Partnerschaft RWE und Equinor planen Wasserstoffpipeline nach Deutschland

Die Energiekonzerne haben eine strategische Allianz geschlossen, um Wasserstoff aus Norwegen nach Deutschland zu bringen. Es ist ein Multimilliardenprojekt – das allerdings erst in etlichen Jahren grün werden soll.
Deal: RWE-Chef Markus Krebber (l.) und Equinor-Boss Anders Opedal unterzeichnen den Pakt, sehr zur Freude von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre.

Deal: RWE-Chef Markus Krebber (l.) und Equinor-Boss Anders Opedal unterzeichnen den Pakt, sehr zur Freude von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Die Energiekonzerne RWE und Equinor wollen Wasserstoff aus Norwegen nach Deutschland leiten. Gemeinsam wollen die beiden Unternehmen dafür Förderanlagen und Kraftwerke in Deutschland errichten – entlang der weltweit ersten Pipeline dieser Art. Die so entstehende Lieferkette für kohlenstoffarmen Wasserstoff würde es Deutschland ermöglichen, seine Abhängigkeit von der Kohleverstromung und damit seine CO2-Emissionen zu verringern, erklärten die Unternehmen am Donnerstag anlässlich des Abschlusses einer strategischen Allianz.

Das Multi-Milliardenprojekt ist auf mehrere Jahre angelegt – alle Genehmigungen vorausgesetzt, könnte die Pipeline 2030 in Betrieb gehen. Zunächst wird sie dann sogenannten blauen Wasserstoff nach Deutschland leiten. Er wird aus Erdgas gewonnen, das bei der Produktion anfallende CO2 soll dabei abgeschieden und mit der sogenannten CCS-Technik zu 95 Prozent in Norwegens Boden gelagert werden. Erst im Laufe der Jahre soll dann auch zunehmend klimaneutraler grüner Wasserstoff durch die Pipeline nach Deutschland fließen; er wird durch die Elektrolyse von Wasser unter Verwendung von Strom aus erneuerbaren Energien hergestellt.

RWE-Chef Markus Krebber (49), aktuell Deutschlands wohl einflussreichster Energiemanager , steht in der Heimat in diesen Tagen unter Druck. Wegen der Ausweitung des Braunkohletagebaus in Lützerath protestieren Klimaaktivisten scharf gegen RWE. Die Wasserstoffallianz mit dem mehrheitlich staatlich dominierten Equinor-Konzern gibt Krebber die Chance, RWE in anderem Licht zu präsentieren. Um bei der Umstellung von fossilen Brennstoffen voranzukommen, sei ein rascher Ausbau der Wasserstoffwirtschaft dringend erforderlich, erklärte der Manager. "Blauer Wasserstoff in großen Mengen kann den Anfang machen und anschließend immer grüner werden."

"Zweistelliger Milliardenbetrag"

Zur Höhe der Investitionen machten die Unternehmen keine Angaben. RWE erklärte lediglich, die Partnerschaft werde Investitionen in Höhe von mehreren Milliarden Euro umfassen. Für weitere Details sei es zu früh. "Zunächst einmal muss die Infrastruktur aufgebaut und ein geeigneter politischer Rahmen geschaffen werden", so das Unternehmen. Der CEO von Equinor, Anders Opedal, sagte gegenüber Reuters, die Kosten für die gesamte Lieferkette könnten sich auf einen "zweistelligen Milliardenbetrag" belaufen. Allein die Pipeline würde 3 Milliarden Euro kosten und wäre die erste ihrer Art weltweit.

Sie könnte in der Zukunft 4 Millionen Tonnen Wasserstoff pro Jahr transportieren. Die Energiemenge von 135 Terawattstunden entspricht aktuell der gesamten norwegischen Wasserkraftproduktion. "Es handelt sich also um eine gewaltige Energiemenge, die durch diese Pipeline geleitet werden kann", sagte Opedal.

Wie entsteht Wasserstoff? Wasserstoff (H2 in Gasform) ist das häufigste Element in unserem Universum und hat bezogen auf die Masse eine hohe Energiedichte – 1 KG enthält etwa so viel Energie wie 3 KG Benzin. H2 ist leichter als Luft, farb- und geruchlos, verbrennt emissions- und rückstandsfrei. Wasserstoff existiert auf der Erde nicht in Reinform, sondern nur in Verbindungen. Um H2 zu gewinnen, muss Wasser (H2O) durch den Einsatz von Energie (Elektrolyse) in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt werden. Die dafür eingesetzte elektrische Energie wird dabei in chemische Energie umgewandelt und in Wasserstoff gespeichert. Wasserstoff ist also ein Energieträger und keine Energiequelle.

Kommt bei der Elektrolyse Ökostrom zum Einsatz, spricht man von "grünem" Wasserstoff; wird fossiles Erdgas eingesetzt, entsteht mittels Dampfreformierung so genannter "grauer" Wasserstoff, bei dessen Produktion viel CO2 frei wird. Grauer Wasserstoff ist nicht klimaneutral. "Blauer" Wasserstoff ist grauer Wasserstoff, bei dessen Produktion das CO2 abgeschieden und zum Teil im Erdboden gespeichert wird (CCS, Carbon Capture and Storage) – aber eben nur zum Teil. Von "türkisem" Wasserstoff wiederum spricht man, wenn er über die thermische Spaltung von Methan (Methanpyrolyse) hergestellt wird. Statt CO2 entsteht fester Kohlenstoff. Kritiker  bewerten unter Verweis auf wissenschaftliche Forschung  blauen und türkisen Wasserstoff nicht als klimaneutral.

Zur Speicherung und den Transport von Wasserstoffenergie muss H2 wieder gebunden werden, meist mit CO2 oder Stickstoff (N2). Nachteil: Jeder Umwandlungsprozess kostet wieder Energie.

Wo ist der Einsatz von Wasserstoff sinnvoll? Da, wo Elektrifizierung unwirtschaftlich oder prozesstechnisch nur schwer möglich ist, sagen Experten. Sie haben vor allem die Industrie (Kunststoffproduktion, Stahlerzeugung) Teile des Schwerlastverkehrs (Brennstoffzelle, synthetische Kraftstoffe) und des Wärmemarktes (Industriewärme durch Verbrennen von Wasserstoff) als prädestinierte Verbraucher von grünem Wasserstoff ausgemacht, wo bislang vor allem fossile Energieträger zum Einsatz kommen.

Wie teuer ist die Herstellung von grünem Wasserstoff? Die genauen Kosten sind noch unklar, viele Wasserstofftechnologien noch nicht marktreif und die Erzeugung von grünem Wasserstoff bislang teuer. Fossile Energieträger waren lange Zeit günstiger, doch ihr Kostenvorteil schwindet mit der aktuellen Preisexplosion. Klar ist: Grüner Wasserstoff wird umso günstiger, je günstiger sich Ökostrom erzeugen lässt und je effizienter die Wasser-Elektrolyse wird. Weitere Antworten auf die häufigsten Fragen finden sich unter anderem hier  und hier .

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Schon heute ist Norwegen einer der großen Wasserstoffproduzenten Europas. Equinor plant Investitionen, um bis 2030 zunächst blauen Wasserstoff mit einer Kapazität von zunächst 2 Gigawatt (GW) produzieren zu können; bis 2038 sollen es bis zu 10 Gigawatt sein. Der Wasserstoff soll in die neue Pipeline nach Deutschland eingespeist werden, die derzeit von Gassco, Equinor und Dritten geprüft wird. RWE wäre dann der Abnehmer am anderen Ende.

Gemeinsam wollen die beiden Unternehmen auch den Bau von Kraftwerken in Deutschland voranbringen, um den ankommenden Wasserstoff in Strom umwandeln zu können. Die neuen Anlagen sollen allerdings zunächst mit Erdgas und erst später mit Wasserstoff befeuert werden. Erst im Laufe der Jahre soll der blaue Wasserstoff mehr und mehr durch grünen ersetzt werden. Dafür wollen RWE und Equinor Projekte entlang der Pipeline entwickeln, um etwa Wasserstoff mit Offshore-Windturbinen zu erzeugen. In der Nordsee kooperieren sie bereits bei einem Offshore-Windpark, der später einmal auch mit Elektolyseuren verbunden und direkt auf dem Meer grünen Wasserstoff erzeugen soll.

Hoffnung in Niedersachsen

In Deutschland brachte sich unterdessen bereits Niedersachsen als Zielort der Pipeline ins Spiel. Wilhelmshaven etwa sei wegen bestehender Projekte zur Erzeugung und Einfuhr von Wasserstoff "ein idealer Anlandungspunkt für die angedachte Wasserstoff-Pipeline aus Norwegen", sagte Wirtschaftsminister Olaf Lies (55; SPD). "Eine internationale Kooperation wie diese wäre eine riesige Chance für Niedersachsen und die Transformation unserer Wirtschaft."

In Wilhelmshaven war im Dezember das erste deutsche Terminal zur Einfuhr von verflüssigtem Erdgas (LNG) eröffnet worden. Schrittweise soll die Einfuhr fossiler Gase dort durch den Import sogenannter grüner Gase wie eben grünem Wasserstoff ersetzt werden. Vor allem bei industriellen Prozessen biete Wasserstoff dabei "hinsichtlich unserer Klimaziele die häufig einzig realistisch umsetzbare Lösung", sagte Lies, der seinen Wahlkreis im an Wilhelmshaven angrenzenden Landkreis Friesland hat.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (53; Grüne) ist am Donnerstag nach Norwegen gereist, um mit norwegischen Regierungsvertretern über Energie- und Wirtschaftsfragen zu sprechen. Das Land ist nach Angaben der Bundesregierung inzwischen Deutschlands wichtigster Energielieferant.

lhy/Reuters, DPA
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