Stilllegung angedroht Stromgiganten eröffnen das große Kraftwerks-Pokerspiel

Der deutsche Strommarkt entwickelt sich für Eon, RWE und Co. zum Alptraum. Mit ihren Großkraftwerken verdienen die Versorger kaum noch Geld. Jetzt drohen sie, massenhaft Anlagen vom Netz zu nehmen. Doch die Lichter werden nicht ausgehen - der Staat wird den Hilferuf erhören.
Steinkohlekraftwerk Mehrum: Viele Altanlagen sind unprofitabel

Steinkohlekraftwerk Mehrum: Viele Altanlagen sind unprofitabel

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Hamburg - Im bayerischen Irsching hat es schon einmal geklappt. Monatelang alarmierte Eon-Chef Johannes Teyssen Politiker und Öffentlichkeit, dass er das hochmoderne Gaskraftwerk schließen müsse. Dessen Strom war kaum noch gefragt, weil immer mehr Elektrizität aus Windkraft- und Solaranlagen ins Netz strömt und damit auch noch den Preis verdirbt.

Prompt rauften sich Eon, die ebenfalls am Kraftwerk beteiligten Stadtwerke, Netzbetreiber Tennet und die Bundesnetzagentur im Frühjahr dann zusammen - auf starken Druck der bayerischen Landesregierung. Die Irsching-Betreiber bekommen nun Geld dafür, dass die Anlage einfach nur da steht und das Stromnetz stabilisiert. Kosten in unbekannter Höhe werden auf alle Stromkunden umgelegt.

Teyssen und andere Top-Manager in der Energiebranche haben gelernt: Wer droht, dem wird geholfen. Deshalb könnte das Beispiel Irsching Schule machen - in weit größerem Umfang.

Satte 20 Prozent der klassischen Erzeugungskapazität könnten die deutschen Energieversorger bald stilllegen, weil sie nicht mehr profitabel seien, berichtete die "Süddeutsche Zeitung" am Dienstag. Außer Gas- und Kohlekraftwerken stünden auch Atommeiler auf dem Prüfstand. Dann würden von etwa 90 Gigawatt installierter Leistung aus konventionellen Kraftwerken nur 72 Gigawatt übrigbleiben. Das entspricht - Zufall oder nicht - ziemlich genau der Leistung, die Deutschlands Stromverbraucher momentan in der Spitze benötigen.

"Die Versorger sind keine Non-Profit-Organisationen"

Die Botschaft ist klar: Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, ist die Versorgungssicherheit akut gefährdet. Wer will schon auf Atomstrom aus Frankreich oder Tschechien angewiesen sein? Also ist die Drohung vor allem ein Appell an die Politik: "Eilt zu Hilfe und sichert die Existenz einer ausreichenden Zahl von Back-up-Kraftwerken!"

"Die Ankündigung von Kraftwerksschließungen hat auch etwas Symbolhaftes", sagt Energie-Analyst Pascal Göttmann vom Bankhaus Merck Finck & Co. Sie solle verdeutlichen, dass die Energiewende eine grundlegende Fehlkonstruktion aufweise: Während sich mit Solar- und Windkraftanlagen dank Subventionen verlässlich Geld verdienen lässt, schreiben viele konventionelle Anlagen, die als Back-Up dringend benötigt werden, rote Zahlen. "Die Versorger sind keine Non-Profit-Organisationen", sagt Göttmann.

In offiziellen Statements dementieren die Versorger die Stilllegungs-Erwägungen nicht. Ein Sprecher des Kraftwerkbetreibers RWE Power betont, es sei bekannt, dass alte Steinkohle- und Gaskraftwerke häufig wenig profitabel seien. Die sehr komplexen Prüfungen zu Stilllegungen seien aber noch nicht abgeschlossen. "Die Wirtschaftlichkeit des gesamten konventionellen Kraftwerkparks beobachten wir kontinuierlich", sagt eine Eon-Sprecherin.

Wie die alten Meiler wieder zu Gewinnbringern werden könnten

Tatsächlich frisst sich die Entwicklung der vergangenen Jahre tief in die Gewinne der Konzerne. Atomausstieg, Rezession und Konkurrenz durch erneuerbare Energien haben etwa bei Eon  dazu geführt, dass der Überschuss von 6,28 Milliarden (2010) auf 2,64 Milliarden Euro (2012) gerutscht ist. Zwischenzeitlich gab es sogar einen Verlust von 1,86 Milliarden Euro (2011), weil das Unternehmen Atomkraftwerke stilllegen musste.

Verluste werden auch neue oder im Bau befindlichen Anlagen bringen - wegen niedriger Strompreise und geringer Laufzeiten. So rechnet der Stadtwerkeverbund Trianel mit 100 Millionen Euro Verlusten im ersten Betriebsjahr seines neuen Steinkohlekraftwerks Lünen (Nordrhein-Westfalen).

So unberechenbar die Energiepolitik der Regierungen auch war, ganz unschuldig sind die Versorger an dieser Entwicklung nicht. "Viele Versorger haben die Dynamik der Entwicklung unterschätzt", sagt Göttmann mit Blick auf den Siegeszug der erneuerbaren Energien. "Vor Fukushima ging es den Versorgern unglaublich gut. Verwöhntheit führt zu Nachlässigkeit und Bequemlichkeit."

Feilschen ist das Gebot der Stunde

Die unprofitablen Altkraftwerke sind in diesen nunmehr turbulenten Zeiten aber möglicherweise doch mehr als nur ein Klotz am Bein, dessen sich die Unternehmen einfach nur entledigen möchten. Eon, RWE  und die kommunalen Versorger wissen sehr genau, dass die Energiewende hin zu mehr erneuerbaren Quellen ohne ihre Kraftwerke als Back-up für Wind, Solar und Co. nicht funktionieren kann.

Nun testen sie langsam aus, welchen Preis sie für ihre Dienste verlangen können. So dramatisch die kolportierten Erwägungen der Versorger auch klingen - dass sie tatsächlich Anlagen in der genannten Größenordnung demontieren werden, ist dagegen praktisch ausgeschlossen.

"Die Versorgungssicherheit ist nicht gefährdet", betont eine Sprecherin der Bundesnetzagentur. Insgesamt lägen etwa 15 Stilllegungsanzeigen vor. Die Behörde rechne nicht mit 20 Prozent, sondern mit einer wesentlich geringeren Quote im einstelligen Prozentbereich, hieß es aus einer gut informierten Quelle der Bundesnetzagentur.

Auch in fernerer Zukunft sind Engpässe unwahrscheinlich. Denn praktisch alle Konzepte für die Energiewende setzen voraus, dass fossile Altkraftwerke als Reserve dringend benötigt werden. "Kapazitätsmarkt" - lautet das Zauberwort, hinter dem sich neue Verdienstmöglichkeiten für Anbieter verbergen, die Kraftwerke als Sicherheit vorhalten. "Das ist potenziell ein hochattraktives Geschäft", sagt Analyst Göttmann.

Einen festen und endgültigen Rahmen gibt es dafür wohl erst nach dem Jahr 2017. Bis dahin geht es nicht zuletzt ums Feilschen. Dabei haben die Versorger mit ihrer Stilllegungs-Ankündigung einen wichtigen Schritt gemacht.

mit afp und dpa
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