Dienstag, 23. Juli 2019

Kohletagebau Garzweiler RWE bangt um sein braunes Gold

Bedrohter Gewinnbringer: Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler

2. Teil: Die Lizenz zum Gelddrucken gilt nicht mehr

Als Blaupause für ein solches Verfahren gilt das Gaskraftwerk Irsching. Auch Steinkohlekraftwerke könnten unter eine solche - stark umstrittene - Regelung fallen. Dass allerdings auch die Braunkohle bedürftig ist - diese Botschaft ist noch relativ neu.

Lange war der Abbau des Rohstoffs so etwas wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Mit riesigen Baggern tragen die Kumpel den Rohstoff unter freiem Himmel ab. Ganze Dörfer, Eisenbahnstrecken und Autobahnen müssen weichen. Auf Förderbändern gelangt die Kohle in die nur wenige Kilometer entfernten Großtraftwerke. Keine Lieferengpässe, keine steigenden Weltmarktpreise können diesem Geschäft einen Strich durch die Rechnung machen.

"Braunkohle ist inkompatibel mit der Energiewende"

"Mit der Braunkohle konnte man noch gutes Geld verdienen", sagt Analyst Erkan Aycicek von der Landesbank Baden-Württemberg. Zuletzt halfen dabei auch niedrige Preise für Kohlendioxid-Zertifikate, die Versorger für jede erzeugte Tonne des Klimagases kaufen müssen. "Unter den aktuellen Rahmenbedingungen ist Braunkohle nach wie vor attraktiver als Steinkohle und Gas."

Doch die Zeiten könnten sich ändern. Eine neue Bundesregierung mit SPD oder Grünen am Kabinettstisch könnte in Brüssel stärker darauf drängen, dass die Zertifikate verknappt werden und sich deshalb verteuern. Außer Umweltschützern dringen darauf auch RWE-Widersacher Eon Börsen-Chart zeigen und andere europäische Versorger. Sie verfügen über große, im Vergleich zur Braunkohle saubere Gaskraftwerken. Doch viele - wie in Irsching - stehen oft still, weil Braunkohlestrom billiger ist.

So sicher das Geschäft mit der Braunkohle einmal war, so groß sind inzwischen die Risiken politischer und gesellschaftlicher Natur. "Braunkohle ist inkompatibel mit der Energiewende", sagt Energieexperte Christian von Hirschhausen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Zu schlecht regelbar, vor allem aber zu dreckig seien die Kraftwerke, um damit die Klimaziele zu erreichen.

Damoklesschwert in Karlsruhe

Ein künftiges Klimaschutzgesetz, aber auch steigende Preise für CO2-Zertifikate machten den Energieträger bald mehr oder weniger obsolet. Alle Versorger, auch Vattenfall, müssten sich deshalb über einen Ausstieg aus der Braunkohle nachdenken. Eon hat einen Teil seiner Aktivitäten in dem Bereich bereits verkauft.

Zwar malen längst nicht alle Energiefachleute so schwarz für die Braunkohle wie von Hirschhausen. Dennoch wäre es nicht überraschend, wenn auch RWE intern wenigstens Szenarien durchspielt, wie der Konzern den Anteil von Braunkohlestrom reduzieren kann. "Mittelfristig könnte RWE aus dieser Form der Stromerzeugung ein großer Imageschaden erwachsen", sagt Analyst Aycicek.

Wie ein Damoklesschwert hängen zudem juristische Unwägbarkeiten über dem braunen Gold. Derzeit prüft das Bundesverfassungsgericht, ob es sich einfach so mit dem Grundgesetz vereinbaren lässt, wenn ganze Dörfer zugunsten der schmutzigen Energiegewinnung aus Braunkohle weggebaggert werden. Dies erscheint zunehmend unwahrscheinlich, seit mit den erneuerbaren Energien andere heimische und zunehmend preiswerte Stromquellen zur Verfügung stehen, die gemeinsam mit gut regelbaren Gaskraftwerken die Versorgung sichern können.

Umso wichtiger ist es für RWE, im gegenwärtigen energiepolitischen Pokerspiel gut wegzukommen. Sollte der Braunkohletagebau Garzweiler II dabei langfristig zu einer gut bezahlten energiepolitischen Notreserve herabgestuft werden, wäre für RWE schon viel gewonnen.

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