurit eingebaut. Ob VW, BMW, Mercedes-Benz, Stellantis oder Tesla: sie alle beziehen Fahrzeugglas von dem Unternehmen mit deutschem Sitz im nordrhein-westfälischen Herzogenrath. Sekurit ist damit die Achillesferse der deutschen Automobilindustrie, wenn es zu einer Gasknappheit kommen würde – und das perfekte Beispiel, warum die Frage der Gasabschaltung schwieriger ist, als man im ersten Moment glauben könnte.

Seit Monaten wird in Deutschland diskutiert, wie das Land mit einer Rationierung von Gas umgehen sollte. Schon im April forderte Multiaufsichtsrat Karl-Ludwig Kley im Interview mit manager magazin  von der Politik im Fall eines Gasmangels Vorrang für Unternehmen – statt wie bisher vorgesehen als erstes der Industrie den Gashahn zuzudrehen, um die Versorgung der Privathaushalte sicherzustellen. In den vergangenen Wochen hat die Debatte an Schärfe gewonnen, wer wann und wie von Rationierungen betroffen sein wird.

Worst-Case-Szenario: Stillstand

Maik Cebulla weiß, dass sich der Fokus relativ früh auf seine Branche richten wird, wenn die Bundesnetzagentur Gas rationieren muss. Denn Glas herzustellen, ist extrem energieintensiv. Und ohne Gas geht bei der Produktion von Glas nichts. Mit allen Mitteln versucht Cebulla deswegen derzeit, den größtmöglichen Schaden abzuwenden. "Alle versuchen, das, was irgendwie geht, umzuorganisieren, Alternativen zu finden", sagt er.

Bei Sekurit haben sie für das Worst-Case-Szenario einer reduzierten Gaslieferung oder gar Abschaltung in der Glasindustrie Notfallpläne erstellt. Ergebnis: Eine eingeschränkte Gasversorgung wäre für Sekurit selbst nicht tragisch. Das Unternehmen braucht Gas nur zum Beheizen der Werkshallen, nicht für die Produktion selbst. Die Aggregate und Maschinen werden mit Strom betrieben. Heizen ließe sich zur Not auch mit Öl. Entsprechende Öltanks hat das Unternehmen bereits angeschafft und Lieferverträge abgeschlossen.

Doch es gibt ein anderes Problem: Sekurit ist Teil einer Wertschöpfungskette. Das Unternehmen verarbeitet sogenanntes Flachglas weiter zu Autoglas – etwa für Windschutzscheiben. Das Vorprodukt bezieht Sekurit von seinen Schwestergesellschaften. Und die wiederum können nicht ohne das Gas. Die sogenannten Schmelz- oder Glaswannen, mit denen das Rohglas hergestellt wird, laufen nur unter Befeuerung mit Gas. "Die lassen sich nicht abschalten", erklärt Cebulla, der selbst viele Jahre bei einer der anderen Saint-Gobain-Töchter arbeitete.

In der Schmelzwanne wird das aufgegebene Gemenge, das aus verschiedenen Rohstoffen besteht, erschmolzen. "Das ist eine Schmelze mit flüssigem Zinnbad", sagt Professor Stefan Iskan von der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, der sich mit Automotive Supply Chain Management beschäftigt. Schaltet man die Glaswannen ab, kommt es zu irreparablen Schäden an den Wannen, die bis zu 40 Millionen Euro kosten und eigentlich nur alle 18 bis 20 Jahre ausgewechselt werden. "Das Einzige, was wir machen können, ist, die Wannen kontrolliert herunterzufahren und warmzuhalten", erklärt Cebulla. Das geht auch mit Öl und wenn nötig für viele Monate. Auf diese Weise hat das Unternehmen in der Vergangenheit des Öfteren die Produktion angehalten, etwa bei einer Überversorgung des Glasmarkts.

Die Autoindustrie ist nervös

Für Sekurit und die Autohersteller hätte dieses Szenario ernste Folgen. "Wenn das Rohglas nicht mehr kommt, weil Gas fehlt, dann müssen wir unsere Anlagen zumindest befristet stilllegen", sagt Cebulla. Fehlt das Fahrzeugglas, dürfte es auch für die Automobilhersteller schwierig werden, die Produktion aufrechtzuerhalten.

Die Nervosität ist deswegen groß in der Autoindustrie. "Das Abschalten des Gas für Deutschland würde eine neue Teileversorgungskrise auslösen", sagte Audi-Chefstrategien Silja Pieh (47) kürzlich. "Wir bekämen etwa kein Autoglas mehr." Genauso wenig kann ein Elektro-Pkw-Hersteller ein Auto ohne Aluminium-Batteriekasten verkaufen. Mercedes-Chef Ola Källenius (53) warnte vor einschneidenden Folgen, die "weite Teile der Wirtschaft betreffen", sollte es zu einem Gaslieferstopp kommen.

Wie schwer Lieferengpässe die Autoindustrie treffen können, hat sich in den vergangenen Monaten gezeigt. Es fehlten nicht nur Halbleiter, sondern teilweise Kabelbäume aus der Ukraine. Praktisch alle großen Autobauer von BMW bis Volkswagen mussten die Produktion wegen fehlender Teile zwischenzeitlich drosseln oder ganz aussetzen. Und jetzt bahnt sich auch noch eine Gaskrise an.

Die politische Lobbyarbeit hat begonnen

Für Sekurit und seine Schwesterfirmen kommt die Gaskrise zu früh – denn eigentlich hat das Unternehmen sich schon vor zwei Jahren entschieden, aus Gründen der Nachhaltigkeit künftig vom Gas Abschied zu nehmen. Mit Fördergeldern des Landes Nordrhein-Westfalen prüfen Vorstudien derzeit, ob sich die Glasproduktion auf Wasserstoff umstellen lässt. Der Umstieg war für den Zeitpunkt der nächsten Wannenreparatur angedacht. Das wäre erst 2025/2026. Die Krise erhöht den Druck früher vom Gas auszusteigen. Doch die Technik ist noch nicht fertig. "Wir sind ehrlicherweise noch nicht so weit", sagt Cebulla.

Daher kämpfen Geschäftsführer und seine Kollegen dafür, in der Abschaltreihenfolge an hinterer Stelle zu stehen . Über die Branchenverbände lobbyiert das Unternehmen bei der Politik, der Bundesnetzagentur und den jeweiligen Versorgern und Netzbetreibern dafür, die wirtschaftlichen Folgen der Industrie im Ernstfall zu berücksichtigen. Dazu hat sich das Unternehmen sogar mit Wettbewerbern zusammengerauft, wie Cebulla erzählt. Denn die Branche ist überschaubar – und war bis vor wenigen Wochen kaum in der Öffentlichkeit bekannt. Die Lobbyarbeit scheint zu wirken. Jetzt ist die Industrie sogar Thema in Talkshows in Berlin, erzählt Cebulla stolz. "Man nimmt uns wahr."

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