Kohletagebau Garzweiler RWE bangt um sein braunes Gold

Für RWE geht es ans Eingemachte: Weil die Energiewende den Konzern immer stärker schmerzt, kokettiert der Versorger sogar mit dem Aus für den Braunkohletagebau Garzweiler. Nun soll der Staat den Goldesel retten.
Bedrohter Gewinnbringer: Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler

Bedrohter Gewinnbringer: Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Hamburg - Auf den ersten Blick war die Reaktion von Peter Terium klar und deutlich. "RWE hält an seinen bisherigen Planungen zur Fortführung des Tagebaus Garzweiler II unverändert fest", ließ der RWE-Chef ausrichten, nachdem die "Süddeutsche Zeitung" zuvor das Gegenteil nahegelegt hatte.

Deren Bericht zufolge prüft RWE  intern, den Tagebau schon 2017 oder 2018 statt Mitte des Jahrhunderts zu schließen. Angesichts eines hohen Angebotes an billigem Ökostrom sei selbst die Braunkohle bald nicht mehr wirtschaftlich. Zudem gebe es zunehmend Gegenwind aus der Politik und von Gerichten.

Doch obwohl Terium nun abwiegelt - auf den zweiten Blick wird erneut deutlich, wie sehr die Energiewende seinen Konzern inzwischen ins Mark und damit auch die Braunkohleverstromung trifft. Selbst diese ist offenbar existenziell bedroht von den Verwerfungen am Energiemarkt. Zu den Turbulenzen kommt es, weil stetig wachsende Mengen aus subventioniertem Wind- und Solarstrom die Netze fluten.

Ein Thema für die Koalitionsverhandlungen?

RWE gibt offen zu, dass die Braunkohle langfristig nur eine Zukunft habe, wenn sich die energiepolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland ändern. Das Unternehmen setze darauf, "dass sich der regulatorische Rahmen auf den Energiemärkten so verändern wird, dass auch die konventionelle Stromerzeugung eine Perspektive hat", heißt es in der Mitteilung. Genau deshalb stünden "Ausstiegsplanungen oder Entscheidungen über ein vorzeitiges Ende eines Tagebaus nicht an".

Mit anderen Worten: Ohne Hilfe des Gesetzgebers stünde Garzweiler II womöglich doch zur Disposition. Das deckt sich mit früheren Aussagen des Versorgers, wonach Braunkohlekraftwerke von der vorzeitigen Schließung bedroht sind.

Somit kommt RWE die Aufregung um Garzweiler nicht eben ungelegen - vor allem, wenn der Hilferuf auch in Berlin erhört wird, wo gerade um eine neue Regierungskoalition gerungen wird. In den Verhandlungen spielt die Energiepolitik eine entscheidende Rolle - und damit faktisch auch die Lage der gebeutelten Energiekonzerne.

Möglicherweise geht es dabei schon um Marktregeln, die konventionelle Kraftwerke wieder "ins Geld" bringen sollen. In einem Kapazitätsmarkt etwa würden Versorger eine Vergütung dafür erhalten, dass sie Kraftwerke als Reserve für wind- und sonnenarme Zeiten vorhalten - Ähnliches ist bisher nur über eine Art Notverordnung möglich, die Stilllegungen verhindern soll. Finanzanalysten sehen in einer solchen Regelung eine von ganz wenigen positiven Entwicklungen, die für die Versorger in den nächsten Jahren denkbar sind.

Die Lizenz zum Gelddrucken gilt nicht mehr

Als Blaupause für ein solches Verfahren gilt das Gaskraftwerk Irsching. Auch Steinkohlekraftwerke könnten unter eine solche - stark umstrittene - Regelung fallen. Dass allerdings auch die Braunkohle bedürftig ist - diese Botschaft ist noch relativ neu.

Lange war der Abbau des Rohstoffs so etwas wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Mit riesigen Baggern tragen die Kumpel den Rohstoff unter freiem Himmel ab. Ganze Dörfer, Eisenbahnstrecken und Autobahnen müssen weichen. Auf Förderbändern gelangt die Kohle in die nur wenige Kilometer entfernten Großtraftwerke. Keine Lieferengpässe, keine steigenden Weltmarktpreise können diesem Geschäft einen Strich durch die Rechnung machen.

"Braunkohle ist inkompatibel mit der Energiewende"

"Mit der Braunkohle konnte man noch gutes Geld verdienen", sagt Analyst Erkan Aycicek von der Landesbank Baden-Württemberg. Zuletzt halfen dabei auch niedrige Preise für Kohlendioxid-Zertifikate, die Versorger für jede erzeugte Tonne des Klimagases kaufen müssen. "Unter den aktuellen Rahmenbedingungen ist Braunkohle nach wie vor attraktiver als Steinkohle und Gas."

Doch die Zeiten könnten sich ändern. Eine neue Bundesregierung mit SPD oder Grünen am Kabinettstisch könnte in Brüssel stärker darauf drängen, dass die Zertifikate verknappt werden und sich deshalb verteuern. Außer Umweltschützern dringen darauf auch RWE-Widersacher Eon  und andere europäische Versorger. Sie verfügen über große, im Vergleich zur Braunkohle saubere Gaskraftwerken. Doch viele - wie in Irsching - stehen oft still, weil Braunkohlestrom billiger ist.

So sicher das Geschäft mit der Braunkohle einmal war, so groß sind inzwischen die Risiken politischer und gesellschaftlicher Natur. "Braunkohle ist inkompatibel mit der Energiewende", sagt Energieexperte Christian von Hirschhausen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Zu schlecht regelbar, vor allem aber zu dreckig seien die Kraftwerke, um damit die Klimaziele zu erreichen.

Damoklesschwert in Karlsruhe

Ein künftiges Klimaschutzgesetz, aber auch steigende Preise für CO2-Zertifikate machten den Energieträger bald mehr oder weniger obsolet. Alle Versorger, auch Vattenfall, müssten sich deshalb über einen Ausstieg aus der Braunkohle nachdenken. Eon hat einen Teil seiner Aktivitäten in dem Bereich bereits verkauft.

Zwar malen längst nicht alle Energiefachleute so schwarz für die Braunkohle wie von Hirschhausen. Dennoch wäre es nicht überraschend, wenn auch RWE intern wenigstens Szenarien durchspielt, wie der Konzern den Anteil von Braunkohlestrom reduzieren kann. "Mittelfristig könnte RWE aus dieser Form der Stromerzeugung ein großer Imageschaden erwachsen", sagt Analyst Aycicek.

Wie ein Damoklesschwert hängen zudem juristische Unwägbarkeiten über dem braunen Gold. Derzeit prüft das Bundesverfassungsgericht, ob es sich einfach so mit dem Grundgesetz vereinbaren lässt, wenn ganze Dörfer zugunsten der schmutzigen Energiegewinnung aus Braunkohle weggebaggert werden. Dies erscheint zunehmend unwahrscheinlich, seit mit den erneuerbaren Energien andere heimische und zunehmend preiswerte Stromquellen zur Verfügung stehen, die gemeinsam mit gut regelbaren Gaskraftwerken die Versorgung sichern können.

Umso wichtiger ist es für RWE, im gegenwärtigen energiepolitischen Pokerspiel gut wegzukommen. Sollte der Braunkohletagebau Garzweiler II dabei langfristig zu einer gut bezahlten energiepolitischen Notreserve herabgestuft werden, wäre für RWE schon viel gewonnen.

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