Mittwoch, 11. Dezember 2019

Stilllegung angedroht Stromgiganten eröffnen das große Kraftwerks-Pokerspiel

Steinkohlekraftwerk Mehrum: Viele Altanlagen sind unprofitabel

Der deutsche Strommarkt entwickelt sich für Eon, RWE und Co. zum Alptraum. Mit ihren Großkraftwerken verdienen die Versorger kaum noch Geld. Jetzt drohen sie, massenhaft Anlagen vom Netz zu nehmen. Doch die Lichter werden nicht ausgehen - der Staat wird den Hilferuf erhören.

Hamburg - Im bayerischen Irsching hat es schon einmal geklappt. Monatelang alarmierte Eon-Chef Johannes Teyssen Politiker und Öffentlichkeit, dass er das hochmoderne Gaskraftwerk schließen müsse. Dessen Strom war kaum noch gefragt, weil immer mehr Elektrizität aus Windkraft- und Solaranlagen ins Netz strömt und damit auch noch den Preis verdirbt.

Prompt rauften sich Eon, die ebenfalls am Kraftwerk beteiligten Stadtwerke, Netzbetreiber Tennet und die Bundesnetzagentur im Frühjahr dann zusammen - auf starken Druck der bayerischen Landesregierung. Die Irsching-Betreiber bekommen nun Geld dafür, dass die Anlage einfach nur da steht und das Stromnetz stabilisiert. Kosten in unbekannter Höhe werden auf alle Stromkunden umgelegt.

Teyssen und andere Top-Manager in der Energiebranche haben gelernt: Wer droht, dem wird geholfen. Deshalb könnte das Beispiel Irsching Schule machen - in weit größerem Umfang.

Satte 20 Prozent der klassischen Erzeugungskapazität könnten die deutschen Energieversorger bald stilllegen, weil sie nicht mehr profitabel seien, berichtete die "Süddeutsche Zeitung" am Dienstag. Außer Gas- und Kohlekraftwerken stünden auch Atommeiler auf dem Prüfstand. Dann würden von etwa 90 Gigawatt installierter Leistung aus konventionellen Kraftwerken nur 72 Gigawatt übrigbleiben. Das entspricht - Zufall oder nicht - ziemlich genau der Leistung, die Deutschlands Stromverbraucher momentan in der Spitze benötigen.

"Die Versorger sind keine Non-Profit-Organisationen"

Die Botschaft ist klar: Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, ist die Versorgungssicherheit akut gefährdet. Wer will schon auf Atomstrom aus Frankreich oder Tschechien angewiesen sein? Also ist die Drohung vor allem ein Appell an die Politik: "Eilt zu Hilfe und sichert die Existenz einer ausreichenden Zahl von Back-up-Kraftwerken!"

"Die Ankündigung von Kraftwerksschließungen hat auch etwas Symbolhaftes", sagt Energie-Analyst Pascal Göttmann vom Bankhaus Merck Finck & Co. Sie solle verdeutlichen, dass die Energiewende eine grundlegende Fehlkonstruktion aufweise: Während sich mit Solar- und Windkraftanlagen dank Subventionen verlässlich Geld verdienen lässt, schreiben viele konventionelle Anlagen, die als Back-Up dringend benötigt werden, rote Zahlen. "Die Versorger sind keine Non-Profit-Organisationen", sagt Göttmann.

In offiziellen Statements dementieren die Versorger die Stilllegungs-Erwägungen nicht. Ein Sprecher des Kraftwerkbetreibers RWE Power betont, es sei bekannt, dass alte Steinkohle- und Gaskraftwerke häufig wenig profitabel seien. Die sehr komplexen Prüfungen zu Stilllegungen seien aber noch nicht abgeschlossen. "Die Wirtschaftlichkeit des gesamten konventionellen Kraftwerkparks beobachten wir kontinuierlich", sagt eine Eon-Sprecherin.

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