Sonntag, 21. April 2019

"Atomkraft war ein teuer Fehler" RWE kämpft gegen Kernenergie-Comeback in England

Anti-Atomprotest in England: Auch der britische RWE-Statthalter hält das 35-Milliarden-Euro-Kraftwerk Hinkley Point für zu teuer
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Anti-Atomprotest in England: Auch der britische RWE-Statthalter hält das 35-Milliarden-Euro-Kraftwerk Hinkley Point für zu teuer

Wie sich die Zeiten ändern: In Deutschland hat der Essener Energiekonzern RWE lange gut von seinen Atomkraftwerken gelebt und die Technologie vehement gegen Kritiker verteidigt. Doch seit das Unternehmen ums Überleben kämpft, ist das alles vorbei. In Großbritannien, wo die Regierung den Bau des 3200-Megawatt-Kraftwerks Hinkley Point plant, schlägt sich das Unternehmen nun sogar auf die Seite der Kernenergiegegner.

"Wir werden einmal zurückblicken und sehen, dass die Atomkraft ein teurer Fehler war", sagte der Chef der britischen Konzerntochter RWE npower, Paul Massara, gegenüber der "Sunday Times". Seine Kinder und Enkelkinder würden einmal feststellen, dass "große, zentral geplante" Projekte die falsche Lösung für die Energie-Probleme gewesen seien.

Massara stößt sich an den hohen Subventionen, die London für die beiden Kraftwerksblöcke aufwenden will. Damit sich das 35-Milliarden-Euro-Projekt für den französischen Betreiber EdF lohnt, hat die Regierung einen garantierten Preis von umgerechnet 130 Euro pro Megawattstunde Strom versprochen.

Windstrom kostet halb so viel wie Atomstrom

Die Vereinbarung gilt für 35 Jahre und wird sogar noch an die Inflation angepasst. Zum Vergleich: Betreiber von Windkraftanlagen bekommen in Deutschland 50 bis 90 Euro pro Megawattstunde Strom - für maximal 20 Jahre und ohne Inflationsausgleich.

Auch auf dem britischen Strommarkt kostet Elektrizität derzeit kaum halb so viel wie der vereinbarte Preis für EdF. Die Mehrkosten werden auf die Rechnung der Stromverbraucher umgelegt, ähnlich wie bei der deutschen Ökostromförderung.

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Große Teile der britischen Wirtschaft und Finanzexperten laufen nun Sturm gegen die massiven Atomsubventionen. Für das Geld könne man auch moderne Gaskraftwerke mit einer Leistung von 50.000 Megawatt bauen, sagte Energieanalyst Peter Atherton von der Investmentbank Jefferies, wie der "Guardian" berichtet. Diese könnten nahezu den gesamten britischen Strombedarf decken. Das Atomkraftwerk stellt nur 7 Prozent bereit.

Das Projekt sei zu groß, zu teuer und die geplante Druckwasser-Technik nicht erprobt, kritisieren die Energieexperten der Bank HSBC. Zudem sinke der Stromverbrauch in Großbritannien, und über neue Leistungen könne das Land mehr Strom günstig vom Festland importieren. "Es gibt genügend Gründe, das Projekt aufzuschieben oder zu beenden."

Wie in vielen anderen Ländern erreichen die meisten britischen Atomkraftwerke bald ihre Altersgrenze. Neubauten sind in Europa bisher extrem rar und teuer. Die Finanzierung von Hinkley Point gilt als eine mögliche Blaupause für ein Comeback von Kernenergie-Projekten.

Bau von Kernkraftwerken ist für RWE und Eon nicht mehr opportun

Innerhalb der Energiewirtschaft ist RWE nicht allein mit der Kritik an dem britischen Vorhaben. Zuletzt haben mehrere Ökostromversorger aus Deutschland und Österreich Großbritannien wegen des Deals verklagt.

Wie RWE und andere britische Versorger befürchten sie, dass der Strompreis am Markt durch den garantiert abgenommen Atomstrom sinkt und ihre Anlagen daher an Wert verlieren. Auch die EU-Mitglieder Österreich und Luxemburg klagen gegen London, weil das Megaprojekt den Wettbewerb verzerre.

RWE und der deutsche Wettbewerber Eon waren bis vor einigen Jahren selbst am Bau von Kernkraftwerken in Großbritannien interessiert. Doch da ihre Finanzkräfte im Zuge der deutschen Energiewende schwanden, zogen sich die Unternehmen 2012 aus den Projekten zurück. Sie wollen sich künftig auf Ökostromprojekte, Netze und Energiedienstleistungen konzentrieren.

In dem Zusammenhang berät der RWE-Aufsichtsrat am Montag über tiefgreifende Änderungen an der Konzernstruktur. Der Bau von Kernkraftwerken im Ausland ist für RWE und Eon schlicht nicht mehr opportun.

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